Channel

Ecosystem

Interview

„Man muss es sich leisten können, ein US-Investment zu bekommen“

Florian Krisch im AußenwirtschaftsCenter in New York © Krisch
Florian Krisch im AußenwirtschaftsCenter in New York © Krisch

Wenn es österreichische Startups in die USA zieht, dann ist oft das Silicon Valley das große Ziel. Dabei ist das nicht immer sinnvoll. In New York sitzen große Banken, Hedge Fonds und Versicherungen – ein Paradies für FinTechs. Auch Interior-Design, Fashion oder Media-Startups kommen hier besser an, als in der Deep-Tech-Region bei San Francisco.

„Das New Yorker Startup-Ökosystem ist sehr dynamisch und wächst von allen Regionen in den USA am schnellsten“, sagt Florian Krisch im Gespräch mit Trending Topics. Der junge Wiener hat den Big Apple zu seiner zweiten Heimat gemacht – er ist dort im Büro des Wirtschaftsdelegierten Michael Friedl für Startups zuständig. In New York sei das Ökosystem zwar noch nicht so reif, den Zyklus aus Exits und reinvestierten Startup-Millionen hat das Valley schon viel öfter durchlaufen. Die größten Startups in New York sind WeWork, Etsy oder Oscar Health Insurance.

„In New York gibt es sehr viel old money“

In New York gibt es die höchste Konzentration der größten börsennotierten US-Unternehmen aus dem S&P-500-Index. „New York ist für Startups, die mit großen Unternehmen B2B zusammenarbeiten wollen, ein sehr guter Ausgangspunkt“, sagt Krisch. „In New York gibt es sehr viel old money und im Silicon Valley young money. Der Brückenschlag zur jüngeren Generation geschieht in New York gerade“.

Das AußenwirtschaftsCenter New York ist auch für österreichische Startups vor Ort der erste Ansprechpartner. Friedl und sein Team helfen mit einem großen Netzwerk, aber auch bei rechtlichen Fragen oder der Suche nach Beratern und Anwälten für Startups. Die Außenwirtschaft Austria organisiert sogar ein eigenes Startup-Programm, die Pitching Days New York, bei dem ausgewählte österreichische Startups ein Mini-Bootcamp für den Markteintritt in den USA durchlaufen (Trending Topics berichtete).

Michael Friedl und Florian Krisch vom AußenwirtschaftsCenter New York © Mathias Kniepeiss
Michael Friedl und Florian Krisch vom AußenwirtschaftsCenter New York © Mathias Kniepeiss

Trending Topics: Wo steht das Startup-Ökosystem in Wien im Vergleich zu New York?

Florian Krisch: Der Vergleich zwischen Wien und New York ist spannend. In manchen Bereichen schneidet Wien meiner Meinung nach sogar besser ab. Wir müssen uns nicht verstecken. Der Zugang zu Talent ist in Österreich oft leichter. In New York steht man beim Hiring in direkter Konkurrenz zu Goldman Sachs, zu IBM, zu Google. Die schnappen den Startups die Top-Arbeitskräfte weg, indem sie sehr gute Gehälter bieten. Talent zu finden ist in Wien sicher einfacher und leistbarer. Das gilt auch für Arbeitsraum – Coworking-Spaces in Wien sind finanzierbar.

Wir haben in Österreich auch ein sehr gutes Förderwesen, fast schon zu gut. Es ist für Startups hilfreich, früh eine Finanzierung zu bekommen, aber es verschiebt den Proof of Concept nach hinten. In New York gibt es so ein Förderwesen nicht. Das nötigt die Startups früher, in den Markt zu gehen und zu schauen, ob das Produkt und das Business-Modell funktionieren.

Was kann Wien von New York lernen?

In Wien passiert zwar viel bei der Zusammenarbeit zwischen Corporates und Startups, etwa mit Corporate Accelerators. Aber es braucht noch die Bereitschaft von großen Unternehmen, später auch in diese Startups zu investieren und das Team aufzunehmen. Startups erzählen mir oft, dass sie mit großen heimischen Firmen in Kontakt sind, jedoch der Due-Dilligence Prozess endlos lang ist. Das ist nachvollziehbar, weil Firmen Risiken minimieren wollen, verbraucht aber gleichzeitig wichtige Ressourcen des Startups. Wenn etablierte Firmen Innovation wollen, müssen sie auch eine gewisse Risikobereitschaft eingehen. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

Wo Wien noch Aufholpotenzial hat, ist die Vereinfachung des Gründungsprozesses und die Anpassung von Regularien. Oft hat ein Startup eine innovative Idee, wir behandeln es aber auf Rechtsgrundlagen, die über hundert Jahre alt sind. Da muss man sich schneller an aktuelle Gegebenheiten anpassen.

