Gastbeitrag

Michael Schuster von Speedinvest: „Der Staat sollte öfter bei Start-ups als Kunde auftreten“

Michael Schuster, Partner bei Speedinvest. © Speedinvest
Michael Schuster, Partner bei Speedinvest. © Speedinvest

Die Bundesregierung will im Rahmen der „Digital Roadmap“ Österreich zum Innovations-Leader in Europa machen und die Digitalisierung nutzen, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Im Rahmen einer Online-Diskussion sind alle Bürger bis 30. März (die Frist wurde verlängert) gefragt, sich mit ihren Vorschlägen einzubringen. Vertreter der österreichischen Start-up-Szene veröffentlichen hier ihre Ideen – heute ist Michael Schuster, Partner beim Wiener Risikokapitalgeber Speedinvest, an der Reihe:

Wer länger als Unternehmer oder gar im Start-up-Umfeld arbeitet, wünscht sich bald eines: Möge Politik doch wie ein Unternehmen funktionieren. Da gibt es sie, die Roadmaps, die Umsetzungspläne für strategische Ziele und ja, die brauchen auch oft länger als geplant, aber in den meisten Fällen finden angesagt Pläne dann auch statt.

Nicht so in der Politik. Ihre Kunst ist es, den richtigen Zeitpunkt und die richtigen Mehrheiten zu organisieren. Das langsame Bohren harter Bretter, wie Max Weber über den Beruf des Politikers sagte. Das ist frustrierend und schwer nachvollziehbar. Denn die wichtigen nächsten Schritte liegen seit Jahren auf der Hand.

Rahmenbedingungen für Unternehmertum

Vorweg sei gesagt: Es ist gut, dass es eine Digitale Roadmap gibt und dass sie im Rahmen eines Konsultationsprozesses der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Transparenz und Beteiligung der BürgerInnen ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer offeneren Gesellschaft, deren Interesse an politischen Prozessen auch abseits von Wahlen besteht.

Dennoch muss die Kritik sachlich hart ausfallen: Die Maßnahmen, die in der aktuellen Version beschrieben werden, sind eine Sammlung zahlreicher Ideen und Vorhaben, die in einzelnen Fällen schon seit mehren Jahrzehnten diskutiert werden. Was fehlt, ist die Umsetzung, nicht ein weiteres Papier.

Digitalisierung wird klar von Unternehmen vorangetrieben, die mit ihren innovativen Dienstleistungen neue Märkte schaffen oder erobern. Digital und global. Das führt zu neuer Beschäftigung, die andere Kompetenzen und damit andere Bildung benötigt. Und neue Infrastruktur nach sich zieht. Die Nachfrage regelt die meisten der angesprochenen Bereiche ganz von alleine.

Dass Österreich in Sachen Rahmenbedingungen für Unternehmertum nicht gerade glänzt und in den letzten Jahren auch keinen Schritt vorwärts gemacht hat, haben Armin Strbac und Florian Gschwandtner bereits ausführlich behandelt. Da ist die „GmbH light“ und deren unrühmliche Geschichte nur ein Puzzlestein. Vielmehr ist zu beobachten, dass junge Unternehmen heute in jenen Ländern und Rechtssystemen gründen, in denen die Rahmenbedingungen besser sind. Standort ist in einer digitalen Ökonomie nur mehr ein geringer Wettbewerbsvorteil, wenn es um die rechtliche Hülle geht.

Gründer in unserem Portfolio gründen heute genauso oft in England oder den USA wie in Österreich. Wenn wir in Zukunft noch Unternehmen in diesem Sektor in Österreich haben wollen, ist es längst Zeit, entschieden zu handeln.

Der Staat als wichtiger Partner

Dabei ist es keinesfalls so, dass eine digitale Ökonomie ohne einen kräftigen, entschlossenen Staat entstehen könnte: Studien zeigen, dass in allen erfolgreichen Ländern der Staat über Fund-of-Fund-Investments oder Kapitalgarantien entscheidend war für die Entstehung eines Risikokapitalsektors, der wiederum notwendig ist, diese Art von Unternehmen zu finanzieren.

In Zeiten von strengeren Bankenfinanzierungsregeln und gleichzeitiger Deregulierung in Europa, die viele neue Möglichkeiten schafft, wird es nötig sein, kompetente und motivierte Institutionen zu haben, die Innovation unkompliziert und unbürokratisch fördern. Das Austria Wirtschaftsservice (AWS) ist so eine Institution, ohne AWS gäbe es viele junge digitale Unternehmen nicht.

Umso erstaunlicher ist es, dass im gesamten Dokument, kein einziges Mal der Begriff „Investment“, „Investor“ oder „Business Angel“ vorkommt. Wer an die digitale Welt denkt, kann Risikokapital nicht aussparen.

Warum gerade der Staat nicht viel öfter bei Start-ups als Kunde auftritt und damit konkret der digitalen Ökonomie Anschub verleiht, bleibt rätselhaft. In vielen Fällen werden vielmehr jene großen multinationalen Konzerne mit Aufträgen betraut, die an anderer Stelle gerne als Steuersünder bezichtigt werden. Da diese Konzerne dann gerne wieder bei kleinen, spezialisierten Unternehmen zukaufen, fragt man sich oft, warum hier nicht mutiger agiert und vergeben wird. Vielleicht hilft ein KMU-Bonus bei staatlichen Vergabeverfahren?

Von der Machtorientierung zur Umsetzungsorientierung

Egal, welche Maßnahmen letztendlich in der Digital Roadmap stehen: Gemessen wird diese Initiative an ihrer Umsetzungskraft werden. Der entscheidende Schritt, die Gretchenfrage der Politik der nächsten Jahrzehnte ist, ob die Entwicklung von einem machtorientierten System in ein umsetzungsorientiertes System gelingt.

Dass das möglich ist, zeigen Unternehmer jeden Tag vor. Unvorstellbar wären die hierarchischen Kulturen alter Konzerne in modernen Unternehmen. Unerträglich das Klima für junge, motivierte MitarbeiterInnen. Der Generation Y sind Ziel und Ergebnis viel wichtiger als Karriereleitern, Machtspiele oder Kontrollsysteme. Sie sind am Sinn orientiert.

Der Sinn einer Digital Roadmap kann nur sein, ein Ziel zu erreichen und viele der Maßnahmen möglichst rasch umzusetzen. Wenn das gelingt, dann wird alles gut. Immer wieder.

Alle weiteren Gastbeiträge zur Digital Roadmap finden sich hier. Wenn auch du dich mit deinen Ideen für Österreichs Digital Roadmap in Form eines Gastbeitrags einbringen willst, dann schreib eine Mail an feedback@trendingtopics.at.

Springe zu:

Be smart and nice ;)

Ganzen Artikel lesen