Interview

Meditationstrainer Gelong Thubten: „Mindfulness ist attraktiv, weil es losgelöst von religiösen Ideen ist“

Gelong Thubten. © MediaHQ
Gelong Thubten. © MediaHQ

Er war für viele das Highlight des Fifteen Seconds Festivals in Graz: Gelong Thubten, Mönch des tibetanischen Buddhismus, hat es sich zum Ziel gesetzt, „Mindfulness“ ins stressige Digitalzeitalter zu bringen. Er versucht, Mitarbeitern in Unternehmen wie Google Meditationstechniken beizubringen, mit deren Hilfe man Stress abbauen, seinen Fokus schärfen und die innere Harmonie verbessern können soll. Rund um den Begriff der „Mindfulness“ ist ein echter Trend entstanden, auf den viele Manager und Arbeiter in der IT-Branche aufgesprungen sind.

Warum ist Mindfulness derzeit in aller Munde, was ist so attraktiv daran?

Gelong Thubten: Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass es aktuell immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Hirnforschung gibt, die belegen, dass Menschen, die Meditieren, gesünder, glücklicher und empathischer leben. Diese harten Ergebnisse machen Mindfulness attraktiver für Menschen. Im Buddhismus wissen wir das seit 3000 Jahren, aber jetzt liest man immer öfter darüber in den Medien. Wissenschaft ist die neue Religion, und wenn die Wissenschaft sagt, dass etwas funktioniert, dann glauben die Menschen daran. Es gibt aber auch einen zweiten Grund: Mindfulness ist auch deswegen attraktiv, weil es losgelöst von religiösen Ideen ist. Heutzutage wollen viele Menschen nichts mit organisierten Religionen zu tun haben, oder sie wollen Buddhismus nicht praktizieren. Das Tolle an Mindfulness ist, dass Meditation allen zugänglich macht, und das macht es so erfolgreich.

Warum ist Mindfulness gerade so stark in der Digitalbranche gefragt? Unternehmen wie Google oder Intel setzen stark darauf.

ich habe viel mit Google-Leuten gearbeitet, ich kenne deren Lebensstil. Für sie ist Mindfulness deswegen attraktiv, weil ihr Leben so schnell und kompliziert ist. Sie suchen verzweifelt nach etwas, dass ihnen etwas Frieden schenkt. Dieser Frieden wiederum hilft ihnen dabei, ihre schwere Arbeit zu schaffen.

Wie war es, Mediationstechniken bei Google zu zeigen? Wie haben die Computer-Nerds dort darauf reagiert?

Ich würde Google-Leute nicht als Nerds bezeichnen. Sie sind sehr offene, herzliche und mitfühlende Menschen. Google scheint Menschen anzuziehen, die die Welt verändern wollen, und diese Menschen sind sehr offen gegenüber Mindfulness. Es war der einfachste Job, den ich jemals hatte.

Wer sich mit Mindfulness noch nicht auseinandergesetzt hat – wie würden Sie es beschreiben?

Es sind Methoden, um unser Bewusstsein zu trainieren, um präsent, stabil und glücklich zu werden.

Aus Ihrer Erfahrung als Trainer – funktioniert das für jeden?

Ich habe Mindfulness in Gefängnissen trainiert, wo die Leute dort überhaupt nicht offen sind für das Thema. Aber wenn man ihnen dann erklärt, dass sie so die wahren Gründe von Glück und Leiden entdecken können, dann realisieren sie, dass es eine nützliche Sache ist. Man kann jedem Menschen davon überzeugen, dass es nützlich ist. Natürlich gibt es Leute, für die es sehr schwer ist, etwa jene, die eine psychische Erkrankung haben.

Viele Leute springen auf den Trend auf, hören mit dem Meditieren aber sehr bald wieder auf. Was fehlt ihnen, um dabei zu bleiben?

Das ist tatsächlich das Problem der meisten. Entweder sie meditieren, oder sie fühlen sich schuldig, dass sie nicht meditieren (lacht). Meine Lösung dafür: Man macht mehrere ganz kurze Sessions pro Tag. Wenn man drei Mal pro Tag für fünf Minuten meditiert, ist das nicht nur einfach, sondern es wird auch sehr schnell zum Teil des Alltags. Mein zweiter Tipp: Man muss es ins täglich Leben integrieren. Man kann Dinge wie spazierengehen, Handewaschen oder Zähneputzen auch sehr bewusst machen, und so kann man sich an Mindfulness gewöhnen, ohne viel Aufwand betreiben zu müssen.

Es gibt viele Apps wie Headspace (hier ein Testbericht), die das Meditieren beibringen wollen. Würden Sie solche Apps empfehlen, oder sollte man sich lieber einen richtigen Trainer suchen?

Natürlich ist es sehr wichtig, einen Lehrer zu haben. Man braucht einen Lehrer, dem man Fragen stellen kann, von denen man Feedback bekommt, etwa wenn es um andere Methoden geht, die man ausprobieren kann. Die Apps sind aber sicher ein nützliches Back-up, und sie helfen sicher dabei, motiviert zu bleiben. Ich kenne Andy Puddicombe, den Macher von Headspace, und ich habe sehr viel Respekt für ihn und seine Arbeit. Seine App ist sicher auch ein guter Weg, um mit dem Meditieren zu beginnen.

Kostenpflichtige Apps, die Mindfulness trainieren, Bücher, Konferenz-Talks – was halten Sie von dieser Kommerzialisierung des Meditierens?

Für mich als buddhistischer Mönch ist das eine andere Sache, ich verdiene nichts mit Auftritten auf Konferenzen. Ich bitte meine Gastgeber, Spenden für karitative Zwecke zu geben, speziell für Mediationszentren, bei denen ich involviert bin. Ich kritisiere andere nicht dafür, Mindfulness zu lehren. Es sagt ja auch niemand, dass Doktoren und Krankenschwestern nichts verdienen sollen, weil sie anderen helfen, und sie müssen sich und ihre Familien ja auch ernähren.

Wie bestreiten Sie ihren eigenen Lebensunterhalt?

Ich muss nichts verdienen. Wenn ich durch die Welt reise und Leuten Mindfulness beibringe, dann bezahlen sie mir die Flugtickets, die Unterkünfte und das Essen. Meine persönlichen Bedürfnisse sind sehr bescheiden, ich trage ja nur meine Roben, und zum Friseur muss ich auch nicht gehen. Mein Leben ist ziemlich simpel, ich schaue lieber darauf, dass das Geld zu den karitativen Einrichtungen geht, für die ich arbeite.

Glauben Sie das der Hype rund um Mindfulness bald wieder verschwinden wird, oder ist das etwas Nachhaltiges?

Meditation gibt es seit Tausenden von Jahren und wird von so vielen Menschen praktiziert. Mag sein, dass der Begriff Mindfulness kurzlebig ist, aber die Praxis des Meditierens in den verschiedensten Formen, die wird nie verschwinden.

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