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Reportage

Lieferung aus der Ghost Kitchen: Fragwürdiges Geschäft mit Fake-Restaurants

Boten von Mjam warten auf ihre Pakete. © Trending Topics
Boten von Mjam warten auf ihre Pakete. © Trending Topics

„Burger? Ja hab ich auch, aber nur bei Lieferung.“ Nach außen wirkt die Kebab-Stube im zweiten Wiener Bezirk wie jede andere. Getränkekühlschrank, Tassen mit Salat und Tomaten, hinten dreht sich der obligatorische Hühnerspieß. Doch eines ist anders bei Mr. Döner’s. Im Internet läuft das kleine Straßenlokal unter einem ganz anderem Namen, nämlich unter Beste Freunde Burgergrill.

Nur über Umwege findet man heraus, dass die Kebab-Stube für den Online-Lieferdienst Delivery Hero (in Österreich besser bekannt als Mjam) eine Ghost Kitchen betreibt – eine Geisterküche, die mit einer geschickt inszenierten Marke die Mjam-Kundschaft mit „Wunderkind, „Hitzefrei“ oder „Herzenswunsch“ getauften Burgern versorgt. Ghost Kitchens wie diese gibt es in Wien bereits einige, und zwar in Restaurants, in denen man sie nicht vermuten würde. Trending Topics hat vier solcher Geisterküchen entdeckt. Das Delikate daran: Die Vermarktung übernimmt eine Tochterfirma des deutschen Liefer-Riesen Delivery Hero – und hilft damit den Ghost Kitchen, in Konkurrenz zu herkömmlichen, bei Mjam gelisteten Restaurants zu treten.

Virtuelle Restaurants, die es gar nicht gibt

Wer in Wien bei Mjam bestellt, der ist beim Durchscrollen der Liefer-Lokale vielleicht schon einmal auf Baba Noni, Gangnam Kitchen, Mamacita, Holy Chicken, Blattgold oder eben Beste Freunde Burgergrill gestoßen. „Beim Restaurant Baba Noni – Modern Oriental Kitchen in der Semperstraße in Wien gibt es Healthy Fast Food für alle, die gerne online Essen bestellen, wenn sie mal gestresst von der Arbeit nach Hause kommen und im Kühlschrank gähnende Leere herrscht“, steht da in der Beschreibung von Mjam.

Dass sich in der Semperstraße 47 im 18. Wiener Bezirk aber eigentlich das Geschäftslokal „Milons Restaurant“ befindet, steht nirgends. Und dass an der Adresse auch noch die beiden anderen Geisterküchen „Baba Noni“ und „Blattgold“ betrieben werden, findet man ebenfalls nur über Umwege heraus.

Ghost Kitchen bei Mjam Adresse Webseite Tatsächliches Geschäftslokal
Baba Noni Semperstraße 47, 1180 Wien https://babanoni.at/ Milons Restaurant
Gangnam Kitchen Engerthstraße 92, 1200 Wien https://gangnamkitchen.at/ Pizzeria Delfino
Mamacita Semperstraße 47, 1180 Wien https://mamacita.at/ Milons Restaurant
Beste Freunde Burgergrill Untere Augartenstraße 2, 1020 Wien https://bestefreundeburger.at/ Mr. Döner’s
Holy Chicken Pantzergasse 4, 1190 Wien https://holychicken.at/ Pizzeria Mamanoso
Blattgold Semperstraße 47, 1180 Wien https://blattgold-lieferservice.at/ Milons Restaurant
Mr. Döner's in 1020 Wien. © Trending Topics
Mr. Döner’s in 1020 Wien. © Trending Topics
Milons Restaurant in 1180 Wien. © Trending Topics
Milons Restaurant in 1180 Wien. © Trending Topics
Pizzeria Delfino in 1200 Wien. © Trending Topics
Pizzeria Delfino in 1200 Wien. © Trending Topics

Die Webseiten der Ghost Kitchens machen mit Bildern von Gerichten und knackigen Texten Appetit auf die Gerichte – von den eigentlichen Restaurants, die die Speisen zubereiten und die dann von Mjam-Lieferboten zugestellt werden, kein Wort. Lediglich den Hinweis, dass man ein „Delivery-Only Restaurant“ sei, gibt es. Eines haben die Webseiten – mal abgesehen vom ähnlichen Aufbau – dann aber doch immer gemeinsam: Betreiber ist die Delivery Hero HF Kitchens GmbH.

