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Interview

Mastercard-Chef Christian Rau: „Fintechs zeigen, wie Banking aussehen kann“

© Martin Hron
© Martin Hron

Vergangenes Jahr übernahm Christian Rau die Leitung von Mastercard Österreich von Gerald Gruber. Trending Topics traf den General Manager im Rahmen der 80. Hahnenkammrennen in Kitzbühel. Mastercard tritt dort seit Jahren als Sponsor auf, das hat sich auch unter Christian Rau nicht geändert – einige andere Dinge allerdings schon. Ein Gespräch über die Digitalisierung in Österreich, das Bezahlen mit dem Smartphone, Bargeld und die Konkurrenz durch Alipay, Google Pay und Co.

Anfang April 2019 übernahm Christian Rau die Leitung von Mastercard Austria – mit ambitionierten Zielen: Er plante, das Unternehmen „noch deutlicher als Innovationstreiber im österreichischen Markt zu positionieren“. Der Fokus sollte neben der Debit Mastercard vor allem auf mobilen Bezahllösungen liegen. Stellt sich rund zehn Monate später die Frage, ob Rau seine Visionen und Pläne verwirklichen konnte.

Trending Topics: Beginnen wir mit einer doch aktuellen Fragestellung. Apple Pay startet in Österreich durch, mit Google Pay oder Alipay stehen die nächsten Anbieter bereits in den Startlöchern. Können diese Zahlungssysteme den etablierten Banken beziehungsweise Finanzdienstleistern den Rang ablaufen?

Christian Rau: Ich glaube, ohne diese Frage negieren zu wollen, ist das gar nicht die Frage, die sich im ersten Schritt stellt – beziehungsweise muss man zwischen den Unternehmen differenzieren. Google Pay und Apple Pay sind glaube ich Kanäle, über die die Banken digitalen Zugang zu den Konsumenten gewinnen können. Sie halten sich dann genau da auf, wo die Kunden kommunizieren, Fotos machen und eben auch Dinge einkaufen. Alipay ist sicher ein anderes Geschäftsmodell, das, glaube ich, für den europäischen Markt zum jetzigen Zeitpunkt nicht so relevant ist.

Aber natürlich wird das Spielfeld heterogener, es treten neue Spieler in den Markt. Aber zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir diese Kombination aus den Banken als vertrauter Partner der Konsumenten, im Zusammenspiel eben mit Technologieunternehmen und Mastercard, als eine sehr gute Kombination. So ist sichergestellt, dass Konsumenten da einfach sicher und bequem bezahlen können, wo sie das wollen. Das ist ein „Begleiten des digitalen Lebenswandels“.

Digitalisierung und PSD2

Thema Vereinfachung: Seit acht Monaten gibt es die „neue“ Debit Mastercard, die vor allem in Kombination mit Apple Pay Vorteile bieten soll. Wie fällt das erste Fazit aus?

Das erste Fazit ist sehr positiv. Wir haben vor acht Monaten mit der Erste Bank und den Sparkassen in Österreich gestartet. Die Karte wird sehr gut von den Konsumenten angenommen, wie wir hören. Der Großteil der Karten ist auch bereits von Maestro auf die neue Debit Mastercard getauscht. Die Kernmotivation der Erste Bank war auch, eben genau diese digitalen Nutzungsszenarien, die mit der Mastercard bzw. jetzt auch der Debit Mastercard und der Sechzehn-stelligen Kartennummer einhergehen, flächendeckend verfügbar zu machen. Österreich ist ein Debit-Markt und dem wollen wir und die Erste Bank Rechnung tragen, indem wir Lösungen anbieten, die die Konsumenten einfach überall nutzen können.

Digitalisierung und der „mobile Shift“ werden dennoch oft auch negativ konnotiert – vor allem wegen etwaiger Sicherheitsbedenken. Jetzt ist seit einiger Zeit PSD2 (also eine Zwei-Faktor-Authentifizierung) Pflicht. Ist das eine Erfolgsgeschichte beziehungsweise der Weisheit letzter Schluss? Immerhin ist das System nicht wirklich intuitiv und stellt viele ältere Nutzer häufig vor Verständnisprobleme.

Zum Thema Digitalisierung und Zielgruppe: Ich glaube, jeder, der einen digitalen Lifestyle führt, der kann entsprechend auch so bezahlen. Wir werden niemanden die Plastikkarte wegnehmen und ich persönlich glaube auch, dass die Plastikkarte aufgrund ihrer Robustheit, aufgrund der Möglichkeit, dass ich sie wirklich überall auf der Welt nutzen kann, noch lange bei uns bleiben wird. Sie wird rückläufige Relevanz haben, weil die Technologie zunehmend ins Handy wandert, aber wir werden niemanden dazu zwingen, diese Technologie zu nutzen. Es wird auch zunehmend einfacher werden. Von daher glaube ich, Digitalisierung wird zunehmend neue Bevölkerungsgruppen, einfach durch den demografischen Wandel, erschließen.

