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Irene Fialka von INiTS: „Einige dieser neuen Inkubatoren wird es bald nicht mehr geben“

Irene Fialka, Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS. @ INiTS
Irene Fialka, Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS. @ INiTS

Die Gründer von Shpock, mySugr, Zoomsquare, Eversport, Inoo.rs, Marinomed, Dutalys, Happmed und vielen anderen Jungfirmen kennen sie alle sehr gut: Irene Fialka ist die Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS in Wien und damit eine der renommiertesten Expertinnen der österreichischen Startup-Szene. Mit dem neuen Programm Start:IP (Trending Topics berichtete) will sie dabei helfen, dass an Unis entwickelte Technologien zu Unternehmen werden. Im Interview spricht sie außerdem über den geplanten Startup-Campus in St. Marx, die Erfolgsquoten bei Startups und die Bro Culture in der Szene:

Trending Topics: INiTS hat mit Start:IP kürzlich eine Initiative geschaffen, die darauf abzielt, dass universitäre Entwicklungen in Firmen ausgegründet werden bzw. sich Gründer Technologien von Universitäten abkaufen können. Wie läuft es mit dem Programm?

Irene Fialka: Ziel ist, die Technologien, die an Universitäten entstehen, zu Unternehmen zu machen. Es macht Sinn, auf geistigem Eigentum aufzubauen, das nicht so leicht kopierbar ist, und es in die Hände von Unternehmern zu legen. Wir haben derzeit neun Technologieangebote auf der Webseite, Zielgröße sind 20 bis 25. Wichtig ist, dass die Technologien innerhalb von drei Jahren auf den Markt gebracht werden können. Es wird Investitionen von rund einer Million Euro pro Projekt brauchen, um ein fertiges Produkt auf den Markt zu bringen. Die AplusB-Zentren aus den anderen Bundesländern bieten uns Zugang auch zu anderen Universitäten, und wir treffen auf das Interesse weit über die Grenzen Österreichs, etwa in Deutschland oder der Slowakei hinaus. Das trifft einen Nerv. Es gibt heute genug Gründer, genug Know-how und genug Interesse, dass das funktionieren kann.

Das geistige Eigentum gehört also den Universitäten, die es verkaufen. Wie viel kostet so etwas?

Die künftigen Gründer bekommen ein Vorkaufsrecht. Dann muss man in die Verhandlungen gehen, und zwar dann, wenn anhand des Geschäftsmodells klarer wird, dass es verwertet werden kann und die Gründer das umsetzen wollen.

„Ziel ist, die Technologien, die an Universitäten entstehen, zu Unternehmen zu machen.“

Treibt das den Preis für die Gründer nach oben?

Es bringt dem Owner von geistigem Eigentum nichts, den Preis nach oben zu treiben. Denn wenn es für die Gründer zu teuer ist, dann wird die IP liegen bleiben. Das ist ein selbst regulierender Prozess. So wie ich die Universitäten kenne, sind sie sehr flexibel.

Soll die Initiative den oft diskutierten Mangel an universitären Spin-offs ausgleichen?

Ich glaube an diese Aussage nicht ganz, es fehlt uns eher eine gute Datenlage. Aber ich weiß, dass eine Menge geistiges Eigentum in Schubladen an Universitäten herumliegt, das verwertbar ist, wo aber die Wissenschaftler nicht unternehmerisch aktiv werden wollen, um etwas daraus zu machen. Dieses Potential adressieren wir mit START:IP.

Seit 2002 haben rund 200 Jungfirmen Unterstützung durch IniTS bekommen. Wie hoch ist die Erfolgsquote? Wie viele der Firmen gibt es nach fünf Jahren noch?

Die Zahl der Firmen, die es nach fünf Jahren noch gibt, ist sehr hoch, es sind etwa 85 Prozent. Die Überlebensrate sagt aber nichts über den Erfolg in unserem Sinne aus. Unsere Aufgabe ist, frühphasige, skalierbare Gründungen zu unterstützen. Nicht jedes Unternehmen stellt sich als wirklich skalierbar heraus. Das Vorgänger-Produkt von Shpock, Finderly, haben wir als skalierbar erachtet und aufgenommen, in einer näheren Ausarbeitung hat es sich dann aber nicht als solches herausgestellt. Shpock hat dann pivotiert, um zu überleben und ist durch die Decke gegangen. Es gibt auch viele Firmen, die pivotieren und klein bleiben, nur langsam wachsen und auch wunderbar Geld verdienen. Die Überlebensrate ist also für unser Ziel der Skalierung keine wirkliche Erfolgsquote.

Sowohl Shpock als auch mySugr waren einmal bei INiTS. Sind das die beiden größten Erfolge, oder gibt es Hidden Champions, auf die man leicht vergisst?

Nun, Fluidtime wurde Anfang des Jahres zu 75 Prozent von Kapsch übernommen, Ubimet gehört mittlerweile zur Hälfte Red Bull, Dutalys wurde von Roche um eine halbe Milliarde Euro gekauft. Pidso (Antennentechnologie, Anm.) hat gerade einen strategischen Investor bekommen, Lithoz (3D-Keramikdruck, Anm.) ist sehr gut unterwegs, Marinomed läuft hervorragend. Gerade im Bereich von DeepTech gibt es viele Hidden Champions und davon haben wir noch mehr in den Anfängen begleitet. Für die Menschen auf der Straße sind die nicht greifbar, deswegen kommen sie nicht so oft in den Medien vor und man trifft sie selten am Stammtisch oder anderen Events.

