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Lernsieg: Der Streit um die Lehrerbewertungs-App aus allen Blickwinkeln

© APA / Georg Hochmuth
© APA / Georg Hochmuth

„Wir haben noch nie Daten verkauft, verkaufen keine Daten und werden auch nie Daten verkaufen“, beschwor Benjamin Hadrigan, Erfinder der seit Monaten heiß diskutierten Lehrerbewertungs-App Lernsieg bei der Pressekonferenz zum Relaunch am Montag. Während die Schülerunion nach wie vor „Raum für Verbesserungen“ findet, freut sich Hadrigan über zwei neue Investoren. Der nächste Streit dürfte aber nur eine Frage der Zeit sein.

„Wir bleiben bei unserer Ansicht, dass fundiertes und konstruktives 360-Grad-Feedback an Österreichs Schulen essentiell ist. Genau deshalb ist das Ministerium jetzt am Zug und muss so schnell als möglich die Bemühungen intensivieren“, ließ die Schülerunion wenige Minuten nach Ende der Pressekonferenz offiziell verlautbaren. Gleichzeitig freuen sich die Investoren über ihren Coup, der Erfinder der App zeigt sich sorglos und die Lehrergewerkschaft schäumt. Eine Analyse aus verschiedenen Betrachtungswinkeln.

1. Die Datenschutz-Diskussion

Vorgeschobener Grund oder ernsthafte Sorge? Die Kritik an Datenschutz und den Risiken, die eine solche Anwendung mit sich bringt, ist und war gerechtfertigt. Nicht umsonst hieß es aber in den letzten Wochen seitens einiger Experten, dass der Anwendung datenschutzrechtlich kaum beizukommen sei. Daniel Lohninger, Datenschutzexperte von epicenter.works (eine Interessensvertretung für Grund- und Freiheitsrechte) und selbst Lehrer, schätzt die Vorgänge rechtlich okay ein: „Die App verarbeitet, soweit wir wissen, alle personenbezogenen Daten nach den Vorgaben der europäischen Datenschutzgrundverordnung. Die Datenschutzbehörde hat das dort anhängige Verfahren dazu deshalb eingestellt. Die von den Lehrerinnen und Lehrern erfassten Daten sind nicht sehr umfangreich und das berechtigte Interesse der Allgemeinheit an der Qualität von öffentlichen Schulen überwiegt die Beeinträchtigung des Grundrechts auf Datenschutz der Lehrerinn und Lehrer.“

Außerdem gebe es eine Vielzahl von Diensten, die ähnliche Bewertungen für andere Berufsgruppen ermöglichen und die bereits auf ihre Rechtmäßigkeit überprüft und als gesetzeskonform beurteilt worden seien. Lohninger: „Wenn wir die Bewertung von Menschen, auch wenn sie sich nur auf deren berufliche Tätigkeit beschränkt, als Gesellschaft kritisch gegenüber stehen, dann muss man das für alle diskutieren, nicht nur für Pädagoginen und Pädagogen.“

Die Datenschutzbehörde sieht das ähnlich: Die Verarbeitung der Lehrerdaten stehe im Einklang mit den Grundsätzen der Datenschutz-Grundverordnung, heißt es im Beschluss. Das ist bitter für alle Kritiker, denen es zumeist auch gar nicht nur um den Datenschutz ging.

2. Der Standpunkt der Lehrergewerkschaft

Das bestätigt auch Paul Kimberger, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft: „Das Urteil ändert nichts an der Tatsache, dass wir in der Gewerkschaft Lernsieg für untauglich halten. Ganz egal was man ändert, diese App ist nicht dafür geeignet, ein qualitatives Feedback in Bereich von Schule und Bildung einzuholen.“ Er habe nichts gegen Feedback-Systeme, ganz im Gegenteil: „Wenn es hilft, die Schule weiterzuentwickeln, dann her damit. Die Frage ist aber, wie ich das mache.“ Fünf Sternchen würden nicht reichen, eine „Lehrerbewertung ist keine Pizzabestellung“.

„Ganz besonders, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, kann das nicht in ein 5-Sterne-Schema gepresst werden. Feedback-Systeme, die wir schon in Schulen haben und auf Augenhöhe respektvoll sind, schauen anders aus“, schließt Kimberger.

