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Giesswein: Tiroler Traditions-Patschen erfinden sich per Crowdfunding neu

"Wool Cross X"-Sportschuh von Giesswein. © Giesswein
"Wool Cross X"-Sportschuh von Giesswein. © Giesswein

Ich kann mich noch lebhaft daran erinnern, wie ich als Kind in meinen blauen Giesswein-Patschen über die Holzböden und Fliesen des Elternhauses gerutscht bin. Ein großer Spaß, manchmal zum Leidwesen der Erziehungsberechtigten, wenn man zu viel Schwung nahm und mit Karacho gegen Türen, Sessel und Wäscheständer donnerte.

Rund 30 Jahre später stecken meine Füße in Lederschuhen, und auch bei der 1954 gegründeten Tiroler Traditionsfirma Giesswein hat sich einiges geändert. Vor etwa einem Jahr haben Markus und Johannes Giesswein das Familienunternehmen in dritter Generation übernommen – und machen die Marke mit Hilfe von Crowdfunding plötzlich cool. Der Hersteller der „Rolls-Royce der Hausschuhe“ (© Harald Schmidt) hat auf Kickstarter rund 740.000 Euro bei etwa 5.700 Unterstützern eingesammelt, um den weltweit ersten Sportschuh namens „Wool Cross X“  aus atmungsaktiver Merinowolle zu produzieren.

Klassiker aus der Giesswein-Kollektion. © Giesswein
Klassiker aus der Giesswein-Kollektion. © Giesswein

„Das hat gewaltig eingeschlagen“

“Es ist irre, was man in einem Jahr bewegen kann”, sagt der 35-jährige Markus Giesswein, der mit seinem Bruder Johannes jene Firma übernommen haben, die ihre Großeltern vor mehr als 60 Jahren in Brixlegg gründeten. Zwar läuft das Geschäft mit den Hausschuhen aus Merinowolle immer noch gut, doch “für uns als Traditionsunternehmen ist es wichtig, dass wir mehr zur In-Marke werden”, sagt Giesswein. “Mit Kickstarter haben wir es geschafft, moderner zu werden.“

Online-Plattformen als Vertriebskanal zu nutzen – diese Idee hat sich Giesswein von der Marke Mahabis des Londoner Unternehmers Ankur Shah abgeschaut, der seit 2014 sehr aktiv seine Produkte via Social Media vermarktet – allen voran Schlüpfer für zuhause. “Ich habe gesehen: Dieses Potenzial lassen wir total liegen”, sagt Giesswein. Zuerst wollte man ein neues Produkt (Sneakers aus der Merinowolle) über Händler wie bisher auf den Markt bringen, aber das wurde nicht angenommen.

“Die Händler haben uns das nicht abgekauft, weil sie uns nicht im Bereich von Straßenschuhen gesehen haben”, sagt Giesswein. “Wir haben gesagt: Lassen wir die Konsumenten entscheiden.” Die am Sonntag abgeschlossene Crowdfunding-Kampagne gibt ihm recht: Die Sportschuhe gehen in Produktion und sollen bereits im November ausgeliefert werden. “Das hat gewaltig eingeschlagen.”

Markus und Johannes Giesswein. © Giewsswein
Markus und Johannes Giesswein. © Giewsswein

„Reagieren, auf was der Kunde will“

Für die Giesswein Walkwaren AG tun sich via Kickstarter also Märkte auf, die vorher nicht erreichbar waren.“Wir gehen zu Konsumentenmodell über und können so viel schneller darauf reagieren, was der Kunde will oder nicht”, sagt Giesswein. Viele Unterstützer würden aus den sehr entwickelten Online-Märkten USA und Großbritannien, Neuseeland, Australien und Kanada kommen, die meisten Backer kommen aber weiterhin aus Wien. Für die Lieferung arbeitet man mit dem Hamburger Startup BorderGuru zusammen, und in Japan wird ebenfalls bald eine Crowdfunding-Kampagne speziell für diesen Markt starten. 

In diesen Märkten will Giesswein mit der Qualitätsware punkten, für die die Firma bekannt wurde. Die Wolle, die bei Spinnereien in Italien und England zugekauft wird, wird in einem Walkverfahren in Tirol quasi industriell verfilzt. Der daraus gewonnene Stoff hat einen „Dreadlock-Effekt“ und ist besonders atmungsaktiv. Außerdem hat der Stoff Stretch-Eigenschaften und passt sich Füßen so sehr gut an. Produziert werden die neuen Sportschuhe übrigens in Vietnam. “Wir haben die Kapazitäten hier in Europa nicht mehr, die die von uns benötigten Stückzahlen schaffen”, sagt Giesswein.

„Die Mitarbeiter tragen das voll mit“

Für das Tiroler Familienunternehmen ist Kickstarter nicht nur ein neuer Vertriebskanal, sondern trägt auch zu einer Veränderung der Firmenkultur bei. “Die Mitarbeiter spüren, dass wir in die Zukunft starten, und die tragen das voll mit”, sagt Giesswein. Die ganze Firma würde direktes Firma vom Konsumenten bekommen, ob neue Produkte gut ankommen oder nicht – und nicht wie früher erst ein halbes Jahr, wenn die Händler, die den Vertrieb machten, Auskunft über den Absatz geben können.

Inspiriert hat Giesswein nicht nur der Erfolg von Mahabis im Social Web, sondern auch die österreichische Startup-Szene. “Diese Szene ist die, die innovativ ist und wo interessante Menschen dabei sind, das inspiriert mich total.”

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