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Wie soll Wien Digitalisierungshauptstadt Europas werden, Klemens Himpele?

Klemens Himpele, neuer IKT-Chefstratege der Stadt Wien. © Wiener Linien/Johannes Zinner
Klemens Himpele, neuer IKT-Chefstratege der Stadt Wien. © Wiener Linien/Johannes Zinner

Anfang Oktober wurde Klemens Himpele zum neuen Chef für die Gruppe „Prozessmanagement und IKT-Strategie“ der Stadt Wien ernannt. Arbeit steht genug an, immerhin will Wien die Digitalisierungshauptstadt Europas werden. Im Gespräch mit Trending Topics verrät der gebürtige Deutsche, wie das gelingen soll, wo er Schwierigkeiten sieht und ob vielleicht bald im Wiener Rathaus FIFA gespielt wird.

Vor seinem Wechsel war Himpele viele Jahre lang Wiens Chefstatistiker und leitete die Magistratsabteilung Wirtschaft, Arbeit und Statistik (MA 23). Seit rund einem Monat ist er nun im Amt – und hat große Aufgaben vor sich.

Trending Topics: Sie sind erst seit kurzem im Amt, haben aber ein großes Ziel zu erreichen: Wien soll die Digitalisierungshauptstadt Europas werden. Was sind dafür die nächsten Schritte?

Klemens Himpele: Es ist ein absolut zu begrüßen, dass Bürgermeister Michael Ludwig dieses ambitionierte Ziel ausgegeben hat. Der technologische Fortschritt bringt enorme Möglichkeiten und sichert den Wohlstand. Die technologische Entwicklung ist jedoch einzubetten in gesellschaftliche Prozesse, denn IT-Technologien sind nicht „neutral“, sie verändern unser Zusammenleben und die Arbeitswelt in einem erheblichen Ausmaß. Wiens Weg zur Digitalisierungshauptstadt muss und wird daher den Nutzen für die Menschen ins Zentrum stellen. Digitalisierung ist kein Selbstzweck, sondern eingebettet in eine Innovationsagenda.

Konkrete Schritte gibt es viele, ich darf exemplarisch das Projekt „Digitale Schule“ nennen – hier werden Schulen mit WLAN und Software ausgestattet. Dieses Projekt hat mit Covid-19 an Brisanz gewonnen. Oder das Forschungsprojekt „BRISE“, das von der europäischen „Urban Innovation Action“ unterstützt wird. Hier werden moderne Technologien wie Künstliche Intelligenz eingesetzt, um die Bauverfahren zu digitalisieren.

Es geht allerdings nicht nur um die Stadtverwaltung, sondern Wien ist ein Standort mit einer starken IKT-Wirtschaft. Durch das DigitalCity.Wien-Netzwerk sind gemeinsame Aktivitäten sichergestellt, weil es das gemeinsame Ziel der „digitalen Stadt“ gibt.

Wohin soll sich das Virtuelle Amt der Stadt Wien entwickeln?

Die Zukunft des virtuellen Amts ist mein.wien. Dieses soll als zentrales Portal etabliert werden, über diese Oberfläche können dann entsprechende Verfahren mit den Behörden abgewickelt werden. Die Zeit der klassischen Formulare ist vorbei. Die Bestellung des Parkpickerls etwa passiert auf mein.wien mittels Chatbot. Auf mein.wien führen wir Unternehmen und BürgerInnen personalisiert, übersichtlich und einfach durch Verwaltungsverfahren. Informationen, die die Behörde bereits hat, sollen möglichst nicht erneut erfasst werden. Dies wird schrittweise weiter ausgebaut.

Wie realistisch sind die Zielsetzungen der Digitalen Agenda Wien? Sind alle Ziele bis 2025 zu erreichen?

Die Digitale Agenda Wien ist ein kollaborativ mit Bevölkerung, Wirtschaft und Wissenschaft erarbeitetes Dokument, das schrittweise abgearbeitet wird. Vieles davon ist uns bereits gelungen, man denke nur an unsere Aktivitäten im Bereich IoT und KI oder die kürzlich vorgestellte Digitale Bildungsstrategie. Wie weit wir bis 2025 kommen, werden wir sehen. Zuletzt war und ist die IT natürlich auch stark unterstützend im Bereich der Covid-Bekämpfung eingesetzt worden, was natürlich so nicht geplant war und Ressourcen bindet.

Ein Punkt der Agenda: „Arbeitswelt 4.0“. Wie wollen Sie „Geschäftstreibende in der digitalen Welt stärken“, wie es im Text heißt? Was ist für Arbeitnehmer geplant?

