Matthias Strolz und sein Einstieg ins Startup-Business

Wir haben heute einen ganz besonderen Gast im Studio: Matthias Strolz. Er ist nicht nur als ehemaliger NEOS-Chef bekannt, sondern mittlerweile auch als Musiker und Medienmacher tätig - und er hat kürzlich seinen Einstieg ins Startup-Business (story.one) gemacht.

Gepostet von TrendingTopics.at am Freitag, 21. Juni 2019
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Matthias Strolz: „Du solltest als Startup-Unternehmer immer Pilot deines Lebens sein und nicht Passagier“

Bis 2018 war er Fraktionsführer des NEOS Parlamentsklub und Vorsitzender der NEOS und ist unter anderem für Sprüche wie „Was ist mit Ihnen, Frau Minister!?“ (in Richtung der ehemaligen Ex-Sozialministerin Beate Hartinger-Klein) berühmt geworden. Jetzt ist Matthias Strolz zurück im Unternehmerleben, weil er der „Pilot und nicht der Passagier“ seines Lebens sein will.

Als „Portfolio-Unternehmer“, wie er sich bezeichnet, macht er heute systemische Organisationsentwicklung, setzt Medienprojekte um (z.B. bei Puls 4), macht Musik (z.B. gemeinsam mit Kurt Razelli) – und hat sich beim Salzburger Startup story.one engagiert (Trending Topics berichtete).

Im Interview mit Trending Topics spricht der gebürtige Vorarlberger, der heute mit seiner Familie in Wien lebt, über seinen Einstieg ins Startup-Business, über die Geschäftsidee hinter story.one, über seine Reaktion auf das Ibiza-Video

Trending Topics: Warum begeistert dich story.one, warum hast du dich bei der Salzburger Jungfirma engagiert?

Matthias Strolz: story.one ist eine Weltg’schicht. Wir bauen eine Story-Plattform für Geschichten aus dem echten, die es wert sind erzählt zu werden. Wenn du 12 Geschichten bei uns geschrieben hast, kannst du mit Drag & Drop ein Buch daraus machen, einfacher als ein Fotobuch. Das ist „Innovation to zero“. Self-Publishing gab’s natürlich schon, aber meistens sind dabei bürokratische Hürden verbunden oder doch irgendwelche Kostenbeiträge.

Bei uns hat du dieses Buch in sieben Tagen bei dir zu Hause, ein Stück kostet 16,99 Euro, und du bekommst eine ISBN-Nummer. Wir bringen dich auf die Liste der eine Million lebenden Autoren. Das ist einfach eine geile Geschichte. Das ist ein Beitrag zur Weltverbesserung, das ist mir besonders wichtig. Ich sehe, dass es die Menschen froh macht, Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen, und es verbindet die Menschen. Wir bringen das Lagerfeuer zurück in die Mitte der Gesellschaft.

Wirst du selbst als Autor tätig sein?

Ja, ich habe selbst auch schon Storys geschrieben, einen Story-Contest gehostet und ein Buch namens „#europelove“ gemacht. Es funktioniert also, das Proof of Concept ist erledigt. Wir haben bereits 3.300 Geschichten drinnen, wollen bis nächstes Jahr 100.000 Geschichten drin haben. Das ist ein großer Pool an Content und eine Chance für Menschen, die spannende Dinge erlebt haben. Das, was YouTube mit „Broadcast yourself“ war, sind wir mit „Publish yourself“. Es ist nicht Rocket Science, aber die Art und Weise, wie wir es verschraubt haben, stößt auch international auf viel Interesse. Mit dem letzten Quartal 2019 geht es nach Deutschland, und wir wollen auch nach Afrika, denn das ist die Wiege der Menschheit.

In Afrika seht ihr viel Potenzial?

Ja, Afrika ist „the new frontier“, keine Frage.

Die Plattform ist prinzipiell kostenlos. Wie funktioniert das Business-Modell von story.one?