„Die Überlebensrate sagt aber nichts über den Erfolg aus.“

Angel Investor Herbert Gartner hat kürzlich bei uns im Interview gesagt, dass Österreich eine technische Eliteuniversität wie Zürich sie mit der ETH hat, fehlt. Ihre Meinung?

Eine akademische Eliteuniversität ist noch keine Garantie dafür, dass da viele Gründungen rauskommen. Es kommt darauf an, wie viel unternehmerischer Spirit an einer Uni vorhanden ist. Etwa wie am MIT, in Stanford, in Cambridge. Da könnten wir an den österreichischen Universitäten viel mehr tun. Wissenschaftlich gesehen gibt es tolle, weltweit bekannte Institute. An den österreichischen Universitäten gibt es genug Potenzial. Wir brauchen also keine neuen Unis, sondern müssen an den bestehenden das Verwertungsfeuer entfachen. Umgekehrt soll und kann nicht aus jedem Wissenschaftler ein Unternehmer werden, viele machen viel wertvollere Arbeit, wenn sie im akademischen Umfeld bleiben.

INiTS hat seinen Sitz in St. Marx in Wien. Hier soll ein neuer Startup Campus entstehen. Braucht es so eine weitere Einrichtung neben weXelerate und Talent Garden, kann man sie überhaupt füllen?

Bei uns waren 200 Startups, die suchen alle händeringend nach Platz. Wenn sie schnell wachsen, brauchen sie viel Platz, und sie brauchen speziellen Platz – etwa Labore, Lagerflächen, Testareale etwa für Drohnen. Das sehe ich etwa bei weXelerate nicht, das ist reine Bürofläche. Deswegen braucht es unterschiedliche Hubs. weXelerate hat einen anderen Fokus, da wird sehr viel Durchzug stattfinden, weil internationale Startups ein paar Monate nach Wien kommen, aber viele davon werden dann weiterziehen. Das ist eine andere Zielsetzung. Was es zusätzlich braucht, ist geeignete Infrastruktur für die Startups, die permanent in Wien bleiben. BioTechs etwa brauchen einfach mietbare, günstige Laborfläche. Deswegen ist es eine gute Idee, so einen Campus hier in St. Marx zu machen.

„Es ist eine gute Idee, einen Campus hier in St. Marx zu machen.“

INiTS inkubiert seit 2002 Startups. Derzeit poppen immer mehr dieser Programme auf. Ist das ausschließlich gut, oder sehen Sie Trittbrettfahrer?

Ob dass Trittbrettfahrer sind, werden wir erst in einigen Jahren wissen. Man muss sehen, ob das nachhaltige Einrichtungen sind und ob das die Fördergelder wert war. Es gibt sicher einige Institutionen, die sich dem Thema Startup widmen, weil es gerade en vogue ist, weil es die Politik pusht, weil es Förderungen gibt. Ich bin sicher, dass es einige dieser neuen Inkubatoren und Accelerators bald nicht mehr geben wird, welche das sein werden, muss man abwarten. Solche Zyklen gibt es ja immer wieder: Um die Jahrtausendwende, im Zuge der Dotcom-Blase, gab es viele dieser Inkubatoren, aber viele von denen haben wieder zugemacht.

Seit einigen Wochen wird eine Debatte rund um Bro Culture und Sexismus in der Startup-Szene geführt. Wie groß ist das Problem aus Ihrer Sicht?

Das Problem gibt es sicher, wobei man zwischen den Themen Sexismus, Bro Culture und geringe Frauenquote unterscheiden muss. Die Bro Culture trifft nicht auf die gesamte Gründerszene zu, im Bereich der Life Sciences ist die Frauenquote unter den GründerInnen bei 25 Prozent – also viel höher als in anderen Bereichen. Es ist eine Frage der Sichtbarkeit. Diese Bro Culture ist sehr laut, sehr präsent in den sozialen Medien, aber es gibt andere Branchen, wo sie nicht vorkommt. Die Bro Culture wird schon an den Universitäten, gerade in manchen technischen Studienrichtungen kultiviert. Ich kenne genügend Gründerinnen, die sich da nicht wohl fühlen, übrigens auch viele Männer, die das ablehnen. Sexismus wiederum ist kein spezifisches Problem der Startup-Branche, sondern überall dort, wo es eine sehr hohe Männerquote gibt. Frauen haben oft immer noch das Problem, nicht ernst genommen zu werden, und wenn eine dann auch noch fesch ist, wird ihr nachgesagt, dass sie nur deswegen erfolgreich ist. Das sind so Klischees, die noch immer ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Leider!

Die Frauenquote unter den Gründern ist in Österreich rückläufig. Warum?

Leider muss man generell feststellen, dass die Frauenquote überall zurückgeht, von der Startup-Szene bis zu Vorständen bei DAX-Unternehmen. Einer von wahrscheinlich vielen Erklärungsansätzen: Krisensituationen fördern das Zurückfallen in alte gesellschaftliche Muster. Und Österreich ist nach wie vor sehr konservativ geprägt.

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