Technologie verändert unser Wirtschafts- und Arbeitsleben enorm, auch hier war Covid-19 ein Beschleuniger. Hier ist auch deswegen viel passiert. So ist beispielsweise im Rahmen der Krisenbekämpfung durch Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke eine Förderung zum Homeoffice im Umfang von 10 Mio. Euro und eine Förderung zum digitalen Handel in Höhe von gut 14 Mio. Euro initiiert und durch die Wirtschaftsagentur abgewickelt worden.

ArbeitnehmerInnen sind durch den Wandel der Arbeitswelt auf vielfältige Art und Weise betroffen. In Wien agieren hier bspw. Arbeiterkammer und der Wiener ArbeitnehmerInnen-Förderungsfonds (WAFF) zusammen und haben mit dem Digi-Winner erhebliche Mittel zur digitalen Weiterbildung zur Verfügung gestellt – bis zu 5.000 Euro können für berufliche Weiterbildung in Anspruch genommen werden.

Im Punkt Wirtschaft heißt es: „Es wird versucht den Standort Wien verstärkt in der internationalen Gaming-Industrie zu positionieren“ – wie darf man sich das vorstellen? FIFA-Turniere im Rathaus?

Nach einem Bericht der FAZ vom Jänner 2019 hat der weltweite Markt für Video- bzw. Computerspiele den Markt für Kinofilme bereits übertroffen. Auch Wien beheimatet eine Reihe von Spieleentwicklern, der Markt ist aber von außereuropäischen Unternehmen dominiert. Gaming kann in vielen Bereichen der Digitalisierung unterstützen. Zudem gibt es zahlreiche Angebote des „Serious Gaming“, die neben dem Unterhaltungs- auch einen Bildungs- und Informationsanspruch haben oder andere Aktivitäten etwa im Gesundheitsbereich unterstützen.

Und Gaming im Rathaus? Das gibt es schon lange: Seit 2006 findet die Game City im Wiener Rathaus statt, ein einzigartiger Event, der Gaming, Bildung und Information zusammenführt. Nicht kommerziell ausgerichtet setzt sie ein deutliches Zeichen für den modernen Zugang der Stadt Wien zum Thema Gaming – ein Projekt mit Vorbildwirkung.

Es wurden auch Digitale Grundsätze formuliert, beispielsweise Transparenz, Vertrauen und Unabhängigkeit. Wie garantieren Sie die Einhaltung dieser Grundsätze?

Die Stadt Wien entwickelt sich noch stärker als bisher von einem geschlossenen Bürokratie-Modell zu einer offenen und partizipativen Stadt. Transparenz und Offenheit leiten das Verwaltungsdenken und Handeln. So wird der freie Zugang der Bevölkerung zu Informationen, Zahlen und Daten der Verwaltung als wichtiges Grundprinzip verstanden.

Wien feiert nächstes Jahr das 10. Jubiläum der Open Data-Initiative, diese gilt es weiterzuentwickeln. Open Source-Software (OSS) ist der Innovationstreiber hinter vielen aktuellen Technologietrends, mit denen die digitale Transformation stattfindet. Kooperationen über Organisationsgrenzen hinweg sind nur mit offenen Standards und Algorithmen möglich, die maßgeblich durch die Verbreitung von OSS propagiert werden. Der strategische Einsatz von OSS ist daher auch für die Stadt Wien bedeutend, um Transparenz zu schaffen, die Sicherheit zu erhöhen und durch die Zusammenarbeit mit Open-Source-Communities junge Talente zu fördern, aber auch um „Vendor-Lock-In“-Situationen zu vermeiden.

Thema Smart City: Wie könnte der (behördliche) Alltag in Wien in zehn Jahren aussehen? Welche Wege sind „smart“ zu erledigen – sprich, ohne extra auf ein Amt zu müssen?

Schon heute sind Amtswege weggefallen – man denke an das Thema Parkpickerl. Aber natürlich werden sich zahlreiche Dinge ändern, die schwer zu prognostizieren sind. Es wird in Summe darum gehen müssen, die legendäre analoge Wiener Lebensqualität in den digitalen Bereich zu übertragen. Was meine ich damit? Wien hilft mir mit Infrastruktur und öffentlichen Dienstleistungen, meinen Tagesablauf möglichst einfach organisieren zu können. Also die wunderbaren Öffis, der saubere und gepflegte öffentliche Raum, die Kindergärten usw. Hier muss Digitalisierung unterstützen – und tut dies natürlich bereits heute.

Wenn Wien Digitalisierungshauptstadt ist – können Sie uns beispielhaft einen Tag im Leben eines Bürger skizzieren? Wie sieht der Alltag dann aus in dieser Digi-City?

