Interview

„Viele Start-ups überschätzen ihr Marktpotenzial“: Heinrich Prokop und Marloes Voermans von Clever Clover

Quirliges Duo: Marloes Voermans und Heinrich Prokop. © Clever Clover
Quirliges Duo: Marloes Voermans und Heinrich Prokop. © Clever Clover

Mit Start-ups hatte Heinrich Prokop eigentlich nie etwas zu tun. Im Alter von 28 Jahren übernahm er aber den traditionellen Familienbetrieb Gutschermühle in Traismauer, Niederösterreich. Obwohl es sein Vater anders wollte, schloss er 1995 den klassischen Mühlenbetrieb und setzte alles auf Müsliproduktion. Zu Beginn kämpfte der junge CEO mit stark sinkenden Umsatzahlen, doch er hielt durch und schaffte es, den Betrieb auf stabile Beine zu stellen. Heute werden rund 1,5 Milliarden Müsliriegel und mehr als 500 Tonnen Bio-Müsli pro Jahr produziert. 2009 schließlich schlug das Schweizer Unternehmen Haco, selbst einer der führenden Produzenten von Müsliriegeln, zu und kaufte die Gutschermühle.

+++Dieser Bericht ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 18/16 erschienen. Hier geht es zu den Abos.+++

Teile dieses Kapitals investiert Prokop nun in Start-ups – allerdings weniger in die jungen, ­hippen App-Firmen als in solche Unternehmen, die der Nahrungsmittelbranche zumindest ­nahestehen. Als einer der fünf Investoren der Puls-4-Show „2 Minuten 2 Millionen“ ist Prokop zu einem der wichtigsten Geldgeber Österreichs für Jungfirmen avanciert. Die Investments macht er aber nicht alleine, sondern meistens über die Beteiligungsfirma Clever Clover, die er ­gemeinsam mit der Niederländerin Marloes Voermans, die zuvor im Medien- und Werbegeschäft tätig war, gegründet hat. Im Mai starten sie ­ihren zweiten Fonds, der auf den Namen NEO2 hört, mit einem Volumen von etwa zehn Millionen Euro.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Ihr Geld in Start-ups zu investieren?

Heinrich Prokop: Mit dem Verkauf der Gutschermühle an eine Schweizer Firma wurde ein Teil unserer Assets plötzlich investierbar. Ich selbst bin niemand, der mit „Betongold“ sehr viel anfangen kann. Unser Stiftungsrat hat daher eine Quote von fünf Prozent für Risikoinvestments befürwortet. Alternative Investitionsmöglichkeiten liegen eben unter anderem in Wachstumsmärkten, insbesondere im Bereich von Innovationen, die ich dann durch meine Expertise unterstützen kann – das betrifft insbesondere die Nahrungsmittelbranche, wo ich meine Wurzeln habe.

Mit welchem Fokus gehen Sie an die Start-up-Sache heran?

Marloes Voermans: Vor fünf Jahren ist das Thema Start-ups in den Niederlanden so richtig aufgekommen, kaum jemand hat aber in die „Old Economy“ investiert. Unser erstes Start-up ist app-tomorrow, das sich auf Apps für Nischenmärkte fokussiert hat, im Speziellen für Notariate und Anwälte. Diese Branchen sind keine klassischen Digitalisierungsbranchen, aber sie brauchen einen Dienstleister, der den Zugang zu diesen Märkten für sie realisiert.

Prokop: Die Kunden von app-tomorrow zahlen pro Jahr etwa 1.000 Euro im Abo für diese Dienstleistung. Das ist wenig Geld, aber für das Start-up kommt viel zusammen, weil sie mittlerweile mehr als 1.000 Kunden haben. Die Firma wird voraussichtlich auch unser erster Exit werden.

Was halten Sie vom Mediengeschäft, lohnt es sich da zu investieren?

Voermans: Ja, absolut. Niemand schaut heute aufs Printgeschäft, wir aber haben in den Niederlanden in ein Start-up investiert, dass sich auf dieses Thema fokussiert. Programmatic-Buying-Printwerbung wird aus unserer Sicht der neue Standard als Plattform zwischen Verlagshäusern und Mediaagenturen. Für uns ist das ein klassisches Beispiel, wie eine „Old Industry“ neu erfunden werden kann.

Ist das die Marktlücke, die Sie gefunden haben – die Old Economy, die jetzt unter Innovationsdruck kommt und Anschluss an neue Konzepte sucht?

Voermans: Es gibt so viele kleine innovative Firmen in Europa, aber sie bekommen nur schwer Kredite von Banken. Wir bieten nicht nur Geld, sondern auch Kontakte und Zugang zu Netzwerken. Wenn zum Beispiel eines unserer Start-ups in den Niederlanden mit der Flugindustrie ins Geschäft kommen will, dann haben wir die richtigen Ansprechpartner.

