Facebooks Kryptowährung: Wir nehmen Libra auseinander

Im Live-Talk diskutieren wir mit Chris Miess von der Digital Asset Association Austria & Bernhard Blaha von HERO über die neue Kryptowährung Libra, die Facebook gestern präsentiert hat.

Gepostet von TrendingTopics.at am Mittwoch, 19. Juni 2019
Blockchain

„Libra ist eine Bedrohung für jede Bank und für Fintechs wie N26 und Revolut“

Der 18. Juni 2019, der wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Denn an diesem Tag hat Facebook mit 27 Partnerfirmen (u.a. PayPal, Visa, Mastercard, eBay, Uber, Spotify) nichts weniger als die Neuerfindung des internationalen Zahlungsverkehrs samt passendem Krypto-Token namens Libra angekündigt.

Ab 2020 soll man mit Messenger oder WhatsApp damit Geld an Freunde schicken, seine Uber- oder Spotify-Rechnungen bezahlen oder Beträge zu sehr geringen Gebühren ins Ausland überweisen können. Potenziell sind es mehr als zwei Milliarden Nutzer, die ab 2020 Libra verwenden könnten.

„Der 18. Juni ist der wichtigste Tag in des Evolution des modernen Finanzsystems in den letzten zehn Jahren“, so Chris Miess, Präsident der Digital Asset Association Austria (DAAA), im Studio-Gespräch mit Bernhard Blaha (Mitgründer des Krypto-Startups Herocoin) und Trending Topics. Nur das Bitcoin-Whitepaper, das vor etwas mehr als zehn Jahren von einem Unbekannten namens Satoshi Nakamoto veröffentlicht wurde, sei wichtiger gewesen.

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Keine Konkurrenz für Bitcoin und Ethereum

„Libra wird mit einem Schlag die größte Kryptowährung der Welt werden“, sagt Miess. Bei mehr als 2,4 Milliarden Facebook-Nutzer sei das Adoptionspotenzial des kommenden Zahlungsmittel riesig. „Libra wird Bitcoin oder Ethereum nicht abschaffen“, sagt auch Blaha. „Die Zielgruppe ist sicher nicht der Krypto-Hardcore-User, der sein eigenes Krypto-Portfolio angelegt hat und weiß, wie Blockchain funktioniert. Da wird eher abgezielt auf Leute, die keine Ahnung von Blockchain haben und ein leicht zugängliches und leicht zu verwendendes Zahlungsmittel wollen.“

Facebook gehe es eher darum, eine Alternative zu WeChat der chinesischen Firma Tencent aufzubauen. „Libra ist ein westliches Gegenstück zu WeChat“, sagt Blaha. Mit Libra, Messenger und WhatsApp werde es nun möglich, dass mittels Smartphones und QR-Codes überall digital bezahlt werden könne. In China verwenden sogar Obdachlose WeChat-Codes, um auf der Straße Spenden entgegen zu nehmen.

Ein Rivale für Banken – und Neobanken

Mit dem Schritt in Richtung Zahlungs-Provider, der eine eigene Währung herausgibt, tritt Libra künftig in direkte Konkurrenz zu Banken jeder Art. Kein Wunder, dass unter den 27 Partnerfirmen- und -organisationen keine Wall-Street-Bank dabei ist. „Libra ist der größte Schritt von Facebook in Richtung einer Bank, den es machen hat können. Libra ist die größte Bedrohung für jede große Bank auf dieser Welt, langfristig eine Bedrohung auf der Investment-Seite, und es ist eine riesen Bedrohung für Fintechs wie N26 und Revolut“, sagt Miess.

So wird man künftig theoretisch kein Bankkonto mehr brauchen, um für Dinge im Internet und offline zu bezahlen – vorausgesetzt natürlich, Shops und Unternehmen akzeptieren Bezahlungen mit Libra. „Facebook macht einen Schritt in Richtung Zahlungswesen, der Weg zu einer Bank ist noch ein weiter“, sagt Blaha.

Eine Gelddruckmaschine?

Für Facebook und die Partnerfirmen könnte sich die Libra Association, die in der Schweiz sitzt und die Blockchain der Kryptowährung verwaltet, zu einer wahren Geldgrube entwickeln. „Die Libra Association in der Schweiz wird hohe Gewinne einfahren“, sagt Miess. „Das Lukrativste werden die Transaktionsgebühren sein. Wenn das nur ein Cent auf einen Dollar ist, dann sind das potenziell riesige Revenues, sowohl für Facebook als auch für die anderen partizipierenden Gründungsmitglieder.“

Technisch gesehen ist derzeit stritt, ob die Libra Blockchain überhaupt als solche bezeichnet werden sollte – denn mit zum Start rund 100 Nodes ist sie nicht „permissionless“. Es kann also anders als bei Bitcoin oder Ethereum nicht jede Privatperson teilnehmen, sondern es dürfen nur große Partner, die bestimmte Bedingungen erfüllen, einen Node betreiben.

„Für eine Währung ist Libra sehr dezentral, für eine Kryptowährung sehr zentral“, sagt Blaha von Herocoin. „Zentralisierung ist manchmal nötig, um Regulierungen zu erfüllen und um eine gute Usability bieten zu können.“ Auch andere Blockchains wie NEO oder EOS hätten diesen Ansatz mit wenigen Nodes gewählt. Eine echte Innovation sei der Stablecoin nicht. „Es ist keine komplette Innovation, es ist ein Sammelsurium an Technologien, die es bereits gibt.“

Datenschutz als größtes Fragezeichen

Wird sich Libra nun durchsetzen können? Miess und Blaha gehen prinzipiell von einem Erfolg aus. Doch einen großen Stolperstein neben Regulierungsbehörden gibt es. „Die größte Red Flag sind Datenschutzthemen. Wenn die Trennung der klassischen Facebook-Welt zum Finanzgebahrung des Einzelnen gegeben ist, dann hat es eine Überlebenschance“, sagt Miess. „Bei Facebook besteht die Gefahr, dass das Facebook-Profil mit einer der anonymen Public-Key-Adresse verknüpft wird.“

Für Nutzer wird Libra jedenfalls bedeuten, dass sie sich bei Apps wie WhatsApp oder Messenger noch eindeutiger identifizieren müssen als bisher. Blaha: „Es wird notwenig sein, dass Nutzer KYC und AML-Verfahren durchlaufen werden müssen, um sich zu identifizieren.“

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