Die Delivery Hero HF Kitchens GmbH wiederum lässt sich im Firmenbuch nicht finden, doch in dem Namen stecken eigentlich alle Infos. Delivery Hero ist der deutsche Mutterkonzern des Lieferdienstes Mjam in Österreich, und „HF“ steht kurz für „Honest Food“. Bei der Honest Food Company handelt es sich ein Berliner Startup, das von Delivery Hero Ende 2019 aufgekauft wurde und damit zur Schwester von Mjam wurde.

„Ehrliches Essen“?

Honest Food steckt hinter den sechs Ghost Kitchen, die in Wien betrieben werden. Das funktioniert laut Gründerszene.de folgendermaßen: Das Unternehmen der beiden Gründer Sebastian Klein und Robin Steps betreibt virtuelle Restaurants. Lokalbetreiber wie Mr. Döner’s oder die Pizzeria Delfino sind Franchise-Nehmer der erfundenen Marken wie „Gangnam Kitchen“ und kaufen die Zutaten sowie die Verpackungen bei Honest Food. Die Speisen werden in Großküchen gekocht und dann tiefgefroren an die Franchise-Nehmer geliefert. Die Bestellungen kommen über Mjam oder die Webseiten herein, die Honest Food betreibt. Dafür wird eine Gebühr pro Lieferung bezahlt.

Macht Delivery Hero den anderen gelisteten Restaurants auf Mjam mit einem eigenen Angebot Konkurrenz? Gerade in der aktuellen Situation, wo lokale Betriebe durch Lokalbetretungsverbote wirtschaftlich stark leiden? Und warum wird auf Mjam nicht ausgewiesen, dass Mamacita und Co. eigentlich als Ghost Kitchen von einer Delivery-Hero-Tochter betrieben werden? Zu diesen Fragen wollte sich die Geschäftsführung von Delivery Hero HF Kitchens GmbH in Berlin nicht äußern.

Das Thema der Ghost Kitchen ist in der Gastronomie bereits bekannt – es gibt dazu viele Meinungen, sowohl Pro als auch Contra. Während die Geisterküchen für Konsumenten wenig transparent sind, gelten sie gerade im Zeitalter von Online-Bestellungen als gute Lösung für die Gastronomie, größere Regionen (z.B. den ländlichen Raum) beliefern zu können. Essenziell dabei ist, das Marketing und die Brands entsprechend aufzubauen, um Konsumenten zum Ordern zu bringen. Mit Delivery Hero also Mutter hat die Honest Food Company eine gute Quelle zu Daten, welche Speisen in welchen Gebieten stark nachgefragt werden – und können diese Nachfrage schnell mit Ghost Kitchen bedienen.

Delivery Hero verdoppelt Umsatz fast

„Wir haben bis jetzt dazu noch keine Kritik von unseren Mitgliedsbetrieben erhalten und werden dieses Vorgehen einstweilen beobachten. Sollte die Thematik eine spürbare Beeinträchtigung für die Betriebe darstellen, werden wir gegebenenfalls weitere Schritte evaluieren“, heißt es derzeit seitens Fachverband Gastronomie der Wirtschaftskammer Österreich.

Die Mutter von Honest Food und Mjam, Delivery Hero, gehört in der Corona-Krise zu den Gewinnern. Weil Essenslieferungen Restaurantbesuche ersetzen, ist der Umsatz von Delivery Hero im ersten Quartal 2020 um 92 Prozent auf 515 Millionen Euro gestiegen, hat sich also gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt. Im Heimatmarkt Deutschland ist Delivery Hero nicht mehr aktiv, dort wurde das Geschäft an den Hauptrivalen TakeAway.com aus den Niederlanden (u.a. Lieferando) verkauft. Das Gros des Umsatzes stammt mittlerweile aus dem Nahen Osten und Südostasien – und auch deswegen, weil Delivery Hero verstärkt mit eigenen Boten arbeitet und nicht an andere Lieferdienste auslagert.

In Österreich hieß es seitens der Delivery-Hero-Tochter Mjam zuletzt, dass die Bestellungen bei Essenslieferanten wieder zunehmen. Zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen gingen diese stark zurück, weil viele Menschen offenbar zu Hause kochten, anstatt zu ordern. Auch hieß es, dass Online-Bestellungen alleine Restaurants nicht durch die Krise helfen könnten, um zu überleben.

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