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Google hat österreichische Medien mit 3 Mio. Euro gefördert. Die Ergebnisse sind überschaubar.

© Duncan Meyer on Unsplash
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Fälschungssichere Nachrichten auf der Blockchain, Paywall-Systeme, News-Bots oder Daten-Tools für Journalisten: Wer die österreichischen Projektbeschreibungen aus den Jahren 2016 bis 2018 bei Googles Digital News Initiative liest, der möchte meinen, dass die heimische Medienbranche einen ordentlichen Innovationsschub bekommen hat.

Über den Digital News Innovation Fund hat der US-Internet-Riese insgesamt 17 Projekte österreichischer Medienhäuser und Agenturen mit insgesamt etwa 3 Millionen Euro gefördert. Das ist vergleichsweise wenig Geld, immerhin wurden insgesamt 150 Millionen Euro in Europa ausgeschüttet. Weswegen sich Google auch den Vorwurf gefallen lassen muss, dass es sich so Einfluss bei den ansonsten sehr Google-kritischen europäischen Medienhäusern erkaufe – „politische Landschaftspflege„, meinen Kritiker.

Ein Bruchteil für Österreich

662 Projekte in 30 Ländern: Google lässt sich die Digital News Initiative jedenfalls einiges kosten. Das meiste Geld ging nach Deutschland, 93 Projekte wurden bei unseren Nachbarn mit insgesamt 21,5 Millionen Euro gefördert. Knapp dahinter: Frankreich mit 75 Projekten und 20,1 Millionen Euro und das Vereinigte Königreich mit 14,9 Millionen Euro für 78 Projekte.

14,5 Prozent der teilnehmenden Organisationen waren News-Startups, rund 27 Prozent klassische nationale oder regionale Verlage. Dazu kommen noch Agenturen (14,2 Prozent) und lokale Verlage (11 Prozent). 52 Prozent der Projekte beschäftigten sich mit neuen Technologien, 21 Prozent damit, Fake News zu bekämpfen und 12 Prozent der Projekte hatten das Ziel, digitale Umsätze zu steigern. 15 Prozent wollten „lokale Stories“ neu erzählen.

Was ist unterm Strich heraus gekommen?

Unser Eindruck: Die Ergebnisse der Millionenförderung sind überschaubar. Einige Projekte haben den Prototypen-Status nie verlassen, einige werden nicht mehr weiter verfolgt, einige sind im operativen Einsatz. Zu manchen Projekten wollen sich die Medienhäuser gar nicht öffentlich äußern – aus strategischen Gründen, wie es manchmal heißt. Am erfolgreichsten erscheint das Projekt von Russmedia für Vol.at, das auch von Google als Best Practice auf der Webseite angeführt wird.

Dazu muss man aber auch sagen: 3 Millionen Euro mögen nach viel Geld klingen, doch wirklich viel ist es nicht. Rein rechnerisch sind es im Schnitt etwa 175.000 Euro pro Projekt. Im Startup-Bereich spricht man bei solchen Größenordnungen Pre-Seed- oder Seed-Finanzierung. Folgeschluss: Wenn das Projekt nicht sofort im ersten Jahr ausreichend Umsatz macht, um sich selbst (v.a. Mitarbeiter) zu tragen, braucht es Anschlussfinanzierung. Ist das Projekt nicht in einen laufenden Medienapparat eingebettet oder bekommt auf anderem Weg eine Finanzierung, hat es kaum Chancen zu überleben.

Dass sich Google so die Liebe der Redakteure in den Medienhäusern einkauft – dafür gibt es keinen Grund zur Annahme. Vielmehr berichten Manager von strengen Fristen, Regeln und Reportings, die man einhalten und erfüllen muss, um das Geld von Google auch zu bekommen. Unterm Strich können wir festhalten: Um wirklich sichtbare digitale Medieninnovationen in Österreich zu schaffen, bräuchte es noch viel viel mehr Geld.