Kann und will ich nicht, weil das Leben hoffentlich vielfältig bleibt – Wien ist eine internationale Metropole. Aber: Wir müssen Angebote schaffen, die das Leben leichter organisierbar machen – beispielsweise durch verschiedene Mobilitätsformen, durch elektronisch Amtswege und vor allem durch eine bessere Steuerung von Ressourcen. Hier kann und muss Technologie helfen, die Klimaziele der Stadt Wien zu erreichen. Das ist vielleicht oft unsichtbar, aber umso wichtiger.

Verkehr ist ein großes Thema in Städten. Welche Konzepte verfolgen Sie, die mittels Tech und digitaler Vernetzung zu weniger Autos in der Stadt führen können?

Die datenbasierte bessere Planungsmöglichkeit kann die Stadtplanung dabei unterstützen, alternative Mobilität in der Stadt zu etablieren.

Wie sieht die Wiener IoT-Strategie aus – auch hinsichtlich vernetzter Mobilität?

Das Thema IoT ist extrem vielfältig, daher hier nur ein paar Beispiele: In unserem Hochsicherheitsrechenzentrum haben wir eine eigene IoT-Datenplattform etabliert, welche sicherstellt, dass die Datenhoheit bei der Stadt bleibt. Das „Internet der Dinge“ hilft uns innerhalb des Magistrats die Prozesse zu optimieren. So kann etwa ein Wasserrohrbruch in unseren Amtsgebäuden durch intelligente Sensorik erkannt und der Zulauf automatisiert gestoppt werden.

Andererseits möchten wir durch vernetzte Infrastruktur den BürgerInnen einen Mehrwert bieten. Die Stadt erprobt dazu zum Beispiel durch Erkennung der Bewegungsrichtung, welche Ampel prioritär geschaltet werden soll. Im Mobilitätsbereich arbeiten die Wiener Stadtwerke an sinnvollen Anwendungsfällen, um den Fahrgästen eine bequeme Beförderung zu bieten. Echtzeitdaten, aber auch die Nutzung von „Sharing Mobility“ wäre ohne IoT nicht möglich. Hier arbeiten wir gut mit den unterschiedlichen Beteiligten zusammen.

So toll die Agenda klingt – die Bevölkerung muss die Maßnahmen auch annehmen. Was ist dahingehend geplant?

Technologie gegen Bevölkerung geht nicht. Das Stichwort ist hier der Digitale Humanismus. Wir müssen Technologien so einsetzen, dass sie einen Mehrwert für die Menschen darstellen und nicht eine Belastung. Hier sind europäische Lösungen zu finden, die unseren Standards bei Sicherheit und Datenschutz gerecht werden. Wien ist hier Sitz entsprechender Akteure, wie etwa der NGO „None of your business“ (NOYB) von Max Schrems. Um die Technologien gut nutzen zu kommen, muss es auch auf Ebene der EU entsprechende Regelungen geben. Wien ist daher stark in die Debatte um den Digital Services Act eingebunden.

Welche Rolle spielt 5G bei der Digitalisierung der Hauptstadt? Was sagen Sie Menschen, die 5G kategorisch verweigern?

Eine exzellente digitale Infrastruktur dient als „Nervensystem“ einer Smart City. Der Breitbandausbau und die Integration von 5G sind eine Chance, die digitale Infrastruktur weiter zu verbessern und Grundlage für Anwendungen zum Nutzen der Bürgerinnen und Bürger der Stadt Wien zu sein. Mit einem 20 Millionen Euro starken Förderprogramm sorgt die Stadt dafür, dass die nötigen Investitionen in den Netzausbau rasch vorgenommen werden können. Den bestehenden Ängsten kann nur durch Transparenz und offene Kommunikation begegnet werden.

Abschließend: Smart Cities blühen überall auf der Welt. Gibt es ein internationales Vorbild, an dem sich Wien orientieren sollte?

Die Wiener Smart City-Rahmenstrategie, in die die Digitale Agenda 2025 eingebettet ist, ist ein Vorzeigebeispiel. Bereits zum zweiten Mal hat Wien den ersten Platz im Smart City Ranking von Roland Berger belegt. Natürlich gibt es viele tolle Beispiele auch in anderen Städten. Auf europäischer Ebene arbeiten wir derzeit beispielsweise mit Amsterdam, Barcelona, Hamburg, München, Prag, dem deutschen Städtetag und anderen Städtenetzwerken sehr eng zusammen.

Anmerkung: Das Interview fand vor dem Terroranschlag in Wien am 02.11.20 statt. 

+++Klemens Himpele: Das ist der neue IKT-Chefstratege der Stadt Wien+++

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