Interview

Marie-Hélène Ametsreiter von Speedinvest: „Wir sind nicht die, die in schnelle B2C-Copycats investieren“

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Marie-Hélène Ametsreiter, Partnerin von Speedinvest. © Speedinvest
Marie-Hélène Ametsreiter, Partnerin von Speedinvest. © Speedinvest

Sie sitzt als einzige Frau am Podium der Investoren der Start-up-Show 2 Minuten 2 Millionen, war Generaldirektorin der Telekom-Austria-Tochter Vipnet in Kroatien und ist heute in München stationiert, um dort für den Wiener Risikokapitalgeber Speedinvest nach Investmentmöglichkeiten in Start-ups Ausschau zu halten. Im Interview mit TrendingTopics.at spricht sie über die Trendthemen Jobsuche, Immobilien und Versicherungen, den Fokus auf FinTech-Start-ups, den Konkurrenzkampf am deutschen Markt um die besten Investments und die nach wie vor niedrige Frauenquote in der österreichischen Gründerszene.

Sie sind seit Jänner 2016 für den Wiener Risikokapitalgeber Speedinvest als Partnerin nach Deutschland gegangen. Wie läuft das ab?

Marie-Hélène Ametsreiter: Das Büro ist in München, aber natürlich tut sich in Berlin auch sehr viel. Anders als in Österreich, wo sich alles in Wien konzentriert, ist es ganz normal, Termine in vielen anderen Städten wahrzunehmen. Da muss man die Flexibilität haben, viel zu reisen.

Sind Sie die große Speedinvest-Offensive für Deutschland?

Wir waren immer schon in Deutschland aktiv, haben in deutsche Start-ups investiert und mit deutschen VCs kooperiert. Aber mit zunehmender Fonds-Größe (Speedinvest II ist 90 Millionen Euro schwer, Anm.) haben wir die Möglichkeit, uns auf einem breiteren geografischen Feld zu betätigen, und daher ist es sehr viel einfacher, wenn man einen aktiven Partner vor Ort hat.

Dass Ihr Mann Hannes Ametsreiter, der seinen Job als Telekom-Austria-Chef abgab und jetzt CEO von Vodafone Deutschland ist, hat mit der Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, wohl auch zu tun.

Genau. Das hat sich gut ergeben. Mit dem zweiten Speedinvest-Fonds haben wir ohnehin überlegt, wie wir Deutschland besser bearbeiten können, haben Partnerschaften mit anderen VCs angedacht. Jetzt bin ich als Partner in Deutschland vertreten.

Wenn Sie Deutschland mit Österreich vergleichen, welche Erkenntnisse haben Sie da bis dato gemacht?

Dass man sehr viele Österreicher in deutschen Start-ups wieder trifft, etwa bei Number26. Es gibt viele, die dort bereits angesiedelt sind, etwa aufgrund des Ökosystems. Man muss schon sagen, dass die Szene in punkto Accelerators, Inkubatoren, aber auch von Seiten der Industrie in Deutschland sehr ausgeprägt ist. In Sachen Qualität und Quantität sind Start-ups in Deutschland noch ein kleines Stück vor uns.

Wenn so viele Österreicher nach Deutschland gehen, woran mangelt es Österreichs Ökosystem?

Ich glaube, dass Österreich auf einem wirklich guten Weg ist. Wir haben auch einige Punkte, wo wir besser aufgestellt sind, Förderungen etwa sind in Österreich einfacher zu bekommen. Was uns in Österreich sicher fehlt, sind die Anschlussfinanzierungen, wenn es um weiteres Wachstum geht. Da ist Deutschland besser aufgestellt, Europa allerdings wiederum weit hinter den USA.

Speedinvest hat in Österreich als VC quasi eine Monopolstellung (Speedinvest-Chef Oliver Holle zu diesem Thema hier), am deutschen Markt gibt es jedoch vielmehr Risikokapitalgeber. Wie gehen Sie in den Wettbewerb um die besten Start-ups?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Speedinvest differenziert sich von anderen durch das Modell, dass wir wirklich bei Start-ups mitarbeiten und nicht bloß Geld hergeben. Wir haben 13 Partner, die allesamt erfahrene Unternehmer sind, bei uns sitzen keine Investmentbanker oder Berater. Diese Mitarbeit ist etwas, was Start-ups in einer frühen Phase enorm schätzen, die Erfahrung brauchen sie manchmal dringender als das Geld. Es ist oft mehr wert, Netzwerkzugang zu haben oder gemeinsam eine Markenstrategie zu entwickeln, als nur Cash. Aber klar: Andere VCs sind uns in punkto Fonds-Volumen deutlich überlegen.

