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Gründerservice-Chefin: „Die Startup-Branche braucht flexible Arbeitszeiten“

Elisabeth Zehetner-Piewald, Bundesgeschäftsführerin des Gründerservice © Gründerservice

Was haben die Startups Runtastic, Öklo, Hokify und Lieferei gemein? Alle haben vor ihrem Erfolg das Angebot des Gründerservice in Anspruch genommen und sich von den österreichweit 300 Experten beraten lassen. Elisabeth Zehetner-Piewald, Bundesgeschäftsführerin des Gründerservice, spricht im Trending Topics-Interview darüber, warum der gegenwärtige Startup-Hype wichtig für das heimische Wirtschaftssystem ist, wie man den Frauenanteil bei Startups heben könnte und was der größte Wettbewerbsnachteil Österreichs ist.

Trending Topics: Statistisch gesehen beträgt der Frauenanteil bei Firmengründungen 44,5 %, was ja sehr optimistisch stimmt. Warum ist der Frauenanteil bei Startup-Gründungen geringer?

Elisabeth Zehetner-Piewald: Zu den klassischen Neugründungen zählen ja auch Frisier-Salons, Kosmetikstudios etc. Bei den Startups gibt es noch viel Nachholbedarf. Da viele Startups sehr technologie-orientiert sind, gibt es sehr viele männliche Teams. Das hat aber auch mit dem heimischen Bildungssystem zu tun. Mit den MINT-Fächern muss man im Kindergarten beginnen, das Programmieren sollte Standard in der Volksschule sein. Damit würde sich auch der Frauenanteil nicht nur bei technologie-orientierten Startups, sondern generell bei allen Technologie-Berufen erhöhen. Das wäre enorm wichtig.

Wie werden Startups in Österreich finanziert? Auf welchen Investitions-Ebenen sehen Sie einen Nachholbedarf?

Bei uns werden etwa 21 Prozent der Startups von Business Angels finanziert, 24 % über Venture Capital. Eine der Besonderheiten in Österreich ist, dass 55 Prozent der Startups eine öffentliche Förderung erhalten, und das ist schon eine Besonderheit. Unsere Förderlandschaft ist im internationalen Vergleich einzigartig. Bei den Start-Finanzierungen sind wir in Österreich gut aufgestellt, eine gewisse Herausforderung stellen die Zweitrunden-Finanzierungen dar, aber da versuchen wir gemeinsam mit der Außenwirtschaft Austria ausländische Investoren zu finden und veranstalten gemeinsam mit dem AWS regelmäßig Pitching-Days in anderen Städten auf der Welt.

Es gibt viele Startup-Initiativen in Österreich, was grundsätzlich lobenswert ist. Was sollte Ihrer Meinung nach aber noch verbessert werden?

Der große Nachteil des Standorts Österreichs ist das Arbeitszeitgesetz. In der Startup-Branche brauchen wir flexible Arbeitszeiten. Ein Produkt, eine Dienstleistung muss fertig werden. Da geht es um Tage, will man – auch aus dem internationalen Aspekt betrachtet – erfolgreich sein. Es kann nicht sein, dass man gesetzlich daran gehindert wird, ein Produkt rechtzeitig fertig stellen zu können. Das ist ein großer Wettbewerbsnachteil.

Bei wie vielen Startups war das Gründerservice eigentlich schon Geburtshelfer, bzw. wie viele Startups nehmen die Hilfe des Gründerservice in Anspruch?

Wir unterscheiden nicht zwischen Startups und den „normalen“ Firmenneugründungen, wir beraten jeden, der eine Firma gründen will. Pro Jahr führen wir in unseren 90 Regionalstellen etwa 45.000 Beratungen durch, im Vorjahr waren – im weiteren Sinne – 4500 Startups darunter, also Firmen mit einer besonders innovativen Geschäftsidee. Das ist eine Zahl, die über die Jahre relativ stabil ist. Wir merken, dass durch Shows wie „2 Minuten 2 Millionen“ das Unternehmertum anders wahrgenommen wird und mehr Menschen versuchen, das Risiko einer Unternehmensgründung in Kauf zu nehmen. Selbständigkeit ist ja immer mit einer gewissen Portion Risiko und Unsicherheit verknüpft, das nimmt man als Startup in Kauf.

Wie definieren Sie Startup?

Das Unternehmen darf nicht älter als zehn Jahre sein und muss eine technologische Innovation beinhalten, das Produkt kann aber auch eine Dienstleistungsinnovation sein. Jedes andere Produkt, jede andere Idee würde ich als „normale“ aber genauso wichtige Firmengründung bezeichnen.

Was bringen Startups für die Gesamtwirtschaft?

Die klassischen Firmengründungen sind nach wie vor das Rückgrat der heimischen Wirtschaft, Startups sind meiner Meinung nach aber die neuen Mutmacher, sie führen die Unternehmensgründer wie die Motten zum Licht und motivieren Menschen, die schon immer im Sinne hatten eine Firma zu gründen, sich aber bislang nicht getraut haben, dieses Wagnis einzugehen. Startups senden die Botschaft „Probier es mit Selbstständigkeit“ aus. Und das kurbelt das Gründungssystem an.

Was treibt Startups an?

Im Vergleich zu den normalen Firmengründungen werden die Startup-Gründer von der eigenen Idee angetrieben, sie sehen eine Marktlücke und in dieser wollen sie erfolgreich sein. Viele gründen deshalb ein Startup, weil sie in ihrem Beruf keine und nur wenig berufliche Aufstiegsmöglichkeiten sehen. Ihnen ist auch die so oft zitiert worl-life-balance egal, sie wollen arbeiten und ihre Idee vorantreiben und realisieren. Sie streben nach einer work-idea-balance.

Wenn potentielle Gründer zu Ihnen kommen – worin haben die meisten Startups Schwächen? Welche Themen und Probleme werden unterschätzt?

Ich würde nicht von Schwächen reden, aber bei einem Startup rankt sich alles um die grundlegende Geschäftsidee. Ein Startup macht sich meist keine Gedanken, wie die Idee in die Gewerbeordnung hineinpasst, der Gründer denkt meist auch nicht an eine UID-Nummer oder welche Schritte er noch beim Finanzamt setzen muss. Das versuchen wir abzufangen und sie bei diesen notwendigen Schritten bei der Gründung zu unterstützen.

Wie sieht konkret die Hilfe des Gründerservice für Startups aus?

Jede Beratung ist individuell, weil jedes Startup Hilfe in anderen Bereichen benötigt. Aber wir beraten die Gründer bei der Rechtsform, helfen ihnen bei Finanzierung, Förderungen, bei Sozialversicherungsthemen. Es kommen ja auch viele mit einer „normalen“ Idee zu uns, die gerne Taschen nähen, Babymoden entwerfen, die ihr Hobby zum Beruf machen wollen.  Wir hören ihnen zu und beraten individuell und  sehen uns als Drehscheibe zu allen gründungsrelevanten Institutionen. Unsere Beratung ist sehr vielfältig.

Haben Sie einen Tipp für Gründer parat? Was soll man gründen?

Wenn die Idee überzeugend ist, kann man alles gründen. Es muss das Konzept passen, es muss etwas Neues sein, das Produkt bzw. die Dienstleistung muss innovativ sein. Jede Idee braucht einen USP.

Wer steckt hinter den Startups?

Großteils sind Startups männlich, die typischen Gründer sind etwas über 30 Jahre alt und leben in den Ballungszentren. Üblicherweise bestehen die Startup-Teams aus zwei bis drei Personen.

Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit dem Gründerservice. 

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