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„Bittere Enttäuschung“: Massive Kritik an neuer KI-Strategie von Hochreiter und Co.

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Köpfe, die geschüttelt werden, Hände, die aufgeregt fuchteln, Sessel, die nervös gerückt werden – so aufgewühlt hat man vier erwachsene Menschen in einem Zoom-Call noch selten erlebt. Doch ihnen und vielen anderen geht es um die Zukunft von Österreich in Sachen Künstlicher Intelligenz – und die sehen sie von der kürzlich am European Forum Alpbach präsentierten offiziellen KI-Strategie sogar nicht abgebildet. Weder ein Bekenntnis zu einem lange geforderten AI-Institut, noch zu konkreten Förderungssummen, noch eine Zahl an einzurichtenden AI-Professuren finden sich in dem Papier.

„Die österreichische KI-Strategie ist eine bittere Enttäuschung und eine Gefahr für den Standort. Forschung und Wissenschaft auf dem Gebiet der KI hinken bereits heute hinter den europäischen Nachbarländern hinterher“, heißt es in einem gemeinsamen Statement, das KI-Koryphäe Sepp Hochreiter (JKU Linz, Leiter des LIT AI Labs), der Verein AI Austria rund um Clemens Wasner, die ASAI (Organisation der AI-Community in Wissenschaft und Forschung), Horst Bischof, Vize-Rektor der TU Graz, die IARAI (AI-Forschungsinstitut) und Star-Investor Hermann Hauser (IECT) am Dienstag Abend offiziell abgeben.

„Es ist unverständlich, dass die vor über zwei Jahren gestellten Forderungen der KI-Community im Papier der Universitätskonferenz, wie GPU-Cluster, KI-Institute oder Exzellenzzentren, noch immer „geprüft“ werden. Und seit drei Jahren liegen nunmehr auch die essentiellen Bedürfnisse der KI-Community (sowohl Forschung als auch Wirtschaft) der Regierung vor. Das ist umsomehr kritisch zu betrachten, da Österreich gegenüber den anderen EU Länder als Standort sowohl für junge Talente als auch für Investoren zunehmend an Attraktivität verliert“, heißt es in drastischen Worten weiter.

KI-Strategie: Österreichische Universitäten fordern millionenschweres AI-Institut

Ein kurzer Rückblick: Digitalisierungsministerin Margarete Schramböck (ÖVP) und Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) präsentierten die KI-Strategie vergangene Woche bei den Technologiegesprächen in Alpbach, ohne in den Dokument konkrete Anhaltspunkte zu liefern, wie sie finanziert werden soll. In einer Pressekonferenz am Montag konkretisierte Schramböck dann gegenüber Trending Topics, dass man in den Jahren bis 2030 satte zwei Milliarden Euro über verschiedene Instrumente in den Bereich fließen lassen wolle (mehr dazu hier).

Die Experten fühlen sich ungehört

Doch Sepp Hochreiter, der sich international seit vielen Jahren einen großen Namen in der AI-Community gemacht hat (hier im Interview), findet das präsentierte Werk eher „ernüchternd und erschreckend“. Im Gespräch mit Trending Topics verweist er immer wieder auf ein Positionspapier der uniko (Österreichische Universitätenkonferenz) aus dem Jahr 2019, in dem bereits vehement ein eigenes AI-Institut samt entsprechender Infrastruktur und personeller Ausstattung gefordert wurde.

Veranschlagt dafür wurden 2019 in dem Papier eine jährliche Finanzierung in der  Größenordnung von rund 30 Millionen Euro, um damit 10 bis 15 Forschungs‐ und Nachwuchsforschungsgruppen zu finanzieren. Weitere 15 Millionen Euro jährlich wären notwendig, um rund 100 Prae‐ und Post‐Docs für 10 Jahre zu finanzieren, und schließlich brauche AI auch die Hardware (GPUs). 10.000 GPUs seien notwendig, die mit rund 40 Millionen Euro zu Buche schlagen.

Doch das alles findet sich in der KI-Strategie nicht wieder. „Damit ist das Land auf dem besten Weg, sich aus dieser Hochtechnologie zu verabschieden. Die vorgestellte Strategie wird daran nichts verbessern. Denn in der KI-Strategie wird der Aufbau einer Expertise in den zentralen KI-Feldern weder in der Grundlagenforschung noch in der Ausbildung erwähnt. Ein schreckliches Versäumnis“, heißt es nun seitens der Kritiker rund um Hochreiter. „Denn KI-Grundlagenforschung geht innerhalb weniger Monate in Produkte ein, wie man am Beispiel Google oder Facebook sieht. Bedenklich ist zudem, dass KI nur in den angrenzenden Feldern gefördert werden soll, aber nicht das KI-Forschungsfeld selbst.“

Österreichische KI-Strategie soll bis 2030 mit 2 Milliarden Euro gefördert werden

„Österreich entwickelt sich zurück zum Schwellenland“

Hochreiter sieht Österreich weiter ins Hintertreffen geraten, und zwar nicht gegen die AI-Mächte USA und China, sondern gegen andere europäische Standorte. „Die Wirtschaft braucht hochqualifizierte Experten und Fachkräfte für künstliche Intelligenz. Ohne sie wird diese Technologie niemals ihren Eingang in Produktion, Logistik oder Marketing finden. Österreich degradiert sich lediglich zum Konsumenten von KI-Technologien. Der wesentliche Teil der Wertschöpfung findet im Ausland statt“, heißt es. „So haben Länder wie Deutschland, Finnland, Frankreich, England diesen Zusammenhang erkannt und bereits vor über drei Jahren KI-Institute und KI-Exzellenzzentren etabliert. Verfahren der künstlichen Intelligenz sind dort für alle zugänglich und können praxisnah genutzt werden. Österreich hingegen entwickelt sich zurück zu einem Schwellenland.“

Nun bleibt abzuwarten, wie Gewessler und Schramböck bzw. die beiden für die KI-Strategie zuständigen Ministerien auf die Vorwürfe reagieren. Den Initiatoren rund um Hochreiter und Wasner zufolge sollen sich der Kritik und den erneuten Forderungen nach einem AI-Institut samt Personal und Infrastruktur demnächst weitere Personen und Institutionen anschließen.

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