Analyse

Kampfansage an Nike: Adidas kauft Runtastic um satte 220 Mio. Euro – und es geht um Nutzerdaten

Machen gemeinsame Sache: Runtastic und Google. © Adidas
Machen gemeinsame Sache: Runtastic und Google. © Adidas

Tja, da ist man mal zwei Stunden zum Sporteln offline, und dann passiert der größte Exit der österreichischen Start-up-Geschichte, der sogar die 145 Mio. Euro in den Schatten stellt, die Telefonica 2009 für den Internettelefonie-Dienst Jajah der österreichischen Gründer Roman Scharf und Daniel Mattes zahlte. Wie Adidas am Mittwoch Abend bekannt gab, hat der deutsche Sportkonzern das oberösterreichische Fitness-App-Start-up Runtastic um 220 Millionen Euro (!) übernommen.

Nicht nur für die Gründer Florian Gschwandtner, Alfred Luger, René Giretzlehner und Christian Kaar ist das ein Grund zum Feiern (sie sind spätestens jetzt Multimillionäre), sondern auch für den bisherigen Mehrheitseigentümer Axel Springer  – der Medienkonzern kaufte sich 2013 um viel Geld Euro 50,1 Prozent an der App-Firma mit Sitz im oberösterreichischen Pasching (laut deutsche-startups.de bei einer Bewertung von 22 Mio. Euro). Dieses Geld kann Springer nun auch in seine eigenen Start-up-Bestrebungen investieren, hat man doch Ende Juli bekannt gegeben, gemeinsam mit der ProSiebenSat.1 AG digitale Start-ups fördern zu wollen.

Datenanalyse für „ein erfüllteres Leben“

Adidas sieht sich laut Aussendung als jene Marke, die als erstes „Datenanalyse umfassend bei Athleten“ angewandt hat. Und da passt Runtastic gut ins Konzept, hat das Start-up doch bis 2020 das offizielle Ziel, „dass jeder Einzelne einen bewussteren und aktiveren Lebensstil verfolgt, was letztendlich zu einer höheren Lebenserwartung und einem erfüllteren Leben“ führen würde. Adidas sieht Runtastic als jene Plattform, die Produkte wie Bälle, Handgelenkgeräte, Bekleidung oder Schuhe intelligent vernetzen kann. Auch gut für Adidas: Die oberösterreichische Firma wirft nicht nur Umsatz, sondern auch Gewinn ab.

Für Adidas bedeutet Runtastic einen wichtigen Schritt ins Digitalgeschäft. Zwar hat man etwa mit „Fit Smart“ ein Fitness-Armband, das Herzschlag oder Schritte zählt, und die miCoach-App auf den Markt gebracht, doch so große Relevanz wie die Nike+-Produkte des konkurrierenden US-Konzerns hat man bis dato nicht erlangt. Und dann gibt es natürlich noch ganz andere Player wie Fitbit, die im Bereich von Fitness-Gadgets und -daten beträchtliche Marktanteile gewonnen haben. (Fitbit machte im 2. Quartal 2015 einen Umsatz von 400 Mio. US-Dollar). Laut IDC wird der Markt für Wearables 2015 auf etwa 72 Millionen verkaufter Produkte anwachsen. Mit einer bei Digital Natives starken Marke kann sich Adidas die Kunden der Zukunft sichern und versuchen, sie über die Apps und Wearables für weitere seiner Produkte zu begeistern.

Runtastic bleibt als Adidas-Tocher im HQ in Pasching. © Runtastic
Runtastic bleibt als Adidas-Tocher im HQ in Pasching. © Runtastic

Personalisierte Werbung und Nutzergebühren

Runtastic bringt Adidas viele Millionen aktiver Nutzer mit, die regelmäßig Körper- und Bewegungsdaten mit der App (man hält bei 140 Millionen Downloads und 70 Millionen registrierte Nutzer) erfassen und teilweise im angeschlossenen Fitness-Portal veröffentlichen. Was man mit diesen Daten, die in einem Wiener Rechenzentrum gespeichert werden, macht, dazu hat sich CEO Florian Gschwandtner gegenüber TrendingTopics.at in den vergangenen Monaten widersprüchlich geäußert.

Bei einem Besuch im Paschinger Hauptquartier sagte er noch, dass man die Daten nicht zu Werbezwecken auswerten wolle. Einige Wochen später erläuterte er in Wien bei einer Podiumsdiskussion hingegen, dass man etwa oft wisse, welchen Schuh ein Runtastic-Nutzer trägt, und ihm dann eine Kaufempfehlung für ein neues Paar schicken könne, wenn sie abgetragen sind. Das wäre personalisiertes Marketing auf hohem Niveau und weit ausdehnbar: Wenn Runtastic weiß, dass man heute 10 Kilometer geschafft hat, kann es den User mit einem Gutschein für ein Adidas-Produkt belohnen.

Für Adidas wären solche Systeme zur Kundenbindung sicher interessant, und darüber hinaus könnte man mit und mit Big-Data-Analysen einiges über Kundenwünsche zu neuen Produkten in Erfahrung bringen. Auch die Kopplung des kostenpflichtigen Abonnements für das Runtastic-Portal mit Adidas-Produkten wäre ein gangbarer Weg – nur die Erlöse aus den Einzel-Downloads, mit denen Runtastic derzeit den meisten Umsatz macht, sind dem Sportriesen wohl auf Dauer zu wenig. Seine Sichtweise auf den Deal erläutert Runtastic-CEO Gschwandtner übrigens in diesem lesenswerten Blog-Eintrag.

Anm.: Der Artikel wurde mehrmals um einige Details ergänzt.

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