Ist die PSD2 der Weisheit letzter Schluss und ist sie ein Erfolg? Ich glaube, dass ist nicht für uns zu beantworten. Die entsprechende Regulation kommt von den Behörden aus Brüssel beziehungsweise in der nationalen Umsetzung auch von der Finanzmarktaufsicht. Ich glaube, dass die Intention der PSD2, Sicherheit im Banking noch weiter zu erhöhen, eine gute ist. Ich glaube auch, dass die Industrie gemerkt hat, wie komplex eine flächendeckende, zeitlich synchronisierte Umsetzung ist – das hat auch der Regulator gemerkt. Darum haben wir jetzt diese Übergangsfrist bis zum Ende des Jahres. Ich glaube, dass wir gemeinsam als Industrie auf einem guten Weg sind, die PSD2 zu einem Erfolg zu machen. Das Thema Sicherheit ist das Nonplusultra und ein absoluter Hygienefaktor im Bereich Zahlungsverkehr. Da kann eigentlich nicht genug Fokus drauf sein.

Payment: Sicherheit vs. Bequemlichkeit

Oft sind allerdings die Sicherheitsbedenken bei den NutzerInnen geringer als der Convenience-Faktor. PSD2 wird als lästig angesehen.

Das Thema ist – und ich möchte da dem Konsumenten gar nicht zu nahe treten: Viele Konsumenten sagen, Sicherheit ist das Wichtigste, verhalten sich aber nicht so. Einfachheit, Bequemlichkeit, das ist im Endeffekt das Wichtigste. Das Thema Bezahlung, so gerne wir das als Mastercard anders sehen würden, ist keine Primärfunktion, sondern eine Sekundärfunktion. Ich möchte gerne einkaufen, da muss ich auch dafür bezahlen. Der Konsument setzt sich typischerweise nicht so viel mit dem Thema (Sicherheit, Anm.) auseinander.

Das heißt, viele Konsumenten werden mit einer Vielzahl an Marketingbotschaften „überfrachtet“ und natürlich wurde auch die PSD2 entsprechend durch Banken und Medien kommuniziert. Aber in vielerlei Hinsicht ist es dann ja wirklich so, dass ich mich als Konsument wirklich erst ernsthaft damit auseinandersetze, wenn es „zu spät“ ist. Ich glaube, das hatten wir zu einem gewissen Grad auch bei der PSD2. Ich glaube auch, sagen zu dürfen, dass der Regulator vielleicht die Komplexität der Wertschöpfungskette, die er mit der PSD2, wenn auch mit den besten Absichten, unterschätzt hat. Es ist eine komplexe Industrie, bei der viele Spieler zusammenarbeiten müssen – das ist per Definition nichts, was sich einfach komplett drehen lässt.

Wäre es denkbar, von einer Zwei-Wege-Authentifizierung wieder auf einen Weg zu reduzieren? Ohne konkrete Idee jetzt, nur als Überlegung. Möglichkeiten gäbe es ja.

Die Zwei-Faktor-Authentifizerung der PSD2 ist ein sehr guter, ein sehr valider Ansatz. Wir bei Mastercard unterstützen das Thema Biometrie auch sehr stark, weil es aus unserer Perspektive eine Abkehr von „einfach oder sicher“ bedeutet. Es geht hin zu „höchstmöglicher Einfachheit bei gleichzeitiger Sicherheit“. Das Thema wird uns sicher noch über einige Zeit begleiten und nimmt sicher auch Fragen der „Digitalen Identität“ vorweg, die uns nicht nur im Payment und Banking beschäftigen.

Biometrie ist derzeit kaum wegzudenken, gilt als vergleichsweise sicher und zukunftsfit. Denkt man trotzdem bereits an Alternativen?

Ich denke, wir haben jetzt über Biometrie in all ihren Facetten bereits eine gute Kombination. Es werden noch andere Dinge wie Handvenen-Erkennung und weitere biometrische Merkmale kommen. Dieses Zusammenspiel aus dieser wirklichen Individualisierung mit der entsprechenden Sicherheit ist zum jetzigen Zeitpunkt sicher ein zukunftsträchtiges Konzept.

Smartphone statt Karte

Thema Mobile Shift: Es wird immer mehr mit und über das Smartphone gemacht. Wo sehen Sie hier die größten Risiken, abgesehen von Diebstahl und Verlust?

Aus der Mastercard-Perspektive sehe ich im ersten Schritt jetzt keine Risiken. Die Transaktion ist typischerweise über Biometrie oder einen PIN zu zertifizieren. Die Transaktion ist mindestens genauso sicher wie ein „normale“ Transaktion mit der Plastikkarte. Durch Technologien wie die Tokenisierung erreichen wir noch ein zusätzliches Sicherheitsniveau. Natürlich bietet das Smartphone demjenigen, der es in die Hände bekommt, beinahe einen Rundumblick auf den Konsumenten. Aber auch hier muss man sagen, dass, wenn das Smartphone verloren wird, der Finder damit keine Transaktionen tätigen kann. Ich glaube, dass wir perspektivisch im digitalen Kanal die Sicherheit weiterhin auf einem Kartenniveau oder sogar darüber halten können.

