Berlin, Berlin

„Jodel ist wirklich frei Schnauze“: App lässt Nutzer anonym im Umkreis von 10 Kilometern posten

Jodel-CEO Alessio Borgmeyer zeigt seine Schöpfung. © Jakob Steinschaden
Jodel-CEO Alessio Borgmeyer zeigt seine Schöpfung. © Jakob Steinschaden

Wer schon einmal vom Hausdach schreien wollte, um seinem Grätzel eine ganz wichtige Mitteilung kundzutun, der hat jetzt die Möglichkeit dazu. Nun, zumindest auf digitalem Weg: Die Smartphone-App Jodel (gratis für iPhone und Android) erlaubt es seinen Nutzern, anonym Statusmeldungen und Fotos an alle anderen Jodel-User im Umkreis von zehn Kilometern zu schicken.

Bei einem Besuch in Berlin konnte TrendingTopics.at die App schon einmal in der Heimatstadt des Start-ups ausprobieren, das CEO Alessio Avellán Borgmeyer vor zwei Jahren ins Leben rief. Einzigartig ist die Idee übrigens nicht: Mit Yik Yak gibt es in den USA eine App, die ähnlich wie Jodel funktioniert.

Studentenwitze und Lokalempfehlungen

Heute hält Jodel bei mehr als 600.000 Downloads und mehr als 300.000 monatlich aktiven User, mehr als 100.000 davon sind täglich aktiv. Und die machen sich tatsächlich bemerkbar: Bei Jodel in Berlin bekommt man relativ schnell Feedback, wenn man in die digitale Runde fragt, wo man am besten Essen geht oder welcher Club am Abend einen Besuch wert ist. In Wien ist aber vergleichsweise noch recht wenig los.

Da die App anonym genutzt wird (man hat nicht einmal einen Nickname), ist der Umgangston ziemlich rau – derbe Witze und Sprüche finden sich in dem Feed, der an Twitter und Instagram erinnert, durchaus auch. Also nichts für Zartbesaitete.

„Es funktioniert sehr simpel: Du kannst eine Nachricht oder ein Bild anonym an deine Umgebung schicken, und du siehst in deinem Feed, was die anderen User in einem Umkreis von zehn Kilometer gerade so jodeln“, sagt Gründer und CEO Alessio Avellán Borgmeyer im Gespräch mit TrendingTopics.at. „Das gibt dir einen Einblick in deine Umgebung, was die Leute gerade machen, was sie gerade denken.“

Der „Live-Ticker am Campus“

Damit die User zum Posten von originärem und gutem Content (man kann auch Fotos hochladen) animiert werden, hat Jodel einige Tricks eingebaut. Zum einen gibt es wie bei reddit ein Voting-System, das auch negative Votes erlaubt – wird ein Beitrag oft negativ bewertet, verschwindet er aus dem Feed oder wird nach unten gereiht. Brave Nutzer können Karma-Punkte sammeln, indem sie positive Bewertungen bekommen oder viele Beiträge veröffentlichen.

„Die User kommen momentan vor allem von den Universitäten, da ist Jodel zum Live-Ticker des Campus geworden”, sagt Borgmeyer, der an der Universität in Aachen zuerst die App tellM entwickelte und daraus dann Jodel machte. heute arbeitet er mit einem zehnköpfigen Team an der Software, sein Studium hat er zu Gunsten des Start-ups unterbrochen. „Zuerst Studenten anzusprechen, ist eine bewusste Entscheidung gewesen. Als ich die App vor zwei Jahren gestartet habe, war ich selber Student, und das Team hat das Produkt auch für sich selbst gebaut. Die Demografie anzugehen, die man am besten versteht, macht am meisten Sinn. Und Studenten sind sowieso die stärkste Demografie für neue Social Apps.“

Smartphones können gesperrt werden

Mit dem Fokus auf Anonymität der User bricht Jodel absichtlich mit dem Facebook-Prinzip. „Heutzutage ist man bei Social Media fast immer mit Klarnamen unterwegs, Zuckerberg hat damit das Internet revolutioniert“, sagt Borgmeyer. „Aber auf Facebook oder Twitter verkaufst du dich selbst, du willst cool dastehen. Das führt auch dazu, dass die Leute nicht mehr sagen, was sie wirklich denken. Durch die Anonymität können die Leute aber wieder frei heraussagen, was sie denken. Jodel ist wirklich frei Schnauze.“

Die Kehrseite der Anonymität: User können sie dazu nutzen, um einfach Hass-Postings zu veröffentlichen oder andere zu mobben. Die Jodel-Macher haben für dies Fälle vorgesorgt: Jedem User wird beim ersten Login eine eindeutige ID-Nummer zugewiesen, die direkt mit dem Gerät korrespondiert. So hat Jodel die technische Möglichkeit, Smartphones (und nicht nur  Accounts) von der Nutzung auszusperren.

Zuerst wachsen, dann Geld verdienen

Jodel hat bis dato Seedfunding von Global Founders Capital (VC-Arm der Samwer-Brüder) sowie Christophe Maire von Atlantic Labs (u.a. auch bei Soundcloud, EyeEm, Monoqi investiert) erhalten und ist derzeit auf der Suche nach neuen Investoren. Denn Geld verdient das Start-up noch keines, der Fokus derzeit liegt klar Wachstum. Anstatt aber das Produkt um neue Features aufzufetten (z.B. Video), wird zuerst ins Backend investiert, um den stark steigenden Traffic schnell abwickeln zu können. Ein neues Feature soll aber bald dazukommen: Per Hotspot-Funktion, um in anderen Städten nachschauen zu können, was dort veröffentlicht wird – selbst posten oder voten darf man dort nicht.

Ideen fürs Geschäftsmodell gibt es laut Alexander Linewitsch, PR-Mann bei Jodel, einige. “Wir haben sehr viele Ideen, zu denen lokale Ads auch zählen, aber wann und wie wir die Monetarisierung starten, ist noch offen.” Die Internationalisierung aus dem deutschsprachigen Raum heraus könnte jedenfalls funktionieren: “to yodel” gibt es auch im Englischen.

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