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Jio Platforms: Wie Indien den chinesischen Einfluss im Internet zurückdrängt

Mark Zuckerberg looking at the Taj Mahal in India. © Facebook
Mark Zuckerberg looking at the Taj Mahal in India. © Facebook

11 Gigabyte Datenvolumen pro Monat sind es im Schnitt, die ein indischer Smartphone-Kunde von Jio nutzt. 11 Gigabyte, das ist, wenn man einmal die Nutzung von WiFi wegrechnet, Weltspitze. Nicht einmal in stark industrialisierten und digitalisierten Ländern wie Südkorea, Japan oder Großbritannien ist die mobile Datennutzung so intensiv wie in Indien. Was zeigt: Indische Konsumenten sind von einer mobilen Datenverbindung so abhängig wie kaum ein anderes Land.

Jio Platforms, das ist in erster Linie ein Mobilfunkanbieter, der es geschafft hat, in wenigen Jahren mehr als 370 Millionen Kunden zu gewinnen. Zum Vergleich: In der gesamten EU gibt es etwa 380 Millionen Handy-Nutzer, in den USA etwa 260 Millionen. Jio, eine Tochterfirma des Industrie-Riesen Reliance Industries Limited (RIL) ist also in wenigen Jahren zu einer Marktgröße gewachsen, die es sonst nur in der westlichen Welt und natürlich in China gibt. Und weil westliche (also US-)Investoren in China kaum Chancen haben, einzusteigen, tun sie das jetzt in Indien – und damit bei Jio.

Google als nächster Investor

Google ist der nächste Investor von Jio, der US-Internetkonzern steckt 4,5 Milliarden Dollar in das Unternehmen, in das bereits Facebook, Intel oder Qualcomm Milliarden steckten. Dieses Jahr hat Jio Platforms, das erst 2019 von RIL abgespalten wurde, bereits mehr fast 20 Milliarden Dollar Investment eingeholt.

Der aktuelle Cap Table sieht so aus:

  • Reliance Industries Limited (67,06%)
  • Facebook (9,99%)
  • Google (7,7%)
  • KKR (2,32%)
  • Public Investment Fund of Saudi Arabia (2,32%)
  • Vista Equity Partners (2,32%)
  • Silver Lake Partners (2,08%)
  • Mubadala Investment Company (1,85%)
  • General Atlantic (1,34%)
  • Abu Dhabi Investment Authority (1,16%)
  • TPG Capital (0,93%)
  • L Catterton (0,39%)
  • Intel Capital (0,39%)
  • Qualcomm (0,15%)

Dass Investoren aus den USA und aus der arbaischen Welt so scharf auf Jio Platforms sind, ist am Wörtchen Platforms abzulesen. Jio ist nicht nur ein günstiger Mobilfunkanbieter, der anfangs Millionen Kunden mit Gratis-Telefonaten, Gratis-SMS, geschenkten Gigabyte und günstigen Smartphones lockte. Jio entwickelt sich für diese Nutzer zum Portal ins Internet und bietet Musik-Streaming, Video-Streaming, News, Games, Cloud-Dienste, Chats, VoIP und sogar ein Health-Portal, wo man Gesundheits- und Fitnessdaten verarbeiten lassen kann. Das erinnert stark an den Ansatz von AOL in den USA der 1990er. Internetverbindung und Web-Dienste, alles aus einer Hand. Bei Jio eben nicht am Heim-Computer, sondern am Smartphone.

„Stake sichern, bevor es zu spät ist“

„Facebook, Google und Co finden in Indien den letzten großen Wachstumsmarkt vor. Mit ihren eigenen Produkten haben sie bereits eine extrem hohe Marktdurchdringung“, sagt Wolfgang Bergthaler, Experte für den indischen Internetmarkt. „So nutzen quasi alle (!) Inder WhatsApp als Messenger. Bei Produkten und Plattformen, die einen höheren Lokalisierungsgrad benötigen, sind indische Plattformen aber voraus. Daran wollen sie sich jetzt einen Stake sichern, bevor es zu spät ist.“

Ebenfalls interessant zu sehen: Während Google und Facebook bei Jio Platforms investieren und so die Nähe zu Indiens reichstem Mann, RIL-Chef Mukesh Ambani, und zu Indiens Premierminister Narendra Damodardas Modi und seiner „Digital India“-Strategie suchen, investieren ihre Mitbewerber ebenfalls. So hat Walmart gerade erst seinen Anteil am indischen E-Commerce-Riesen Flipkart vergrößert, und Amazon hat Anfang 2020 verkündet, noch einmal eine Milliarde Dollar in Indien zu investieren.

Dass die indische Politik und Wirtschaft die amerikanischen Internet-Milliarden mit offenen Armen begrüßen, hat zwei Gründe. Zum einen braucht Jio Platform dieses Geld dringend, um sich sein starkes Wachstum, das durch Preis-Dumping angefeuert wurde, überhaupt leisten zu können. Zum anderen spielen geopolitische Überlegungen eine wichtige Rolle.

Chinesische Investoren und Apps werden hinausgedrängt

„Amerikanische Tech-Konzerne werden aktiv eingeladen, um den chinesischen Einfluss zurück zu drängen“, sagt Bergthaler. „So waren chinesische Investoren lange Zeit äußerst aggressiv. Die sollen jetzt aber wieder rausgedrängt werden, wenn es nach Modi geht.“ So hat sein Ministerium für Informationstechnologie vor kurzem 59 chinesische Apps, darunter TikTok und WeChat, verbannt. Der Vorwurf: Die Apps würden Daten absaugen und die Souveränität des Landes untergraben.

Der TikTok-Bann ist auch eine Botschaft zwischen den Zeilen an den Westen: Ihr seid willkommen, wenn ihr in Indien investiert. Aber wenn ihr nur Daten absaugt, dann können wir euch ganz schnell aus dem zweit größten Internetmarkt der Welt werfen.

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