„Die VC-Szene in Österreich ist verglichen mit New York noch sehr überschaubar.“

Die VC-Szene in Österreich ist verglichen mit New York noch sehr überschaubar. Es gibt eine aktive Business-Angel-Szene. Da hat auch AWS tolle Arbeit geleistet, weil es mit den i2b Business Angels eine Community aufgebaut hat. Meistens geben Business Angels aber kleinere Tickets und vor allem ihre Erfahrung. Es gibt ein paar wenige Series-A-VCs, aber sobald ein Startup größer wird, ist es fast gezwungen, Österreich zu verlassen. Geld gäbe es ja genug in Österreich, es muss nur der Anreiz größer werden, damit dieses Geld risikofreudiger investiert wird. Dass die Wiener Börse den dritten Markt öffnet, ist ein wichtiger erster Schritt.

Zwischen den USA und Österreich gibt es auch wichtige kulturelle Unterschiede, vor allem in der Kultur des Scheiterns. Bei uns ist man als Unternehmer stigmatisiert als jemand, der Arbeitnehmer ausnimmt und wenn man scheitert, haben es eh schon immer alle gewusst.

Ist es nicht ein Mythos, dass man in den USA gefeiert wird, wenn man Unternehmen in den Sand setzt?

In den USA wird Erfahrung gewürdigt – scheitert man, muss man aber trotzdem zeigen, dass man etwas daraus gelernt hat. In Österreich wird man oft schon vor dem Lernprozess abgeschrieben. Das ändert sich langsam.

Während man mit dem Finger auf gescheiterte Startups zeigt, übersieht man gerne eine andere Gefahr: Bei uns gibt es mittlerweile recht viele Flat-Lining-Startups, die eigentlich klinisch tot sind, die aber am Leben erhalten werden, bis der Investor zumindest sein eingesetztes Kapital wieder herausbekommt. Da wird in den USA viel schneller der Schlussstrich gezogen. In Österreich würde das zur Dynamik im Ökosystem beitragen.

Die USA sind ein sehr großer Markt. Welche Branchen funktionieren in welchen Regionen besser?

In New York sitzen die Endkunden im FinTech-Bereich. Das sind Hedge-Fonds, Banken, Versicherungen. Wenn man für die etwas produziert, ist das der perfekte Standort. Die haben alle sehr aktive Corporate-Venture-Capital-Programme. Citibank ist zum Beispiel sehr aktiv, kauft auch zu und betreibt eigene Hubs. Media und Advertising ist auch gefragt in New York, weil hier auch die großen Advertising-Häuser sitzen. Wenn man ein Medien-Startup im News-Bereich hat, sind hier die New York Times, Bloomberg, Time Warner.

Aber auch Lifestyle-Produkte funktionieren in New York gut. Ein Consumer Product in den Bereichen Fashion oder Interior Design zum Beispiel wird hier gut funktionieren, weil die Zielgruppe genau darauf eingestellt ist. Hochtechnische Sachen wie AR oder VR, Machine Learning und AI, passen besser nach San Francisco. Dort sitzen mit Google, Facebook und die Uber die Player mit passender Expertise. Im Silicon Valley ist das Deep Tech Hub.

New York ist auch ein sehr diverses Ökosystem, weil Menschen aus vielen verschiedenen Hintergründen hierherkommen und in ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten. Startups, Wallstreet und Tech aber auch Broadway, Media und Fashion sorgen für einen einzigartigen Mix. Der gesellschaftliche Schmelztiegel ist sehr groß. Im Silicon Valley ist das Ökosystem homogener. Startups erzählen mir oft, dass sie nach der Arbeit beim Barbecue wieder die gleichen Leute von Google, Facebook und Co. treffen und man spricht auch dort über Development, Apps und Ähnliches. Da ist man in einer Bubble, in der das Feedback sehr einseitig ist.

„Gefühlte 30 Prozent der verkauften Großartigkeit muss man abziehen.“

Worauf müssen Startups bei der Expansion in die USA achten?

Wichtig ist, die USA nicht als Ganzes zu sehen. Es hilft, wenn man sich einen Testmarkt aussucht, etwa wie New York, wo man einen guten Gesellschafts-Querschnitt bekommt. Wichtig ist auch die Konkurrenzanalyse. Ein US-Investor wird fast immer in das US-Produkt investieren. Wenn es ein ähnliches Startup gibt, wird der Investor denen sagen, dass sie die paar Features ergänzen sollen. Ich höre von sehr vielen Startups, nicht nur aus Österreich: „Wir sind die Einzigen, die das machen“. Das ist fast immer falsch. Es braucht oft nicht viel, um ein Produkt nachzumachen. Wenn man zwei Google-Developer für einen Nachmittag braucht, um etwas nach zu programmieren, hat man ein Problem.

