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Kreis statt Pyramide: Bei Firstbird bestimmen jetzt die Mitarbeiter, was passiert.

in der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird
in der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird

Du willst in einem Unternehmen arbeiten, das maximal transparent ist? In dem die Mitarbeiter entscheiden, was passiert? In dem es keine Hierarchien mit Chef-Etage gibt? Und in dem die Last der Führung auf viele Schultern verteilt wird? Dann gehörst du wahrscheinlich zu jener Generation von Menschen, die in den Arbeitsmarkt drängen, sich dort aber Mitgestaltung, Freiheit und Sinn erwarten und nicht in erster Linie ein dickes Gehalt.

Das in Wien ansässige HR-Startup Firstbird der Gründer Arnim Wahls, Matthias Wolf und Daniel Winter baut jetzt die Firma so um, damit sie den Ansprüchen solcher Mitarbeiter gerecht wird. “Um gute Mitarbeiter zu binden, muss man ihnen Mitbestimmung geben. Wir brauchen mündige Mitarbeiter, die mitdenken”, sagt Wahls im Gespräch mit Trending Topics. “Hierarchische Pyramidenstrukturen entsprechen nicht unserer Zeit.“

Konsent-Prinzip statt Top-Down-Entscheidungen

Firstbird hat ein digitales Programm entwickelt, über das bestehende Mitarbeiter eines Unternehmens für offene Stellen neue Mitarbeiter vorschlagen können. Auf die Empfehlungen als Recruiting-Kanal setzen etwa Unternehmen wie McDonalds, Deloitte oder die Deutschen Telekom. Um jene Mitarbeiter, die Empfehlungen machen, können mit Sach- oder Geldprämien belohnt werden.

in der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird
In der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird

Das Schlüsselwort für die neue Team-Struktur, die sich bei Firstbird derzeit in Umsetzung befindet, lautet Soziokratie. Dabei handelt es sich um ein Organisationsmodell, bei dem alle Mitarbeiter mitentscheiden können. Das funktioniert nach dem Konsent-Prinzip: Eine Entscheidung wird nicht nach Stimmenanzahl getroffen, sondern dann, wenn keiner der Involvierten einen schwerwiegenden und begründeten Einwand hat.

Laut Firstbird-CEO Wahls beruht die Soziokratie in der Firma auf folgenden vier Säulen:

  • Distributed Leadership: Die Aufgaben, die zuvor eine Führungskraft hatte (z.B. Sales-Manager), werden auf vier Mitarbeiter verteilt
  • Autonomie: Firstbird schafft kleine Team-Strukturen, die autonom für sich arbeiten. „Man muss nicht mehr alles mit mir als CEO abstimmen”, so Wahls.
  • Empowerment: Die kleinen Teams sind selbst für dasBudget verantwortlich, das für sie bestimmt ist. Sie können etwa selbst entscheiden, ob sie mit dem Geld neue Mitarbeiter bezahlen wollen
  • Transparenz: Sämtliche Meetings in der Firma sind für alle zugänglich, es soll nichts hinter verschlossenen Türen besprochen werden. Alle können auf sämtliche Slack-Channels zugreifen, auch der Channel, der zuvor nur für die drei Gründer vorbehalten war, soll für alle einsehbar werden

„Mitarbeiter können Kunden ablehnen“

Das Ziel der neuen Soziokratie im Unternehmen begründet Wahls weiter so: “Jeder soll mitreden können und nicht das Gefühl haben, ein kleines Zahnrad zu sein”, sagt der CEO. “Mitarbeiter können theoretisch einen Kunden ablehnen. Das kann die richtige Entscheidung sein, weil man ansonsten einen unzufriedenen Kunden hätte oder Team-Mitglieder ins Burn-out schickt.”

Hintergrund der neuen Organisationsstruktur sei, besser für das künftige Wachstum vorbereitet zu sein. Im nächsten Jahr will Firstbird von 50 auf 100 Mitarbeiter wachsen. “In dieser Phase verlieren viele Startups ihre DNA und werden zu einem Corporate”, meint Wahls. Das wolle man verhindern und mit Hilfe der Soziokratie den „Startup-Spirit“ beibehalten.

in der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird
In der Arbeit bei Firstbird. © Firstbird

Gründer haben einige Veto-Rechte

Das Wachstum wird Firstbird voraussichtlich über eine größere anstehende Finanzierungsrunde stemmen. Bisher hat die Wiener Firma einige Millionen Euro Risikokapital aufgenommen (Trending Topics berichtete). Bei allen Entscheidungen haben die Mitarbeiter aber nicht das Sagen. “Wir haben Vetorechte, wenn es um Budget, Strategie oder Vision geht”, sagt Wahls. “Es gibt nur wenige Entscheidungen, die wir als Gründer alleine machen können.”

Und dürfen die Mitarbeiter sich ihre Gehälter selbst festlegen? “Da sind wir noch nicht ganz, aber das ist eine Option für die Zukunft.“

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