Speedinvest hat einen sehr klaren FinTech-Fokus. In Deutschland gibt es wohl sehr viele Investitionsmöglichkeiten in dem Bereich.

Ja, die gibt es dort noch und nöcher. FinTech ist etwas, wo wir Kompetenz bewiesen haben und wo wir mit dem Stefan Klestil (Aufsichtsrat bei Wirecard und im Advisory Board einer ganzen Reihe von FinTech-Start-ups wie Number26, Anm.) einen sehr erfahrenen Partner bei uns wissen. Wir sind nicht nur in Deutschland, sondern auch in Großbritannien einer der Player, der im FinTech-Bereich gut mitspielen kann.

Aktuell ist es offensichtlich, dass Banken nach technologischen Innovationen gieren. Wann hat man bei Speedinvest diesen Trend erkannt?

Der FinTech-Groschen ist vor meiner Zeit gefallen. Bei solchen Trends hängt es schon sehr oft mit der Menge an Start-ups zusammen, die im Dealflow auf einen zurollen. Da macht es auf einmal “Schwapp!” und man denkt sich: Das kann jetzt nicht von irgendwo kommen. Wenn man dann mit Start-ups zu potenziellen Kunden geht, spürt man, ob auf der anderen Seite der Wille da ist, in die Digitalisierung zu investieren.

Welche Trends schwappen derzeit auf Speedinvest zu?

Was wir derzeit sehr stark spüren, sind die Themen Jobsuche, Versicherungen und Immobilien. Und natürlich alles, was mit dem Internet of Things und Hardware-Software-Kombinationen zu tun. Was uns wiederum von anderen differenziert: Wir sind nicht die, die in schnelle B2C-Copycats investieren. Wir schauen schon genau darauf, ob das Start-up eine Technologie hat, die wirkliche Innovationskraft hat und nachhaltigen Nutzen stiften kann. Bei DeepTech geht es darum, eine Basistechnologie zu schaffen, viele verschiedene Anwendungsfälle in vielen verschiedenen Industrien zu ermöglichen. Das fasziniert uns eigentlich am meisten.

Investments in Finnland, Großbritannien, Deutschland, Estland, Ungarn: Man könnte das Gefühl bekommen, dass Speedinvest in letzter Zeit den österreichischen Markt vernachlässigt.

Nein, das würde ich nicht sagen, aber was stimmt: Wir haben ganz bewusst einen CEE-Fokus eingeschlagen, weil wir glauben, dass wir in der Region sehr viel Tech-Talente finden können. Diese Talente weiter zu bringen und dann in den Rest Europas und die USA zu bringen, das tun wir gerne. Das heißt nicht, dass wir Österreich nicht spannend finden. Wir nehmen aber nur die Besten.

Im neuen European Startup Monitor (mehr dazu hier) sieht man, dass nur etwa 15 Prozent der österreichischen Gründer weiblich sind. Ist das ein großes Problem?

Das hat nichts mit Start-up zu tun, das ist ein Problem in jedem Wirtschaftszweig. Wir verzichten hier auf 35 Prozent intellektuelle Kapazität, und da gilt es Wege zu finden, wie man die erschließen kann.

Welche Maßnahmen müsste man setzen?

Technische Ausbildung. Das ist ein kulturelles Thema, technologisches Verständnis muss für Frauen, Mädchen eine Selbstverständlichkeit werden. Aber das kann man nicht der Pädagogik vorwerfen, die Wurzel des Problems liegt in den gesellschaftlichen Strukturen. Das kann man nicht von heute auf morgen verändern, aber was wir schon tun können: Jeder Einzelne muss jeden Tag dran arbeiten, dass wir uns weiterentwickeln.

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