Ja. Man muss sich registrieren, das ist uns wichtig. Wir wollen keine anonyme Plattform sein, weil wir auch eine Mission haben. Wir sehen, dass es in den klassischen Social Media viele Schattenseiten gibt. Dort werden manche hemmungslos, es gibt viele Hater. Bei uns schreiben die Menschen an diesem One-Pager zwischen zwei und sieben Stunden. Die sortieren sich, und dann kommt ganz selten etwas Negatives heraus. Bei uns schreibt von Hugo Portisch bis zur Kassiererin aus dem Lebensmittelgeschäft.

Es gibt Schätzungen, dass in Deutschland 40 Millionen Manuskripte herumliegen. Wenn es nur ein Viertel ist, gibt es in Deutschland und Österreich zehn Millionen Menschen, die den Wunsch Selbstmanifestation durch ein Buch haben. Das Buch ist auch für die Generation Z wichtig, auch wenn sie Digital Natives sind. Die wollen auch etwas Haptisches.

Wir verdienen natürlich dabei mit, wenn die Menschen etwas Publizieren. Früher hieß Self-Publishing, dass man sich 500 Stück bestellt, man die Verwandtschaft gewollt oder ungewollt mit 50 beschenkt, und 450 verrotten im Keller. Da liegen Wälder in den Kellern. Bei uns kannst du nachbestellen, ab 100 Stück um 9,90 Euro.

Und wir verdienen natürlich auch an der Content-Mine, die da entsteht. Es zum Beispiel eine große Kette mit einem Kundenmagazin, die sagt: Eure Geschichten sind spannend. Oder es gibt Kooperationen in Anbahnung mit Tageszeitungen, mit NGOs. Da gibt es ganz viele Möglichkeiten. Content ist das neue Gold der Zukunft. Uns ist die Transparenz wichtig: Wir wollen da keine Geschäftsmodelle an unseren Autoren vorbei bauen. Man kann auch Geschichten nicht öffentlich machen.

Um den Usern, die Bücher machen wollen, ein realistisches Bild zu geben – kann man in Österreich vom Buchschreiben leben?

Nein, kannst du in Österreich nicht, da muss man ehrlich und klar sein. Es gibt immer wieder Lucky Punches, wo jemand von Büchern leben kann, oder man macht ein Kombinations-Geschäftsmodell, wo Bücher mit Vorträgen kombiniert werden. Andreas Salcher wäre so jemand. In Österreich ist man, und das war erstaunlich für mich, jenseits der 4.000 verkauften Exemplare ein Bestseller-Autor. Im klassischen Verlag bekommt man etwa zehn Prozent (des Buchpreises, Anm.) vom Nettopreis. Das kann sich jeder ausrechnen, als Bestseller-Autor beginnt man bei 8.000 Euro Einkünften. Ein Ibiza-Urlaub ist da nicht drin.

Du bezeichnest dich als Portfolio-Unternehmer. Was ist das?

Ich verstehe mich als Impact Entrepreneur, ich will Wirkung mit dem erzeugen, was ich unternehmerisch mache. Als Portfolio-Unternehmer möchte ich auf mehreren Feldern präsent sein und bleiben. Ich bin in einer gewissen Abwehrhaltung, es darf mich keine Baustelle komplett verschlucken. Die drei Felder sind: Erstens Autor, Publizist und TV-Schaffender, im September kommt dazu mein neues Buch „Sei Pilot deines Lebens“. Ich habe eine Talk-Sendung bei Puls 4, und im Herbst kommen weitere Projekte mit dem ORF. Das zweite Feld ist systemische Organisationsentwicklung, wo ich Unternehmen in Wachstumsphasen begleite.

Das dritte Feld ist Ehrenamt, und da sage ich gleich dazu, da bin ich ziemlich voll. Da kommen jeden Tag Wünsche und Angebote. Ich habe im November und Dezember nur ehrenamtlich gearbeitet, dann habe ich einen Kredit aufgenommen, und gesehen: Irgendwas läuft hier falsch. Ich will ehrenamtlich tätig sein, ein Drittel meiner Arbeitszeit reserviere ich dafür, etwa beim Europäischen Forum Alpbach oder beim Lifeball oder beim beim Social Business Sindbad.