Die Projekte und Förderungen in der Übersicht

662 digitale Nachrichtenprojekte hat Google mit dem Digital News Innovation Fund unterstützt. Der gesamte Fund war mit 150 Millionen Euro ausgestattet. Ein Teil davon ging auch nach Österreich: 17 Projekte wurden hierzulande von Google gefördert. Trending Topics hat nachgefragt, wie die Projekte gelaufen sind.

Projekt Unternehmen Förderbetrag Projekttyp
Publisher Lead Generator-PLG Styria Content Creation k.A. Medium
Content to Commerce Missmedia GmbH / Styria Media  Group AG ca. 50.000 Euro Protoytpe
SBCNS – Styria Blockchain News System Styria Digital Services & Styria Media Group AG ca. 50.000 Euro Prototype
New(s) Influencers Influence.Vision ca. 50.000 Euro Prototype
VoiceAd Sebastian Krause knapp 50.000 Euro Prototype
Ask & Earn Krone Multimedia & Krone Verlags GmbH k.A. Medium
NewsGenie Nimeh & Partners ca. 50.000 Euro Prototype
UserNewsNet Coop zwischen krone.at, heute.at, W24 and the ww medien GmbH 260.000 Euro Medium
Semantic Observatory for News Analytics and Repurposing (SONAR) ProSieben Sat1 Puls 4 / WebLyzard 225.000 Euro Medium
ForUs – High-quality online discussions Standard Verlagsgesellschaft 49.900 Euro Prototype
De-Escalation Bot Standard Verlagsgesellschaft 208.600 Euro Medium
FutureBot Futurezone GmbH ca. 50.000 Euro Prototype
NewsRadar Telekurier Online Medien 213.000 Euro Medium
MediaPay APA > 200.000 Euro Large
DOSSIER Sources Dossier 47.680 Euro Prototype
VOL.AT Membership – Escaping the Zero-Price-Point-Trap

Gamification + Blockchain

Russmedia Digital ca. 350.000 Euro Large

Russmedia

Bei dem durch Google geförderten Projekt wurde ein System geschaffen, mit dem Nutzer von vol.at für die Nutzung des Nachrichten-Portals Punkte sammeln können, die dann wiederum gegen Prämien und bei Gewinnspielen eingetauscht werden können – ein digitales Tool zur Nutzerbindung also. Laut Gerold Riedmann, CEO von Russmedia, konnte man so die Zahl der eingeloggten Nutzer von 3 auf 30 Prozent erhöhen. Außerdem ist das System auch bei anderen Firmen im Einsatz, etwa bei Ikea in der Schweiz.

“Wir konnten durch die Förderung von Google dieses Projekt, das wir mit und ohne Google gemacht hätten, wesentlich professioneller und langfristig wirksam durchführen. So ist ein richtiges Produkt daraus entstanden, das heute auch an anderen Orten läuft”, so Riedmann.

APA

Ein  zentraler Zugang zu allen österreichischen Medien mit nur einem Login und Passwort und für Medienhäuser ein System, mit dem Payments von Nutzern für Content verwaltet werden können – das ist bei dem Projekt der APA herausgekommen, für das Google mehr als 200.000 Euro springen ließ. Das Projekt wurde 2017 gestartet und mit August 2019 abgeschlossen. Die technologische Basis von MediaKey (wie das Tool jetzt heißt, Anm.) steht als Prototyp zur Nutzung bereit”, heißt es dazu seitens APA.

Kurier

Das Kurier-Medienhaus hat zwei Förderungen bekommen – einmal für den NewsRadar, und einmal für den “FutureBot” der Tochter Futurezone. Während der NewsRadar laut Kurier-Digital-Chef Martin Gaiger bereits im internen Einsatz ist (zum Finden von Themen aus Quellen wie Nachrichtenagenturen, Social Media oder auch RSS/XML-Feeds), muss für den FutureBot wohl noch ein Einsatzbereich gefunden werden. Denn vor allem Facebook hat sich von dem einst gehypten Thema abgewandt, der Chatbot-Trend ist mittlerweile verebbt.

