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Hussy.io: Kontroverse um ein Startup, das Blockchain für Prostituierte programmieren will

Hussy.io zeigt Logo des Projekts und halbnackte Frau. © Jakob Steinschaden
Hussy.io zeigt Logo des Projekts und halbnackte Frau. © Jakob Steinschaden

„Disrupting the oldest profession“ – unter diesem Claim ist das Startup-Projekt Hussy.io von Peter Tulala, John D. Allen, Mina Vucinic, James Kupka, Natasha Ivanovic und Thomas Bolleyer angetreten. Die Idee: Das Projekt will mit Hilfe der Blockchain die großen Probleme der Sexindustrie wie Menschenhandel, Ausbeutung von Frauen oder die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten lösen. Mit Hilfe der Technologie wolle man es schaffen, dass sich Sexarbeiter als auch deren potenzielle Kunden unter Wahrung ihrer Anonymität registrieren und dabei trotzdem dem Gegenüber verlässliche Daten wie Alter, Gesundheit oder Herkunft zukommen lassen können. Über eine dezentralisierte Plattform, heißt es im Pitch Deck, sollen dann „Sex Meetings“ vereinbart werden können.

Geplant ist außerdem ein Initital Coin Offering (ICO), bei dem ein ERC20-Token geschaffen werden soll, der später für Bezahlungen auf der Plattform genutzt werden soll – allerdings nicht zur Bezahlung für den Sex selbst, sondern zur Bewerbung von Anzeigen auf der Plattform, über die Anbieterin und Kunde zusammen finden sollen.

Shistorm auf Facebook brach los

Hussy.io hat mit diesem Konzept für Aufregung und Kritik in der österreichischen Startup-Szene gesorgt. In einem öffentlichen Facebook-Kommentar (der Auslöser der Debatte) kritisiert etwa Florien Drees (ehemals sektor5) eine ganze Reihe von Punkten. Sie verstehe nicht, warum ausgerechnet vier Männer die vielfältigen Probleme von Prostitution mit Hilfe von Blockchain lösen wollen würden und warum das Team bei Startup Live Vienna am Wochenende einen Preis gewinnen konnte (Trending Topics berichtete).

Auch das Whitepaper, in dem die Pläne rund um den Krypto-Token und den ICO beschrieben werden, werden in dem Thread kritisiert – unter anderem, weil darin Textpassagen mit Platzhaltern („Lore ipsum…“) zu finden sind. Schließlich stieß auch der Name des Projekts auf Unmut, da „hussy“ im Englischen oft herablassend für eine „Frau ohne Moral“ verwendet wird. Auch in der Facebook-Gruppe Austrian Startup Pinwall gingen die Wogen in einer Diskussion rund um Hussy.io hoch.

Im Zuge des Awards bei Startup Live wurde das Hussy.io-Team auch mit einem Scheck von 10.000 Euro abgelichtet, der von Startup-Investor startup300 (ist bei Startup Live und Trending Topics investiert, Anm.) vergeben wird. Dieses Geld ist allerdings noch nicht an hussy.io geflossen. „Wir werden uns das genau ansehen und eine Due Dilligence sowohl hinsichtlich wirtschaftlicher als auch ethischer und moralischer Gesichtspunkte durchführen“, heißt es seitens Bernhard Lehner von startup300. „Es steht uns frei zurückzuziehen.“

Startup gesteht Fehler ein

Nach dem Social-Media-Shitstorm reagiert Peter Tulala auf die Vorwürfe, die seinem Projekt entgegen gebracht werden. „Wir sind uns voll bewusst, dass wir ein kontroverses Thema aufgegriffen haben“, so Tulala gegenüber Trending Topics. Man würde die Probleme der Sexindustrie aber nicht nur diskutieren, sondern aktiv angehen wollen, und zwar mit einer „dezentralisierten Escort-Infrastruktur“, bei der die Angebote geprüft werden. Tulala gesteht ein, dass man bei der viel kritisierten Marketing-Strategie Fehler gemacht hätte und diese ändern müsse. Das Startup wird wohl künftig auf provokante Inhalte und Bilder und Berater aus der Pornoindustrie verzichten. Auch wird versprochen, dass das Whitepaper umgeschrieben wird, um Fehler zu beseitigen.

Allerdings, so Tulala, sei die Aggression, die dem Projekt auf Social Media entgegen gebracht wurde, kaum hilfreich dabei, die Probleme, denen sich das Startup widmet, zu lösen – man wolle eine konstruktive Diskussion suchen. „Wir sind noch in der Ideen- und Konzept-Phase“, so Tulala, „Wir sind noch weit von einem Produkt-Launch entfernt, der für das erste Quartal 2019 geplant ist“, und es sei „unvernünftig von uns zu erwarten, dass wir in dieser Phase produktionsfertige Materialien auf unserer Website haben.“

Die Veranstalter von Startup Live, Tanja Sternbauer und Georg Kuttner, lassen Trending Topics folgendes wissen. „Unser Verhaltenskodex verbietet Projekte mit diskriminierendem oder rassistisch motiviertem Hintergrund oder Projekte, die Gewalt fördern“, heißt es seitens Startup Live. In der Bewerbung von Hussy.io hätte man keine Widersprüche zu diesem Verhaltenskodex gesehen, da es darin um ging, Sexarbeit transparenter und sicherer zu machen, Menschenhandel zu verhindern und die Verbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten zu minimieren. Die Bewertung des Projekts würde zu 50 Prozent über ein Community-Voting und zu 50 Prozent über eine Experten-Jury zustande kommen, der Jury würden Sternbauer und Kuttner angehören.