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Für ihn würden drei Punkte eine Rolle spielen.  Erstens: „Wie schaut es mit Datenschutz aus?“ Die Datenschutzbehörde gebe zwar grünes Licht, hätte dabei aber auch Bedenken gezeigt. Zweitens: „Persönlichkeitsrechte – Rechte der Schüler sind höher einzuschätzen als die der Lehrer“, sage das Guthaben. Kimberger: „Das ist meiner Ansicht nach verfassungswidrig“. Und drittens sieht Kimberger auch die privaten Investoren kritisch: „Das ist ein Wirtschaftsmodell. Bei aller Wertschätzung: ein Investor investiert ja nicht in der Hoffnung, kein Geld zu verdienen.“

Bildungsminister Faßmann argumentiert ähnlich: „Kein willkürliches Sternchen vergeben, sondern echte Feedbackkultur auf Augenhöhe an unseren Schulen ist notwendig. Diese zu entwickeln, ist ein Anliegen von mir. Die Bewertungsapp in der vorliegenden Form hilft uns nicht dabei!“. Auf Nachfrage gibt das Bildungsministerium an, es werde derzeit an der Weiterentwicklung der eigenen derzeit noch freiwilligen Qualitätssicherungsverfahren gearbeitet. Derzeit würden jene für den AHS- und Pflichtschulbereich mit jenen im berufsbildenden Bereich zusammengeführt werden. Voraussichtliches Ende der Weiterentwicklung? 2020 sei möglich, ein wenig später aber auch.

3. Der Standpunkt des Erfinders

Erfinder Benjamin Hadrigan argumentiert naturgemäß anders. Für Werbeeinblendungen wolle er ein Gremium aus SchülerInnen schaffen, dass die Anzeigen „freigibt“. Lohninger unterstützt das zumindest teilweise: „Werbung, die an Kinder und Jugendliche gerichtet ist, sehe ich prinzipiell kritisch. Man muss sich dabei vor Augen führen, dass es früher einmal ein Werbeverbot im Kinderfernsehen gab und wir heute Werbung in Schulgebäuden haben. Wenn Benjamin Hadrigan ein Gremium einberufen will, um Werbetreibende zu überprüfen, ist das vielleicht nur ein Feigenblatt – aber mehr als nötig wäre, um die gesetzlichen Bestimmungen einzuhalten.“ Den gänzlichen Verzicht von personalisiertem Tracking sehe er auf jeden Fall positiv.

Eine öffentliche App sei laut Benjamin Hadrigan wichtig, weil es nur so Konsequenzen geben könne. „Was bringt eine Bewertung per App, wenn niemand Einsicht in die Daten hat?“, erklärt er, warum seine App „besser“ sei als beispielsweise eine Bewertungsanwendung des Staates. Aus seiner Sicht gebe es keine rechtlichen Fragen mehr, die noch geklärt werden müssen: “Wir haben alles getan, um den Datenschutz zu gewährleisten“. Das laufende Verfahren (Musterklage der Gewerkschaft) kommentiere er nicht, er glaube aber, „sie wird ins Leere laufen“. Große Angst davor habe man nicht.

Der direkte Transparenz-Test

Auch die Gefahr eines Missbrauchs schätzt er als gering ein: „Bei jeder Bewertungsplattform gibt es Spielraum“. Es werde sich kaum jemand „20 Smartphones besorgen, um den Lehrer schlecht dastehen zu lassen“. Das wohl nicht, allerdings ist auch die Kritik gerechtfertigt. Im Zuge der Erstellung dieses Artikels reichten  zwei Minuten aus, um die App herunterzuladen. Eine weitere Minute nahm die Registrierung in Anspruch. Danach lässt sich jede beliebige Schule bewerten. Auch Lehrkräfte sind angeführt und können mit Sternen bewertet werden – wie in unserem Fall auch, ohne die jeweilige Person überhaupt zu kennen. Einem Missbrauch der App ist grundsätzlich also kein Riegel vorgeschoben.

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4. Der Standpunkt der Investoren

Dennoch ist es natürlich völlig legitim, als 18- oder 19-Jähriger Schüler Lösungen für bestehende Probleme zu suchen – wie dringlich die auch immer sein mögen. Schwieriger wird die Sache, wenn, wie bei Lernsieg, Investoren im Spiel sind. Neu dabei sind der Salzburger Investor Christian Dreyer und die Firma Empire Invest mit Geschäftsführerin Carmen Schnedl. Beide fragten wir nach den Hintergründen des Investments.

Während Christian Dreyer laut seinem Unternehmen diese Woche im Ausland weilt, argumentiert Schnedl folgendermaßen: „Grundsätzlich ist die Idee einer Bewertungsplattform für Lehrer wichtig und längst überfällig. Plattformen für andere Berufe existieren zuhauf, in dieser Branche stellt Lernsieg jedoch klar den First Mover dar. Wir finden es toll, dass es endlich ein Medium gibt, das engagierte Lehrer hervorhebt und Schülern eine Stimme gibt. Wir sind ein sehr junges Unternehmen.“

Die Schulzeit von ihr und ihrem Geschäftspartner sei noch nicht lange her (Anm.: Schnedl ist 21) und sie konnte sich daher sofort mit dem Projekt identifizieren. Und: „Benjamin (Hadrigan, Anm.) hat von Beginn an bewiesen, dass er ein starkes Team hinter sich hat, das auch für die Umsetzung einer solchen Idee äußerst gut geeignet ist.“