Der Standard

Der Standard ist zwei Mal gefördert worden, und zwar zwischen 2016 und 2019. Der “De-Escalation-Bot” ist laut Gerlinde Hinterleitner, Verlagsleitung Online bei Der Standard, im internen Einsatz, um mit AI bei der Klassifizierung von Foren-Postings zu unterstützen. Zum zweiten, kleineren Projekt “ForUs” heißt es: “Hier wurde mit Prototypen experimentiert. Die Ergebnisse wurden und werden für die Weiterentwicklung von UGC-Angeboten des Standard genutzt”, so Hinterleitner.

Dossier

Das Team der unabhängigen und gemeinnützigen Redaktion von Dossier hat mit der Google-Förderung von etwa 50.000 Euro das Tool “Sources” entwickelt, mit dem ein redaktionelles Team Quellen speichern, verwalten und mit Anmerkungen versehen können – und die Ergebnisse können damit einfach in Web-Stories eingebettet werden (siehe Beispiel hier). “Dossier: Sources wurde entwickelt, fertig gestellt und ist bereits im Einsatz”, so Dossier-Kopf Florian Skrabal. “Da es eine Open-Source-Software ist, steht sie jedem/jeder zur Verfügung.”

ProSieben Sat.1 Puls4

Konzeption und Entwicklung des Projektes SONAR liegt bei der Firma webLyzard Technology. “Das Ziel des Projekts ist, dass die Nutzung von Suchmaschinen für die redaktionelle Arbeit verbessert wird, insbesondere auch die Visualisierung von Informationsflüssen und die Einbindung von Social- Media-Kanälen”, so Arno Scharl, Manager von webLyzard. “Da es sich um eine Vereinbarung zwischen privaten Unternehmen handelt und das Projekt noch bis Ende des Jahres läuft, bitte ich um Verständnis dass wir derzeit noch keine weiteren Details kommunizieren können.” Einen Überblick zur webLyzard-Plattform gibt es online – ein Visualisierungs-Dashboard wurde etwa für ein Umweltprogramm der Vereinten Nationen entwickelt.

krone.at, heute.at, W24 und ww medien GmbH

In einer Kooperation zwischen krone.at, heute.at, W24 and der ww medien GmbH wurde das Projekt UserNewsNet gestartet, das eine Art Nachrichtenagentur im Social-Media-Bereich werden soll. Ziel ist laut Beschreibung, regionale benutzergenerierte Nachrichteninhalte für (inter)nationale Medien zu schaffen. “Das Projekt ist fertig programmiert und wird aktuell in Teilen von meinen KollegInnen intern für die Weitergabe von News-Content verwendet”, heißt es seitens Kurt Raunjak, Geschäftsführer von ww medien. „Es ist ein Consultant engagiert, der Partner für eine Zusammenarbeit sucht bzw. es gibt Gespräche mit Medienunternehmen, bei denen das Produkt integriert werden kann. Aufbauend auf dieses Produkt ist ein weiteres Projekt in der Pipeline, an dem aktuell noch gearbeitet wird: Geplante Fertigstellung ist im ersten Halbjahr 2021. Bitte um Verständnis, wenn ich hier nicht weiter ins Detail gehe.“

Krone

Die Krone Multimedia hat das Projekt “Ask & Earn” eine Förderung der Klasse “Medium” bekommen – wie viel Geld es ist, wird leider nicht verraten. Ziel des Projekts war, Elemente aus Umfragen und Gamification mit einer Echtzeit-Datenbank und einem zu Monetarisierungsplan kombinieren, um First-Party-Daten für Werbetreibende zu gewinnen, Sign-ups zu fördern und das Engagement der Nutzer zu erhöhen. Ob und in welchem Umfang das Projekt im Einsatz ist oder nicht, ist derzeit nicht in Erfahrung zu bringen.