Wagen wir einen Ausblick in die Zukunft: Sind wir irgendwann auf dem Level, das Smartphone zum Bezahlen gar nicht mehr aus der Tasche ziehen zu müssen – wie bei Amazon Go? Und ist das überhaupt denkbar in Europa?

Technisch ist es offensichtlich möglich. Was da (bei Amazon Go, Anm.) de facto passiert, ist eine E-Commerce-Transaktion. Belastet wird ja die in Amazon hinterlegte Karte. Ich glaube, das sich künftig das Bezahlen im Einzelhandel weiter verändern wird. Es gibt keine Notwendigkeit, sich ausschließlich auf den zentralisierten Checkout-Prozess einzuschränken. Ich kann mir vorstellen, dass wenn ich in einem Elektronikgeschäft bin und einen großen Fernseher kaufe, dass ich direkt vor Ort beim Verkäufer bezahle. Ich scanne einfach den QR-Code auf dem Produkt, zahle direkt über das Handy und nehme den Fernseher mit oder er wird mir geliefert – ohne, dass ich an der Kassa anstehen muss.

Die technologischen Möglichkeiten, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen E-Commerce und Einzelhandel ergeben, sind jetzt noch gar nicht absehbar. Natürlich wird es aber immer wieder Fragen rund um das Thema Datenschutz geben. Das muss dann aber der Konsument entscheiden. Wir stehen für technologische Vielfalt. Was sich dann am Markt durchsetzt, wird sich zeigen.

Der Fintech-Bereich in Europa ist gerade sehr populär, nicht nur wegen N26. Wie wichtig sind denn Challenger-Banken für Mastercard?

Sehr wichtig, ohne dass ich da den etablierten Playern zu nahe treten möchte. Die Fintechs zeigen, wie Banking heutzutage aussehen kann. Klassische Banken kommen aus einer Filial-Retail-Historie mit den entsprechenden Stärken und Restriktionen. Wenn jetzt jemand auf der grünen Wiese anfängt und einen Mobile-First-Ansatz verfolgt und dann auch noch stark auf Innovationen setzt und die Nutzererfahrung in den Vordergrund rückt, dann ist das glaube ich für den Markt als solches gut.

Für uns als Mastercard ist es auch gut, weil illustriert wird, was im Payment- und Banking-Bereich in Zusammenspiel mit unserer Technologie alles an spannenden Lösungen möglich ist. N26 und Co werden dem Markt langfristig und auch den etablierten Banken helfen, sich noch stärker und noch schneller an den sich verändernden Konsumentenbedürfnissen zu orientieren.

„Österreich muss sich nicht verstecken“

Wie steht Österreich in Sachen Digitalisierung im Finanzbereich international da? Ihr Vorgänger Gerald Gruber meinte letztes Jahr, Österreich würde „einige Möglichkeiten liegen lassen“. Wie sehen Sie das?

Jedes Land, jede Volkswirtschaft, jede Gesellschaft lässt Möglichkeiten liegen, das liegt in der Natur der Sache. Ich möchte da Geralds Statement gar nicht negieren, aber aus meiner Wahrnehmung – und ich bin Deutscher – ist Österreich nicht in einer Position, in der man sich schämen muss. Wenn man Indikatoren wie Smartphone-Penetration, Online-Banking oder Mobile Banking heranzieht, ist Österreich sehr weit vorne. Natürlich ist auch Tatsache, dass der Bargeldanteil in der österreichischen Wirtschaft höher ist als in vielen anderen Märkten, beispielsweise Skandinavien oder England. Das bedeutet aber auch, dass wir noch viel Potenzial haben, Innovationen voranzutreiben im Bereich der Digitalisierung, und auch beim Payment und Banking. Die Banken habe das Thema erkannt und auch wir tragen unseren Teil dazu bei.

Letzte Frage: Wie lange gibt es denn noch Bargeld?

Ich glaube, Bargeld wird es noch sehr, sehr lange geben. In der Frage schwingt ja so ein wenig mit, wann Mastercard es geschafft hat, das Bargeld abzuschaffen. Das ist nicht unsere Intention. Die Bankomatkarte als eines unserer Kernprodukte, gerade in Österreich, wird ja auch uns sehr stark dafür genutzt, Bargeldlogistik sicherzustellen. Das ist für uns ein wichtiges Geschäft und wir haben keine Absicht, das zu stoppen.

Ich glaube schon, dass der Anteil der Bargeldzahlungen in der Gesellschaft rückläufig sein wird. Das sehen wir seit einigen Jahren. Je mehr Teile unseres Konsums in diesen digitalen Sektor wandeln, desto mehr wird Bargeld rückläufig sein. Digitalisierung bringt auch viele Vorteile mit sich. Am Ende des Tages ist es aber nicht unsere Aufgabe, den Konsumenten zu sagen, sie sollen nicht mit Bargeld bezahlen. Unsere Aufgabe ist es, einfache, sichere, bequeme, digitale Zahlungskanäle anzubieten und der Konsument hat dann die Wahlfreiheit.

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