„Wenn man zwei Google-Developer für einen Nachmittag braucht, um etwas nach zu programmieren, hat man ein Problem.“

Auch im B2C-Marketing gibt es große Unterschiede zu Europa. In den USA ist das Marketing teilweise heillos übertrieben. Gefühlte 30 Prozent der verkauften Großartigkeit muss man abziehen. Österreichische Startups liefern gute Technologie, sind aber oft zu schüchtern. Bei B2B zählen dafür nur Zahlen und Fakten und direkter Kundennutzen. Da über das tolle Team, die Gründungsgeschichte und die Tradition zu erzählen, wird nicht funktionieren. Zeit ist Geld in New York.

Braucht man als Startup in den USA eine eigene Niederlassung?

Wenn es um konkrete VC-Finanzierungen in den USA geht, sprechen wir in der Regel von höheren Summen. Wenn ein Startup 200.000 Euro sucht, würde ich nicht empfehlen, dies in den USA zu tun. Solche Summen kann man in Österreich auch aufstellen und es ist gut, erst einmal dort zu wachsen.

„Man muss es sich leisten können, ein US-Investment zu bekommen.“

Wenn es dann um die Series A geht, also um Millionenbeträge, findet man in den USA mehr Investoren. Die VCs investieren aber meistens in eine US Inc. oder LLC. Diese Firmen sind sehr schnell gegründet, US-Investoren wollen aber auch in das investieren, das Wert hat. Viele Investoren verlangen deshalb einen Delaware Flip, bei dem die IP in die US-Company Company die neue Holdinggesellschaft für die österreichische Firma wird. Somit bekommen die U.S. Investoren auch einen Anteil am vorhandenen geistigen Eigentum (IP). Dieser Delaware Flip und alles drum herum kostet Geld und Zeit. Man muss es sich also leisten können, ein US-Investment zu bekommen.

Sitzt in den USA das Risikokapital wirklich so locker, wie man manchmal hört?

Bei den Mega-Rounds von Uber und Co. hat man vielleicht den Eindruck, dass den Firmen Milliarden nachgeworfen werden. Diese großen Unternehmen haben aber eine sehr hohe Burn Rate und brauchen ständig neue, große Summen für die Entwicklung, um den Break Even zu erreichen. Bis beispielsweise das Autonomous Driving von Uber rentabel ist, wird das noch viel Geld brauchen. Es geht da aber um bestehende Investoren, die noch einmal einen Scheck schreiben. Wenn Softbank einen 100-Milliarden-Dollar-Fonds hat, können sie auch leichter Follow-Investments schreiben.

„Mittlerweile gibt es unter Investoren ein höheres Risikobewusstsein.“

Für die kleinen Startups, die Series A suchen, merkt man, dass es schwieriger wird. Immer mehr Startups geht auch in höheren Runden die Luft aus, wenn die Konkurrenz auf den Trend aufspringt und man nicht mehr der einzige Anbieter ist. Mittlerweile gibt es unter Investoren ein höheres Risikobewusstsein. In New York ist der Deal-Count ist im Jahr 2018 zurückgegangen. Absolut wurde mit 13 Milliarden USD aber mehr investiert. Diese Entwicklung lässt darauf schließen, dass Investoren eher die Startups weiter pushen, in die sie schon investiert sind, jedoch Neuinvestments scheuen. Das Geld sitzt also keineswegs mehr so locker.

Gibt es eigentlich ein österreichisches Startup, das in den USA bekannt ist?

Wenn ich in der New Yorker Szene nach österreichischen Startups frage, glaube ich, dass keines bekannt ist. Selbst bei Runtastic kennt man vielleicht die App, assoziiert sie aber wahrscheinlich nicht mit Österreich. Das ist aber bei vielen Sachen so. Bei Red Bull oder Swarovski glaubt anfangs auch kein Amerikaner, dass das österreichisch ist. Wir arbeiten sehr aktiv daran, dass sich das ändert.

Gibt es eine österreichische Startup-Community, die sich regelmäßig trifft?

Das wird in San Francisco aktiver betrieben, dort gibt es Stammtische. Dort ist die Startup-Community aus Österreich schon etwas größer. In New York gibt es Events für die Österreicher-Community, wo natürlich auch hin und wieder Startups dabei sind. Es gibt aber grundsätzlich viele Startup-Events in New York, auf die man gehen kann und wir bauen durch unsere Veranstaltungen ebenfalls eine Community für österreichische Startups in New York auf. Es ist noch nie passiert, dass sich hier jemand verloren fühlt.

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen