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Johannesburg: Wie ein Startup das „Hochhaus des Bösen“ in einen Turm der Hoffnung verwandelte

Nickolaus Bauer, ein Südafrikaner mit österreichischen Wurzeln, will mit seinem Social Startup Dlala Nje Johannesburg besser und Jugendlichen wieder Hoffnung machen ©Gerald Reischl

173 Meter ragt der Ponte Tower im Johannesburger Stadtteil Hillbrow in den Himmel. Er ist ein imposanter, zylinder-förmiger Turm, eine auf Felsen gebaute Beton-Konstruktion, die die Geschichte Südafrikas und Johannesburgs erzählt. Er ist nicht nur ein Wahrzeichen der Stadt, er ist ein Mahnmal.

Während der Apartheid war die 1975 eröffnete „Ponte City“ die erste Adresse der Stadt – für Firmen genauso wie für die weiße Elite des Landes, gibt es doch vom Tower aus einen sensationellen Blick auf die Stadt bis nach Pretoria. Nach dem Ende der Apartheid wurde das Gebäude, das damals das höchste Bürohaus Afrikas war, zum „Hochhaus des Bösen“ bzw. zum „Teufelshochhaus“, gekapert von Banden und Syndikaten.

Ponte Tower, Johannesburg, Südafrika © Gerald Reischl

Der Turm der Unterwelt

Ponte City war das Zentrum der Johannesburger Unterwelt, die 11. und 12. Etage waren ein Bordell, in den übrigen Etagen wurde die Kriminalität organisiert und Drogen gehandelt. Bis 2008. Vor zehn Jahren haben die Besitzer des Tower beschlossen, ihn von den Banden zurück zu erobern und das Gebäude Etage für Etage, Wohnung für Wohnung zu renovieren.

Ein Mega-Projekt, denn es dauerte allein zwei Jahre, den Müll aus dem Innenhof des Turms zu entsorgen. Händisch, denn der Dreck türmte sich bereits bis in die 13. Etage, weil die Bewohner ihren Unrat einfach über die Fenster im Innenhof entsorgten. Zwischen all dem Müll fand man übrigens auch viele Leichen aus der dunklen Ära des Wohnhauses.

Ponte Tower, Johannesburg, Südafrika © Gerald Reischl

Filmkulisse für Horror und Science Fiction

Das Innere, das Herz des Towers, löst ein bedrückendes, ja fast beklemmendes Gefühl aus, eine Mischung aus Apokalypse und Armageddon. Wer hier drinnen steht und hinauf schaut auf die runde Öffnung gen Himmel, versteht sofort, warum der Ponte Tower immer wieder Kulisse für Horror- und Science-Fiction-Filme ist; zuletzt wurde hier „Chappie“ mit Hugh Jackman und Sigourney Weaver gedreht.

Ponte Tower, Johannesburg, Südafrika

Ein Startup bringt Hoffnung

Heute leben hier fast 3000 Menschen, 700 davon Kinder. Heute ist der Ponte Tower sozusagen ein Hochsicherheitsgebäude – die Einfahrt zum Hochhausgelände ist abgesperrt und wird von Sicherheitsbeamten kontrolliert. In die Etagen des Turms, in dem sich insgesamt 484 Wohnungen befinden, kommt man nur mit Fingerprint und Code, die ein Drehkreuz einer wuchtigen Sicherheitsschleuse freigeben. Besucher müssen sich vorher registrieren und einen Ausweis deponieren. Bleiben sie – unangemeldet – über Nacht, dann ist eine Strafe fällig.

Es ist auf den ersten Blick fast ein Widerspruch, dass genau von diesem Turm aus, ein Startup dabei mithelfen will, Johannesburg wieder gut und lebenswert zu machen. „Wenn du nichts aus deinem Leben machst, wirst du dort landen, sagten Eltern ihren Kindern damals“, erzählt Nickolaus Bauer im Trending Topics-Gespräch. Bauer ist Journalist, und Sohn eines österreichischen Vaters und einer weißen, sambischen Mutter.

Die Warnung von früher gilt heute nicht mehr. Im Gegenteil. Bauer hat, kurz nachdem er selbst in den Tower eingezogen ist, im Oktober 2012 gemeinsam mit Michael Luptak das Startup „Dlala Nje“ gegründet, der Zulu-Begriff bedeutet übersetzt „einfach spielen“. Der 34jährige Journalist lebt und arbeitet im 51. Stock, wo Dlala Nje auch die Firmenzentrale hat – mit Blick auf die Skyline von Johannesburg. 7500 Rand, umgerechnet fast 500 Euro, zahlt er Miete pro Monat.

Johannesburg, Südafrika

Touren durch das gefährliche Johannesburg

Das Geschäftsmodell des jungen Unternehmens ist leicht erklärt. Dlala Nje bietet Touren (350 Rand, umgerechnet etwa 22 Euro) durch Hillbrow an, die beim Ponte Tower starten und einen Einblick in den vermutlich gefährlichsten bzw. berüchtigtsten Stadtteil Johannesburgs liefern. „Ich möchte betonen, dass das keine Armutsführungen sind“, betont Bauer. „Wir wollen die Menschen aufklären, dass eben weiß und reich nicht einen Rassisten ergibt und ein armer Schwarzer nicht automatisch ein Böser ist.“

Im Rahmen der Tour – übrigens auf Platz 4 im Tripadvisor-Ranking – lernt man die Bevölkerung kennen. Dlala Nje bietet aber nicht nur Touren durch Hillbrow an, sondern auch eine pan-afrikanische kulinarische Tour durch das Stadtviertel Yeoville, Jazz-Konzerte und veranstaltet die Ponte City Challenge (ein Lauf vom Erdgeschoss in den 54. Stock des Ponte Tower). Und Firmen mieten die Location im 51. Stock des Tower für Veranstaltungen und Team-Building-Events.

„Wir sind ein Social Business“

„Wir werden oft als NGO bezeichnet, aber wir sind ein Social Business, ein Unternehmen, das Geld verdient, verdienen muss, weil wir ja Mitarbeiter haben, die wir bezahlen“, sagt Bauer. „Es gibt den Irrglauben, dass man als Social Entrepreneur kein Geld verdienen darf, aber das stimmt einfach nicht.“ Abgesehen davon, dass Dlala Nje ein gesundes Unternehmen ist, das mittlerweile 22 Angestellte hat, finanziert Bauer mit den Einnahmen Projekte für Kinder und Jugendliche. Um ihnen nicht nur Hoffnung, sondern eine Perspektive für die Zukunft zu geben.

Im Erdgeschoss des Ponte Tower gibt es nicht nur einen Supermarkt, einen Friseur und ein Internet-Cafe, Dlala Nje hat ein Jugendzentrum eingerichtet, in dem Kinder alles machen können, was Kinder machen sollen. „In den Jahren davor haben Kinder Dinge gesehen, die man üblicherweise im Erwachsenen-Alter erlebt“, sagt Bauer. Im Jugendzentrum können Kinder nicht nur spielen, sondern sie werden unterrichtet, quasi eine Art Nachmittagsbetreuung und sie bekommen Computerstunden. Eines der nächsten Projekte Bauers ist, eine Coding-School einzurichten, um Kindern Programmieren beizubringen.

„Es gibt noch viel zu tun in Afrika“, sagt Bauer, der darauf hofft, dass künftig noch mehr „Social Entrepreneurs“ nach Afrika kommen, um den Menschen hier Wege und Lösungen für eine Zukunft im eigenen Land aufzeigen zu können. Und in diesem Zusammenhang will Bauer mit einem Irrglauben aufräumen: „Als Social Entrepreneur darf man Geld verdienen. Wer anderes behauptet, irrt gewaltig.“

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