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Investor Heinrich Prokop: „Wir stehen vor einer Food-Revolution“

Investor Heinrich Prokop. © H. Prokop
Investor Heinrich Prokop. © H. Prokop

Heinrich Prokop, einer der Investoren der Startup-Show „2 Minuten 2 Millionen“, ist einer der umtriebigsten Business Angels Österreich. Mit Clever Clover hat er gemeinsam mit der Niederländerin Marloes Voermans, die zuvor im Medien- und Werbegeschäft tätig war, eine eigene Beteiligungsgesellschaft ins Leben gerufen. Clever Clover hat etwa die österreichischen Jungfirmen Flying Tent, Sportvideos365 oder Kaahée im Portfolio und wird in Bälde seinen zweiten Fonds, NEO 2, auflegen.

Im Interview spricht Prokop über seine Investmentstrategie, den Trend zu „Clean Meat“ und warum er nicht in Bitcoins investiert.

Sie sind gerade für Clever Clover am Fundraisen. Was ist mit NEO 2, wie der Fonds genannt wird, geplant?

Heinrich Prokop: Wir sind soweit, dass wird Ende des Monats das erste Closing mit fünf Millionen Euro schaffen und überzeugt, den Fonds bis Ende Jänner mit zehn Millionen voll zu machen. Ich kann und darf derzeit aber noch keine Namen der Investoren nennen. Es handelt sich mehrheitlich um institutionelle Investoren aus den Bereichen Food und Retail, jene Bereiche, in die wir fokussiert investieren bzw. Finanzinvestoren mit zu uns passendem Netzwerk. Das hat den Vorteil, dass diese Investoren etwaig Anschlussfinanzierungen für Series A oder B durchführen könnten.

In welche Firmen soll das Geld investiert werden?

Wir fokussieren nicht auf Startups, sondern auf Early-Stage-Firmen, die bereits einen Proof of Concept haben, und wir fokussieren ausschließlich auf den FMCG-Markt (Fast Moving Consumer Goods, Anm.). Zu Digital oder Tech sagen wir nein, dies ist auch in den Fonds-Richtlinien festgelegt.  Sobald wir das Closing haben, werden wir die ersten vier oder fünf Investments bis Dezember abschließen. Die Ticketgrößen bewegen sich zwischen 200.000 und 500.000 Euro, wir werden also sehr schnell eine bis eineinhalb Millionen Euro platzieren. Die Firmen kommen aus ganz Europa, wir würden künftig gerne auch gerne Osteuropa in den Fokus nehmen. In Deutschland kooperieren wir mit den Food Angels und der Big Food Group von Stefan Reese, letztere ist auf vegane Nahrung spezialisiert.

Den NEO 2-Fonds haben sie schon vor mehr als einem Jahr angekündigt – warum hat es so lange gedauert?

Wir haben damals gerade mit der AMF-Zulassung (Dutch Authority for the Financial Markets, Anm.) begonnen, und das hat deutlich länger gedauert als zuerst angenommen. Einen Fonds heute in dieser Konstellation aufzustellen, ist schwierig. Wir müssen sehr schlank aufgestellt sein und trotzdem die Compliance-Richtlinien erfüllen. Der Aufwand dazu war deutlich höher als ursprünglich geplant – dennoch mussten wir das EuVECA-Label (European Venture Capital Fund, Anm.) anstreben, denn nur so können wir aktiv promoten und verkaufen.

Warum haben Sie sich für den Standort Niederlande entschieden?

Da der Fonds europäischem Recht unterliegt, gibt es in dieser Hinsicht keine Unterschiede zu Österreich. Aber es gibt ein paar Vorteile aus steuerlicher Sicht, nicht für die Investoren, aber für den Fonds selbst. Die Besteuerung ist dort ein wenig freundlicher, Stichwort Investorenfreibetrag.

Auf welche Trends setzen Sie bei den Food-Investments?

Ich weiß nicht, wie die Welt in zehn Jahren aussehen wird, aber eines weiß ich ganz sicher: Wir stehen vor einer Food-Revolution. „Food is the new Tech“. Man sieht, dass von Herstellung über den Vertrieb bis zu Handelsstrukturen sich alles mit rasanter Geschwindigkeit verändert. Der Online-Anteil am österreichischen Lebensmittelmarkt liegt bei drei Prozent, kaum ein Mensch kauft seine Lebensmittel im Netz. In Großbritannien aber sind es bereits 23 Prozent. Wenn wir also nur das nachmachen, was die Briten schon haben, bedeutet das einen massiven Umbruch. Unsere Handelskathedralen, die auf teuerstem Immobiliengrund stehen, müssen sich rasant anpassen.

Was ist mit den Lebensmitteln selbst?