Wirst du dich neben story.one bei weiteren Startups beteiligen?

Es haben wirklich viele Startups bei mir vorbei geschaut, ich habe mir etwa 50 Startups seit letztem August angeschaut. Ich habe die Gabe und die Last gleichzeitig: Ich interessiere mich für so vieles. Es ist so geil und so herzerwärmend, was junge Menschen an Kreativität, an Innovation, an Entschlossenheit zeigen. Ich habe dann zwei, drei, vier in der engeren Auswahl gehabt und auch begleitet, aber dann auch gesehen: Es zerreißt mich. Ich will ja auch familiär präsenter sein, ich mache Mittwoch meinen Papa-Tag, und auch sonst will ich mehr zuhause sein.

Man kann nicht überall gleichzeitig sein.

Nein, deswegen habe ich auch meine Rollen in Advisory Boards zurückgelegt und gesagt, dass ich mich auf story.one fokussiere. Das ist das, was mein Herz gewonnen hat. Ich kenne mich ja auch nicht überall aus. Gerade im Umweltbereich gibt es so geile Geschichten, aber ich bin halt kein Techniker. Es kann nicht mehr als eines sein, und story.one ist jetzt „the place to be“ für mein Startup-Engagement.

Investierst du Kapital, oder läuft das eher über Work 4 Equity?

Ich mache Sweat Equity, ich habe keine Kohle auf der Kante. Ich habe ein paar Wertpapiere, aber auch einen Schweizer-Franken-Kredit, der von selbst mehr wird. Ich habe drei Kinder, da hast du eine Burn-Rate, die ganz beachtlich ist. Ich will nicht jammern, wir kommen gut über die Runden.

Du bist seit 2018 raus aus dem Polit-Zirkus. Vermisst du das?

Vermissen wäre zu viel gesagt, aber es interessiert mich noch. Wenn du den Virus einmal hattest, das ist wie Malaria, das bringst du nicht mehr los, da kannst du nur hoffen, dass er nicht wieder ausbricht. Und dann war natürlich Ibiza, das war ein Energiestoss, ein politischer. Da hat es mich wild gewürfelt ein paar Tage, was das jetzt für mich heißt. aber ich habe mich wieder eingekriegt.

Hast du eine Rückkehr überlegt?

Nein, nicht wirklich. Aber es hat mich in einer anderen Intensität berührt als alles vorher. Ich glaube, ich habe den richtigen Zeitpunkt gewählt, die Losung war: Wachsen statt Gründerfalle. Drei von vier Gründern in der Wirtschaft werden hinausgetragen, weil sie den Zeitpunkt übersehen, wann sie gehen sollten. Diese Altmänner-Krankheit wollte ich nie haben. Ja, ich war in den ersten sieben Jahren nicht gut ersetzbar bei NEOS und wollte das ziehen. Ich habe schon ein gutes Auge dafür, wie man Organisationen bauen muss, damit sie nicht von Personen abhängig sind.

Das habe ich übrigens auch zu Sebastian Kurz gesagt. ich habe gesagt, dass handwerklich vieles gut läuft, inhaltlich bin ich entschlossen gegen vieles, das du machst. aber eines sehe ich nicht in deiner Verantwortung gegenüber dem Staatsganzen: Das ist eine staatstragende Partei, und die muss man neu erfinden, und nur einen Personenwahlverein daraus zu machen, ist zu wenig. Denn wenn uns die ÖVP und die SPÖ wegbrechen, dann hat dieses Land ein echtes Problem. Das Werkel funktioniert wunderbar für diese eine Person, aber es ist nicht verantwortungsvoll für das Staatsganze. Es muss auch unter einer anderen Obmannschaft funktionieren, das ist auch mein Anspruch gewesen.