Prokop: Wir sehen, dass immer mehr der großen „Flugzeugträger“ auf der Suche nach neuen Ideen und Konzepten sind. Tatsächlich kommen wir hier mit unseren Start-ups ins Spiel.

Verglichen mit Deutschland, England oder Frankreich sind Österreich und die Niederlande sehr kleine Märkte. Ist es ein Nachteil, aus diesen Märkten heraus zu operieren?

Prokop: Es gibt sicher diesen Hype rund um das Silicon Valley, Berlin oder London. Man muss nicht immer dorthin gehen, wenn es um lokales Geschäft geht. Richtig ist aber, dass an diesen Hot-Spots die großen Investoren sind. Für Start-ups, aber auch ­Investmentfonds wie NEO2 ist es in Österreich auch aufgrund der steuerlichen Rahmenbedingungen deutlich schwieriger.

In alteingesessenen Firmen gibt es Ängste, dass Start-ups und ihre Technologien Arbeitsplätze wegnehmen werden. Wie groß ist die Gefahr?

Prokop: Ja, das ist eine klare Gefahr. Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass sich der Arbeitsmarkt komplett verändern wird. Dinge wie Uber oder Airbnb werden nicht verschwinden. Sie machen das Leben einfacher und lösen Probleme. Die Services der alten Industrie müssen sich anpassen und verändern, sonst werden sie verschwinden. Schauen Sie sich die Bankenwelt an: Wozu brauche ich als User noch eine Filiale? Fast alles können wir heute am Smartphone machen.

Voermans: Es werden viele Jobs wegfallen, und genau deswegen müssen wir in kleine Firmen investieren und sie wachsen lassen. Klar ist, dass wir, auch mit Hilfe der Mentoren, mithelfen müssen, die „Default-Rate“ (Prozentsatz jener Start-ups, die scheitern) so gering wie möglich zu halten.

Herr Prokop, Sie waren als Vertreter von Clever Clover einer der Investoren bei der Start-up-Show „2 Minuten 2 Millionen“. Sie waren dabei immer sehr kritisch, haben über zu hohe Bewertungen, zu wenig Umsatz oder zu wenige Kunden gestöhnt. Warum haben sie die Jungfirmen, die oft ganz neu im Geschäft sind, so genau ins Visier genommen?

Prokop: Ich halte nichts davon, Start-ups dauernd zu erzählen, wie brillant sie sind. Vielmehr haben sie ein Recht auf echtes Feedback, und wenn Marloes und ich etwas für Bullshit halten, dann sagen wir es ihnen auch direkt.

Sie erwarten von Start-ups ziemlich viel. Wie soll eine Firma, die gerade erst gestartet ist, schon vorzeigbare Umsätze haben? Bei Start-up-Investments geht es doch immer um künftige, zu erwartende Umsätze und Gewinne und nicht um den Status quo.

Prokop: Ich erwarte nicht, dass jemand schon Gewinn macht, aber ich erwarte, dass irgendwer schon mal für ein Produkt oder ein Service einer Firma etwas gezahlt hat. Die Gründer müssen in der Lage sein, uns darzustellen, welche Margen sie erwarten. Wenn jemand falsche Zahlen präsentiert und wir später bei der Due Diligence erkennen, dass hier Diskrepanzen vorliegen, dann ziehen wir uns aus dem Deal wieder zurück.
Voermans: Viele Start-ups überschätzen ihr Marktpotenzial, das ist aber per se kein „killing“ Argument. Wir müssen erkennen, ob ein Team für die Idee brennt. Da ist es nicht immer wichtig, ob die ursprünglichen Annahmen valide sind oder nicht.

Sie kommen aus der Nahrungsmittelbranche, in der es im Zuge der Digitalisierung noch nicht so große Umwälzungen wie anderswo gegeben hat. Mit welchen Innovationen wird dort noch zu rechnen sein?

Prokop: Mit Functional Food zum Beispiel, also Nahrung, die besondere Wirkung auf die Gesundheit hat. Heute sind Nahrungsmittel nach dem Prinzip „one size fits all“ gestrickt. Ich bin überzeugt, das wird sich ändern. Wenn man weiterdenkt, kommt man schnell zur Individualisierung der Nahrungsmittel. Eine DNA-Analyse ist heute kein Luxus mehr; Individuelle Ernährung, auf persönliche Bedürfnisse maßgeschneidert, wird bald am Markt zu finden sein. Wenn wir an neue Technologien wie Food-3-D-Drucker denken, kann das eine komplette Neuausrichtung unserer Ernährung bringen.

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