Ich glaube, es wird in Zukunft völlig normal sein, dass man in die lokale „Fleisch-Brauerei“ gehen wird und sich dort sein „Clean Meat“ holt, das genauso schmeckt wie echtes Fleisch. Ich war kürzlich bei einer Blindverkostung in England dabei: Aberdeen Angus Filet gegen Fleisch aus dem „Bio-Reaktor“ –  nicht einmal die anwesenden Chefköche konnten den Unterschied feststellen. Das einzige Thema: Dieses Fleisch ist heute noch dreimal teurer als das Original.

Was bedeutet das für die Viehwirtschaft?

Zwei Drittel der agrarischen Lebensmittelproduktion geht in die Verfütterung der Fleischindustrie. Weitere 60 Prozent gehen am Weg zur Kalorie verloren, weil es verdirbt, weggeworfen wird oder die Kuh sich nicht so entwickelt wie gedacht. Unsere Landschaft wird sich komplett verändern müssen, wenn wir mehr „Clean Meat“ produzieren. Wir könnten in der echte Fleischproduktion endlich die richtigen Kosten verrechnen. Echtes Fleisch gewinnt wieder an Wert, und wir können aufhören, das 1,99-Euro-Hendl im Supermarkt zu verkaufen. Dann müssen wir auch nicht mehr 100.000 Hühner in einen Stall sperren. Man wird „alternatives Fleisch“ essen, und ab und zu wird man sich den „Luxus“ leisten, sein Bio-Hendl aus Österreich zu einem für den Hersteller vernünftigen Preis zu genießen.

Wie wird sich die Infrastruktur verändern?

Sehen Sie sich Urban Farming an: Man wird sich sein Gemüse beim Franz um die Ecke kaufen können, weil der gerade was Gutes anbaut. Insofern werden wir nicht in Tech-Startups investieren, sondern in Firmen, die etwa neue Darreichungsformen für Lebensmittel erfinden.

In China wird die Blockchain-Technologie eingesetzt, um die Herkunft von Fleisch durchgehend tracken zu können. Sind Blockchain-Firmen in dem Bereich interessant für Sie?

Ja, absolut. In unseren Fabriken haben wir ja schon ähnliche Systeme, die aber sehr aufwändig sind und viel Papier- und Scan-Arbeit bedeuten. Daher: Wenn die Blockchain das vereinfachen kann, sehr gerne. Ich bin einer großen Befürworter dieser Technologie. Als Lebensmittelhersteller muss man ganz vorne mitspielen, wenn es um Produktsicherheit geht. Trotzdem passiert es immer wieder, dass versucht wird, in die Supply Chain etwas einzuschleusen, was nicht den Erwartungen entspricht. Wenn eine Technologie das verhindern kann, her damit.

Wenn man über Superfood spricht, muss man auch über Gentechnik sprechen. Sind die strengen Regulierungen in der EU ein Nachteil im Wettrennen gegen die USA und China?

Ich glaube, dass wir in Europa nicht die Notwendigkeit haben, diese Instrumente  einzusetzen. Ich glaube auch, dass wir diese Einzigartigkeit aufrecht erhalten sollten. Ein gentechnikfreier Kontinent ist ein USP. Aber: Es gibt durchaus Bereiche, wo Gentechnik interessant ist, und zwar nicht auf der Produktionsseite, sondern auf Konsumentenseite. Beispiel: In London gibt es ein Geschäft, das dein Genom analysiert und passend dazu personalisierte Sonnencreme verkauft. Das selbe wird im Ernährungsbereich passieren, man wird Nahrungsmittel individualisiert beziehen können.

Vom 3D-Drucker, der Nahrungsmittel zu Hause produziert, wird schon seit langem geträumt.

Ja. Es gibt diese Drucker, aber sie sind noch nicht gut genug. Das ist langfristig natürlich eine Gefahr für Nahrungsmittelproduzenten. Wer braucht dann noch unsere riesigen Fabriken und Vertriebssysteme? “One size fits all” wird verschwinden, jeder will mehr Individualisierung. Wir als Industrie müssen auf diesem Trend reagieren.

Das Thema Kryptowährungen ist derzeit sehr präsent. Sind Bitcoin für Sie als Investor spannend, oder lassen Sie die Finger davon?

Was ich in meiner Investoren-Tätigkeit gelernt und auch teuer bezahlt habe: „Investiere nur in etwas, was du auch verstehst“. Ich schaue mir Bitcoin von der Seite an und bin fasziniert, was sich da tut. Ich glaube auch, dass wir einmal diese alternativen Währungen haben werden, das macht Sinn. Aber für mich ist das, was da passiert, nicht durchschaubar. Von 1.000 auf 4.000 Dollar innerhalb eines Jahres? Sorry, aber da gehe ich ins Casino. Noch fühle ich mich in einer halbwegs durchschaubaren Steuerung durch Mario Draghi (Präsident der Europäischen Zentralbank, Anm.) wohler. Da weiß man wenigstens, wer dahinter steckt und was politisch motiviert ist, aber bei Bitcoin frage ich mich nur: Wieso ist das jetzt so oder so?

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