Gastbeitrag

Harald Trautsch von Dolphin Technologies: „Statt einer ‚GmbH light‘ brauchen wir eine ‚AG light'“

Harald Trautsch, CEO von Dolphin Technologies. © H. Trautsch
Harald Trautsch, CEO von Dolphin Technologies. © H. Trautsch

Die Bundesregierung will im Rahmen der „Digital Roadmap“ Österreich zum Innovations-Leader in Europa machen und die Digitalisierung nutzen, um den Wirtschaftsstandort zu stärken. Im Rahmen einer Online-Diskussion sind alle Bürger bis 13. März gefragt, sich mit ihren Vorschlägen einzubringen. Vertreter der österreichischen Start-up-Szene veröffentlichen hier ihre Ideen – heute ist Harald Trautsch, Gründer und CEO von Dolphin Technologies und Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Wiener Neustadt, an der Reihe:

Was ist eigentlich der große Unterschied zwischen Österreich und dem Silicon Valley? Warum gehen dort Dinge, die bei uns nicht zu funktionieren zu scheinen? Warum bekommt man dort Geld für seine Geschäftsidee, und hier nicht? Ich höre diese und andere Fragen immer wieder. Dass es in den USA so viel leichter als bei uns ist, kann man allerdings nicht gelten lassen. Denn weniger als 700 Kilometer nördlich von Wien liegt der am schnellsten wachsende Start-up-Hub der Welt: Berlin ist das Mekka der Tech-Companies, Venture Capital fließt in Europa lediglich in Tel Aviv noch flüssiger und 2020 könnten dort Newcomer-Firmen bis zu 40.000 Jobs geschaffen haben. Im letzten Jahr pumpten VCs knapp 2 Milliarden in Berliner Start-ups, und die beiden Unternehmen Zalando und Rocket Internet hatten IPOs jenseits der 5 Milliarden Euro-Marke.

Wir wollen alle beschützen

Dass sich bei uns in Österreich etwas ändern muss, wenn wir nicht noch weiter zurückfallen wollen, liegt auf der Hand. Aktivitäten sind da auf mehreren Ebenen gefragt, wobei Initiativen wie die „Digital Roadmap“ ein guter Anfang sind. Allerdings greifen wir nicht weit genug, da offensichtlich das Bedürfnis besteht, uns permanent voreinander beschützen zu müssen. Man sieht das am Besten bei den Sozialpartnern: Arbeiterkammer und Wirtschaftskammer agieren nicht partnerschaftlich, sondern erklären sich regelmäßig gegenseitig den Krieg. Anstatt Möglichkeiten zu schaffen, wie man Mitarbeiter am Unternehmen beteiligen kann, um sie so zu loyalen Verbündeten zu machen, macht man sich gegenseitig das Leben schwer.

Statt einer „GmbH light“ brauchen wir eine „AG light“, die Arbeitgebern als ein unbürokratisches Instrument dient, ihren Angestellten Anteile zu übertragen. Gerade für junge Unternehmen ist „work for equity“ eine gute Möglichkeit an hochqualifizierte Mitarbeiter zu kommen. Und dass man in einem Start-up nicht nach 38,5 Stunden den Bleistift fallen lassen kann, sondern dass es hier flexiblerer Arbeitszeitmodelle bedarf, hat Florian Gschwandtner in seinem Essay bereits erwähnt.

Die Erwartungshaltung ist zu hoch

Wir haben aber noch einen weiteren Fehler gemacht, den wir unbedingt bereinigen müssen: Wir haben missverstanden, dass jeder alles werden kann. Richtig formuliert müsste es heißen: Jeder soll die Chance haben, alles werden zu dürfen. Das impliziert nämlich, dass man selbst etwas dafür tun muss. Tatsache ist, eine Idee ist nichts wert, solange sie nicht umgesetzt ist. Viele meiner Marketing-Studenten kommen mit dem Wunsch zu mir, sich selbständig machen zu wollen. Vielen fehlt aber entweder eine „Idee“ oder jemand, der sie umsetzt. Das ist einfach der falsche Ansatz! Wer nach einer Idee sucht, wird keine finden. Stattdessen sollte man nach Problemen Ausschau halten, die es wert sind gelöst zu werden.

In meiner Zeit im Silicon Valley habe ich kein einziges Start-up erlebt, das mit einer Idee Kapital erhalten hätte. Investoren suchen nach der sogenannten „Traction“, also dem Beweis, dass der Kunde das Produkt auch annimmt. Wer kein Wachstum nachweisen kann, geht ohne Geld nach Hause. Als Selektion gelten die sogenannten „Accelerators“, das sind Early-Stage-Investoren wie 500 Startups, Y Combinator oder Techstars. Diese filtern aus tausenden Bewerbern die vielversprechendsten aus, statten sie mit Office und Startkapital aus und lassen sie in drei bis sechs Monaten ihr Produkt weiterentwickeln.

Darüber hinaus hat man Zugriff auf hunderte Investoren, denen man bei den sogenannten „Demo-Days“ sein Start-up vorstellen kann. Genau solche Institutionen braucht es in Österreich, um einen Pool an qualifizierten jungen Unternehmen zu bilden. Die Projekte müssen meiner Meinung nach aber aus dem privaten Umfeld kommen, um jegliche politische Intervention zu vermeiden.

Man kann das Neue nicht regulieren

Wenn wir wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir der Regulierungswut abschwören. Man kann es unmöglich allen recht machen. Als Unternehmer bin ich jeden Tag gefordert, meine bestehenden Produkte und Services zu überdenken und mir gegebenenfalls selbst Konkurrenz zu machen. Denn wenn ich es nicht tue, macht es jemand anderes. Die Politik hat die Aufgabe, den Nährboden für Neues und Anderes zu bilden. Sie muss ein Umfeld für Unternehmer und Freigeister schaffen, sich zu entfalten und Altbewährtes in Frage zu stellen, sei es bei der Finanzierung, der Arbeitszeitgestaltung oder der Mitarbeiterbeteiligung.

Wenn auch du dich mit deinen Ideen für Österreichs Digital Roadmap in Form eines Gastbeitrags einbringen willst, dann schreib eine Mail an feedback@trendingtopics.at.

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