Jury wollte Projekt Chance geben

Die Jury hat Startup Live (Vertreter von aaia, Pioneers Ventures, Speedinvest, Conda und startup300) zufolge Hussy.io als sehr kontrovers bewertet, letztendlich hätte man sich trotz vieler Verbesserungsmöglichkeiten (Brand, Auftreten, Vertical) dafür entschieden, dem Projekt eine Chance zu geben. Auch im Vorhinein hätte man Hussy.io nicht von der Teilnahme ausschließen wollen, außerdem sei das Startup als einziges in einer Phase, wo ein Investment Sinn macht. Wenn das Projekt sich künftig nicht der Lösung der genannten Probleme widmet, würde man ihm die Unterstützung entziehen. Außerdem verweist man darauf, dass sich viele Kritiker nicht im Detail mit den Plänen des Startups auseinandergesetzt hätten und Pauschalurteile gefällt hätten.

Hier das komplette Jury-Statement:

We totally agree that hussy’s branding is more than improvable, their style of communication is provocative and the industry they are in is controversial. Which is why we had massive discussions whether to support this project or not. What convinced us in the end was the fact, that the team emphasized their aim to tackle the obvious challenges of that industry, an industry which’s existence can’t be denied and that offers potential for improvements on every level. In our opinion, Hussy was the only project eligible for a potential investment in terms of company stage. Which is why we’d like to give the team a chance to go through an intense due diligence and to convince the potential investors abut their company mission and values. If there will occur any doubt on their sincerity about addressing the challenges they named in their pitch – human trafficking, violent behavior and sexually transmitted diseases – we can assure you that both the jury as well as the potential investors will step away from any form of support.

Bernhard Blaha, einer der Mitgründer des Krypto-Startups Hero (mit dem Krypto-Token HEROcoin), der als Berater auf der Webseite von Hussy.io angeführt wird, hat sich mittlerweile von dem Projekt distanziert. Er hätte lediglich zwei Mal mit dem Team telefoniert, so wie er mit dutzenden anderen Teams, die ICOs planen, kommuniziert hätte.

Das komplette Statement von Hussy.io in Englisch:

About sex work

Sex is the most natural thing that a human being can engage in. We are not supporting any kind of oppression or exploitative work. There are many reasons why people decide to sell sexual services. Some choose to do sex work because it offers better pay and more flexible working conditions than other jobs. Others pursue sex work to explore and express their sexuality. And some do sex work as a result of circumstances like poverty or lack of other options. Regardless of the reasons, in an open society, sex workers should have the same rights to occupational health and safety as other workers.

In HUSSY.io, we believe in a future, where all women are in control of their own sexuality, including consensual exchange of money for sex with ability to set a fair price, timing and circumstances of the sexual act. Furthermore, sex work not only empowers women, but it provides women with greater opportunities for financial advancement. Women who have chosen to enter the sex work should not be looked down upon and should not have their choice considered to be lesser than another type of socially accepted employment. The still-present social stigma in society towards sex workers and their clients is the root cause of many problems associated with the sex work. 

About our marketing strategy

We are fully aware that we have touched a controversial topic and that many people are avoiding to openly discus this topic. An open and factual discussion can contribute to solve the problems of this industry.

However, only discussing problems is not enough to fully solve the problems. We have decided to solve these problems by creating a decentralized escorting infrastructure with 3rd party due diligence and listings platform that will be safe by design. Besides the pure technical realization, strong incentives for our customers are equally important. Since our primary customers are sex workers and their clients, we must also adjust our marketing strategy in order to make our product attractive for this target group. This involves using sexually-provoking content and branding, influencers from sex/porn industry, brand ambassadors and advisors from adult industry.

About the missing or not updated information on our website / whitepaper

We are currently in an idea/concept stage. We are still very far from the product launch (which is planned for Q1 2019) and it is unreasonable from us to expect to have a production-ready materials on our website at this stage.

We are building the community simultaneously while developing the MVP – with this approach, we can engage with and listen to the feedback from the community (especially from sex workers and their clients, the crypto community, but also from general public). There will be an updated version of the whitepaper and the website published in the following days with full a description of all team members and without any “Lorem Ipsum” sections that undermine the trust in our team members and their backgrounds. 

About the recent storm on social media

The aggression, emotiveness, discrimination, rough language or even threats we received on the Facebook does not help to solve any problems. We are fully open to an intelligent and factual discussion regarding the sex work and how to effectively solve problems in this industry. For those who are offended by our brand, we welcome your suggestions on how to further improve and finetune HUSSY.io branding.

Even though we don’t think that the demographics of our team is significantly different from an average technical startup in Europe, we are trying to build a diverse and inclusive team that consists of people of different races and genders.

Anmerkung: Der Artikel wurde um das volle Statement der Startup Live-Jury und ein Statement seitens startup300 ergänzt.

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