An dem Punkt, an dem ich gesehen habe, dass ich das erste Mal gut ersetzbar bin bei den NEOS, hat die Vaterrolle in mir aufgezeigt. Ich bin dort ersetzbar, aber als Vater nicht, da gibt es keinen Plan B, keinen Stellvertreter, nur dich. Ich habe sieben Jahre lang abgehoben bei meiner Frau, und irgendwann war das Konto leer. Deswegen war es wichtig, die Entscheidung für die Familie zu treffen.

Müssen sich Gründer, die Unternehmen bauen, also darauf achten sich ersetzbar zu machen?

Ja unbedingt. Vieles bauen sowas eh mit einer Exit-Logik, wovon ich eher kein Fan bin. Wenn ein Startup erwachsen ist, dann soll man es ziehen lassen. Es kann sein, dass man selbst das ganze Leben dort eine Rolle hat, aber für verschiedene Phasen braucht es verschiedene Führungsenergien. Dass du der Wunderwuzzi bist, der für jede Phase der absolut Richtige ist und dass du daneben keine Sehnsüchte hast, ist unwahrscheinlich.

Ich habe auch bei Story.one gesagt: Ich gehe da hinein, weil wir es weltweit ausrollen wollen. Diese Sehnsucht nach Selbstmanifestation gibt es weltweit. Aber ich habe auch gesagt, dass ich nicht nach Dubai, nach Singapur oder ins Valley abreiten fahren kann. Mein Hub ist Wien, familiär ist das Commitment da, dass ich die nächsten zehn Jahre zu Hause das Ding mithalte. Bei drei Kindern ist das eigentlich ein eigener Betrieb, das Non-Profit-Unternehmen Familie. Das ist einfach viel Hacke, und wir leben das. es ist das Größte für mich, Papa zu sein, und das heißt da zu sein, präsent zu sein.

Die NEOS haben sich als erste Partei um das Startup-Thema gekümmert, dann sind viele andere aufgesprungen. Wie hast du das Thema verfolgt? Gab es einen Hype?

Wir haben das von Anfang an mit verfolgt und als einzige Parlamentspartei verstanden. Wir haben uns um Startup gekümmert als die anderen Parteien das Wort noch nicht einmal schreiben konnten. Die ÖVP ist damals erschrocken, weil wir damals etwas erkannt haben und vieles mitgestaltet haben. Wir haben Startup-Reisen nach Israel gemacht, wo wir Stipendien für junge Startup-Unternehmer verlost haben, wir waren im Silicon Valley.

Dann hat es Harald Mahrer verstanden, Sebastian Kurz hat es auch grundsätzlich verstanden, und Christian Kern hat es auch verstanden. Dann war es plötzlich Chefsache. Natürlich war es auch oder ist es ein Hype. Aber wenn du bei einem Pioneers Festival oder dem 4Gamechangers bist – ah, das tut dem Land so gut! Da ist keine Raunzerpartie, sondern Leute die anpacken.

Österreich hätte so viel. Wien hätte ein internationaler Hub werden können, ich glaube das haben wir übersehen. Aber immerhin, es gibt eine sehr lebendige Szene. Wie bei jedem Phänomen, das so in die Dynamik kommt, um nicht zu sagen in den Hype geht, gibt es natürlich überschießende Phänomene. Natürlich druckst du manches nicht durch in der Startup-Blase. Es ist mitunter eine Zusammenrottung von Smart Asses, und die musst du aushalten. Aber Smart Asses heißt nun mal, dass sie smart sind und die Welt niederreissen wollen. Manche sind in einem jugendlichen Überschwang und spüren sich nicht.

Ich glaube, die Selbstfürsorge ist sehr wichtig. Man muss gut auf sich selbst schauen als Startup-Unternehmer. Es muss nicht jeder in den Wald gehen oder im Kloster fasten oder Yoga machen, aber man muss Routinen entwickeln, um wieder runterzukommen vom Vollgas. Ich bin schon Vollgas-Fan, aber nicht wenn das Gaspedal klemmt. Du solltest als Startup-Unternehmer immer Pilot deines Lebens sein und nicht Passagier.

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