„Rendite nicht im Vordergrund“

Den Standpunkt von Paul Kimberger teilt sie nicht:“Wir erhoffen uns etwas bewirken zu können im Sinne der Schülerinnen und Schüler und auch der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Eltern. Bezüglich einer Monetarisierung hätte Herr Hadrigan auch bei der Pressekonferenz Stellung bezogen. Es würden schon bedingt Überlegungen zur Monetarisierung angestellt. Als Aktien- und Immobilieninvestoren haben wir aber einen langen Zeithorizont und möchten eine Rendite nicht in den Vordergrund stellen.“

Über genaue Zahlen spricht auch Carmen Schnedl nicht, „aber genauso wie Herr Dreyer hält die Empire Invest GmbH Anteile im einstelligen Prozentbereich.“ Datenschutz sei der Empire Invest jedenfalls wichtig: „Wir verlassen uns da ganz auf das Urteil der Datenschutzbehörde. Wir haben niemals den Verkauf von Daten in Erwägung gezogen und das werden wir auch in Zukunft nicht. Dieses Geschäftsmodell lehnen wir in aller Deutlichkeit ab.“

5. Attraktives Modell für andere Branchen?

Im Umkehrschluss wirft das allerdings auch die Frage auf, ob wir uns nicht auf noch mehr private Lösungsansätze wie Lernsieg freuen dürfen. Denn auch in anderen staatlichen Institutionen gäbe es genug zu bewerten. So gut manche Schritte (beispielsweise das digitale Amt) bereits umgesetzt wurden, haben viele Ministerien auch noch ordentlich Aufholbedarf, was die Digitalisierungsstrategie betrifft.

Eine Sorge, die Paul Kimberger teilt: „Sie glauben gar nicht, wie viele Menschen aus anderen Branchen mich angerufen haben und gesagt haben, dass es jetzt reicht“. Es sei eine legitime Befürchtung, dass das Modell auf andere Bereiche übertragen werden könnte. Kimberger führt beispielsweise Justiz und Richter ran. „In Wirklichkeit beschäftigen uns Vorgänge im Netz massiv. Wir machen Projekte gegen Hass im Netz, da hilft uns dieses Projekt überhaupt nicht. Jeder Halblustige kann Lehrer bewerten oder abwerten, wie er mag“.

Bei der Schülerunion sieht man das ähnlich: „Das Ministerium ist jetzt am Zug und muss so schnell als möglich die Bemühungen intensivieren. Wir stehen weiterhin in einem guten Kontakt mit den Gründern und schließen einen Erfolg der App noch nicht aus. Wir sind überzeugt davon, dass die App zu einem tollen Tool für, statt eines Tools gegen Lehrerinnen und Lehrer werden kann.“

Lernsieg: Gewerkschaft will Gerichte

Glaubt man der Gewerkschaft, sieht die Zukunft etwas anders aus. Paul Kimberger: „Es wird weder die Datenschutzbehörde noch ein Gutachter darüber entscheiden, sondern jetzt die Gerichte. Die erste Musterklage wurde bereits angenommen, ich gehe davon aus, dass es in wenige Wochen zu einer Verhandlung kommen wird.“

Derzeit steht Lernsieg in beiden Stores (Google Play, App Store) kostenlos zum Download parat. Wie lange das so bleiben wird, ist fraglich. Die Fronten scheinen verhärtet. Der Fall veranschaulicht letztlich aber auch, wie unterschiedlich die Zugänge zum Thema Digitalisierung noch sein können und wie umstritten das Feld ohnehin ist. Die Parteien sind weit auseinander, eine (außergerichtliche) Lösung ist eher unwahrscheinlich.

Auch die Digitalisierung braucht auf kurz oder lange gewisse Regeln  – und einen Staat, der damit umgehen kann. Das Ministerium zeigte sich uns gegenüber bemüht, letztlich bleibt aber eine Frage offen – die auch Daniel Lohninger in den Raum wirft: „Die Frage, die mich interessiert ist aber, warum man es, sagen wir die letzten 20 Jahre, nicht geschafft hat, eine solche flächendeckende und wirksame Beurteilung zu implementieren.“

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Das Thema „Lehrerevaluierung“ wird schon länger diskutiert. „Lernsieg“ ist in letzter Instanz ja nur eine Konsequenz der jahrelangen Uneinigkeiten und Schwächen im System, bestätigt auch die Gewerkschaft. Gewinner gibt es derzeit aber keinen, letzten Endes kann keine Partei richtig zufrieden sein. Der Wille zur einfachen und raschen Evaluierung scheint zweifellos zu bestehen. Ob es grundsätzlich notwendig ist, allem und jedem Sterne zu verpassen, sei mal dahingestellt.

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