MissMedia / Styria

Vom Leseverhalten eines Nutzers auf sein Kaufverhalten schließen – das ist das Ziel des Projekts für miss.at. Heavy User der news-Seite für junge Frauen werden gebündelt können Persönlichkeitstests ausfüllen, anstatt ihnen sofort Werbebanner zu zeigen. Das soll für den E-Commerce wichtige Daten liefern. “Das Produkt lebt, wir setzen es für maßgeschneiderte Kundenprojekte ein, als (bannerbasiertes) Trendforschungs- und Produkttesttool – mit bedeutend höheren Conversions als bislang möglich”, heißt es seitens Jochen Hahn, Chef von MissMedia. “Herzeigen tun wir es nicht. Wir packen es nur aus, wenn ein Kunde Anforderungen hat, wo das Produkt dann perfekt passt.”

Styria

Ein Mal Prototype, ein Mal Medium: der steirische Medienriese hat zwei Projektförderungen von Google bekommen. Ein Mal ging es um ein Blockchain-basiertes System, um damit echte von Fake-News unterscheiden zu können, beim zweiten Projekt ging es um personalisierte Online-Werbung, die in Artikeln platziert wird. Leider konnte oder wollte uns die Styria Media Group keine Auskunft über den Status der Projekte geben.

Influence.Vision

Bei dem Projekt ging es darum, Social Influencers dahingehend zu verifizieren, ob diese die zuverlässige Nachrichten und kreative Inhalte von journalistischem Wert liefern können. So sollte eine dezentrale Community aus Content-Creators geschaffen werden. “Das Projekt ist in dem definierten Status abgeschlossen und wurde unter Superblog veröffentlicht”, heißt es seitens Florian Bösenkopf von Influence.Vision – die Agentur ist auf Influencer-Marketing spezialisiert. “Wir haben das Produkt danach noch weiterentwickelt und im weiteren Schritt in unser Kernprodukt influence.vision eingebaut.  Die semantische Textanalyse und dadurch Klassifizierung der Influencer ist ein Kernbestandteil unserer Technologie.”

Sebastian Kraus

VoiceAd sollte ein Tool werden, das es für jeden einfach und erschwinglich macht, seine eigenen Audio-Werbetexte zu produzieren und sie an bestimmte Zielgruppen zu liefern. Angedacht war VoiceAd vor allem für Podcasts. Das sollte erreicht werden, indem die Möglichkeiten der Google Voice API und Google Text to Speech mit Methoden der programmatischen Werbung kombiniert werden, um eine einfach zu bedienende Schnittstelle für die Produktion und Bereitstellung von Audio-Werbespots zu schaffen. Sebastian Kraus, der heute für die Kleine Zeitung tätig ist, erhielt dafür die “minimale Prototypenförderung” in Höhe von knapp 50.000 Euro. Das Projekt wurde zwar endabgenommen, danach wäre aber ein weiterer Investor notwendig gewesen. Aus privaten Gründen sei das Projekt letztlich nichts geworden, eine Weiterführung „liegt auf Eis“.

Nimeh & Partners

Mit NewsGenie wollte George Nimeh eine kuratierte, für Mobile optimierte News-App für Millennials entwerfen. „Google DNI half uns dabei, NewsGenie von einer Idee zu einem echten Geschäftsplan zu machen. Wir sind von der Idee über das Konzept zum Alpha-Prototypen gekommen“, so Nimeh. Doch danach ist nicht mehr viel passiert, nachdem es keine Anschlussförderungen gab.

„Da Nimeh & Parnters ein Unternehmen und keine Wohltätigkeitsorganisation ist, traf ich die schwierige Entscheidung, mich auf unser Content-Marketing-Geschäft und nicht auf diese neue und innovative Plattform zu konzentrieren. Es liegt also auf Eis“, so Nimeh weiter. „Ich bin wirklich dankbar für die Unterstützung und Finanzierung von Google DNI. Sie sind eindeutig daran interessiert, gute Ideen und die Menschen hinter diesen Ideen zu unterstützen. Sie gehen Risiken ein. Sie erkennen Potenzial.“

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