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Gründerangst: Methoden gegen das Gedankenkarussell

Fallschirmsprung ©Pixabay
Fallschirmsprung ©Pixabay

20.00 Uhr: Hundemüde nach Hause. Der Kopf dröhnt von den Ereignissen des Tages – Meetings, Ideen, Kaffee und viele Bildschirme. Endlich in Ruhe essen, lesen, mit den Kindern spielen oder Film schauen. 23.00 Uhr: Ein flüchtiger Gedanke an den morgigen Tag. Sind alle Termine eingetragen? Das Reporting vorbereitet? 23:30 Uhr: Zähne putzen, Pyjama an und ab ins Bett, Licht aus. Dann beginnt der Tanz der Synapsen: Ist das Treffen mit den Anwälten um neun oder halb zehn? Hab ich die Mail an den Kunden geschickt. Ja, auch mit Angebot im Anhang? Ist die Vertriebs-Strategie richtig? Es war ein Fehler XY nicht angestellt zu haben. Da fehlt eine Slide in der Präsentation. Die Steuerberaterin wartet auf seit zwei Wochen auf ein Mail. Ein Blick auf die Uhr: 02.00. Die Glieder schmerzen, der Kopf rast. Bitte endlich schlafen. Morgen wird wieder hart.

Der Drahtseilakt zwischen Euphorie und Frustration

Gründer kennen diesen Zustand. Das sich ewig um die eigene Achse drehende Karussell. Diesen Drahtseilakt, den das Spiel mit dem Risiko mit sich bringt. Die Aufgabe, sich zwischen Euphorie und Frustration irgendwie einen Alltag zu schustern ohne sich selbst fremd zu werden. Die dröhnenden Sorgen vor der finanziellen Verantwortung, die man für Mitarbeitern, für sich selbst, die Investoren und den Staat trägt. Die Begeisterung nach einem erfolgreichem Vertragsabschluss. Die Angst vor den Fehlern, der Unruhe, der Versuchungen. Der Beifall nach einem Vortrag. All das prasselt in steter Regelmäßigkeit auf uns Gründer ein. Vielleicht zeigt sich die Startup-Branche deshalb gerne so leichtfüßig und fröhlich, weil wir alle dieses dunkle Geheimnis um die Achterbahnfahrt still miteinander teilen.

Die Realität im Kontrast zu den Leitfiguren der Szene

Weil wir alle die andere Seite zu gut kennen. Den pochenden Kopfschmerz nach zu wenigen Stunden Schlaf. Das gedrechselt überzeugende Auftreten beim ersten Kundentermin am Morgen. In den USA gibt es eine Seite, auf der Gründer von ihren Ängsten berichten. Von der miesen Stimmung im Team, von zuviel Alkohol und zu wenig Rücksicht auf den Körper. Von Depressionen und Versagensängsten. Die Anekdoten stehen im direkten Kontrast zu dem Auftreten der Vorbilder. Den dezent gestählten Körpern, dem Leuchten in den Augen, wenn über die Rettung der Welt und den eigenen Beitrag dazu gesprochen wird.

Fragt man nach den Methoden, die Gründer anwenden, um sich vor dem mentalen Druck zu schützen, fallen die Antworten meist einsilbig aus: Sport und Natur. Doch es schlummert mehr hinter diesen Mechanismen, deshalb haben wir bei vier Gründern nachgehakt, um zu erfahren, wie die zentnerschwere Last in den Köpfen erleichtert werden kann.

„Angst hat Macht, weil sie irreal ist“

Einer der sich mit der Thematik jeden Tag auseinandersetzt, ist Christoph Schnedlitz von HiMoment. Seine App (mehr dazu) will dazu anregen, die kleinen, aber schönen Erlebnisse eines Lebens achtsamer zu betrachten und ihnen den Wert beizumessen, der ihnen zusteht. Christoph hat jahrelang in Begleitung eines Coaches an seiner Angst gearbeitet und für sich und sein Geschäftsmodell tragende Schlüsse gezogen. „Die Angst wirkt nur deshalb so stark, weil sie irreal ist. 85 Prozent unserer Ängste materialisieren sich nie, und die 15 Prozent, die es tun, sind zum Großteil nicht so dramatisch wie wir es annehmen.“ Seine Methode gegen die negativen Stimmen vorzugehen bezieht sich auf Logik. „Denkt die Ängste und die suggerierten Konsequenzen in Ruhe bis zum Ende durch: So gewinnt man Kontrolle über sie.“ Angst ist für ihn eine Stimme in der Demokratie seines Verstandes, die ernst genommen werden sollte, aber nie diktatorisch das eigene Verhalten bestimmen sollte.

Die Kunst sich zu verlangsamen

Klaudia Bachinger war über mehrere Monate auf Pilgerfahrt, als sie sich in der Ruhe entschloss, ihr Unternehmen WisR zu gründen. Auf den Trampelpfaden in Italien, zwischen Orangenblüten und Trattorias kam ihr die Manifestation ihrer Geschäftsidee spielend leicht vor; als ein logischer nächster Schritt in ihrem Leben. Als sie sich an die Umsetzung machte, klopften die Ängste an. Sie quälte das Imposter Syndrom. Die Angst, nicht gut genug zu sein. Auch die Angst vor dem Erfolg an sich. Was soll denn bitte danach kommen? Und ständig drehte sich das immerwährende Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt der wilden Gedanken: „Gegen das Hirnwichsen helfen mir mittlerweile Gespräche mit Freunden und eine Art Tagebuch, in das ich alles niederschreibe, was mir untertags passiert.“ Sie trainierte sich auch Geduld und Entschleunigung an. Sie wählt absichtlich die längere Kassenschlange im Supermarkt oder geht zu Fuß zum nächsten Termin. Sie versucht regelmäßig („wenn auch nur für zehn Minuten“) Yoga zu machen und sich positive Szenarien vorzustellen.

Über alles und nichts reden

Wenn die komplette Familie das Gründer-Gen in sich trägt, ist die Unterstützung der eigenen Sippe sicher. Thersia Kohlmayr von den Urbanauts unterbricht stressige Phasen bei der Unternehmensführung gerne mit ausgedehnten Spaziergängen durch Wien. Dabei sortiert sie ihre Gedanken, spielt Szenarien durch und wägt die Entscheidungen ab. Vor allem die Zeit mit ihren Freunden lenkt sie von den Unwägsamkeiten des Unternehmertums ab. Ruhige Gespräche über alles, was nichts mit dem eigenen Geschäft zu tun hat, bereichern ihren Alltag und helfen über die Brücke zur positiven Autosuggestion.

Auf die Mitgründer ist Verlass

Für Julia Murcek ging mit der Umsetzung ihrer eigenen Spielidee ein Traum in Erfüllung. Das futuristische Indie-Rennspiel Lightfield wurde im Herbst 2017 auf PS4 und Xbox One veröffentlicht. Ihre Methode gegen die Gründerangst ist vor allem ein aufregendes Freizeit-Programm. Julia geht Kitesurfen, sie spielt Saxophon in einer Band und tanzt Lindy-Hop. Wenn sie nicht weiter weiß, stützt sie sich auf ihre Mitgründer. “ Wir ergänzen uns sehr gut und entlasten uns dadurch gegenseitig. Ich weiß, dass ich mich auf meine drei Mitgründer voll verlassen kann.“
Wir danken allen Gesprächspartnerinnen für ihre Offenheit.  
Dieser Artikel entstand im Rahmen einer Kooperation mit der Wirtschaftsagentur Wien

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