Forschungsförderungsgesellschaft

FFG-Chefs über Start-ups: „Wer ein gefördertes Projekt durchführt, muss auch selbst einiges investieren“

Die FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner und Henrietta Egerth. © FFG/Astrid Knie
Die FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner und Henrietta Egerth. © FFG/Astrid Knie

Neben dem austria wirtschaftsservice ist die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) die wichtigste staatliche Institution, bei der Start-ups eine Förderung bekommen können. Im Doppelinterview erklären die beiden Geschäftsführer Henrietta Egerth und Klaus Pseiner, wie viele der geförderten Jungfirmen überleben, wie sie verhindern, dass Steuergelder in erfolglosen Projekten versickern, welche gescheiterten Gründer eine zweite Chance bekommen und wie es um die Frauenquote in der Innovationsbranche bestellt ist.

Der neue Bundeskanzler Kern hat Start-ups am Pioneers Festival zur Chefsache erklärt. Welche Empfehlungen geben sie ihm, was muss er zuerst umsetzen?

Klaus Pseiner: Ich freue mich besonders, dass Herr Bundeskanzler Kern mit dieser Prioritätensetzung eine neue Dynamik in die Gründerszene bringt. Gerade für Start-ups ist der „Entrepreneurial Spirit“ ganz wichtig, neben stabilen Rahmenbedingungen, einschließlich eines Zugangs zu Finanzierungsquellen und Netzwerkpartnern. Wie sich zeigt, ist eine hochqualitative Begleitung der Start-ups ebenfalls ein Erfolgsfaktor.

Henrietta Egerth: Die gesamte Bundesregierung, besonders auch Herr Staatssekretär Mahrer, messen dem Thema große Bedeutung bei. Gemeinsam mit unseren Eigentümerressorts – dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie sowie dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft – führen wir bereits heute eine ganze Reihe an Programmen und Initiativen durch.  Die FFG hat also die geeigneten Instrumente, um diese politischen Schwerpunkte auch operativ umzusetzen.

70 Mio. Euro für 100 Start-ups pro Jahr werden über die FFG ausgeschüttet – was muss ein Start-up haben, um eine Förderung der FFG zu bekommen?

Egerth: Ganz allgemein ist es unser Ziel, Unternehmen dabei zu unterstützen, durch Forschung, Entwicklung und Innovation neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen und dadurch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Projekte, die von uns gefördert werden, sollten daher einen hohen Innovationsgrad und ein Entwicklungsrisiko aufweisen.

Die FFG unterstützt etwa 100 bis 125 Start-Ups pro Jahr mit verschiedenen Förderprogrammen. Das reicht von Einsteiger-Programmen wie dem Innovationsscheck über die Förderung von Einzelprojekten bis hin zu thematischen und strukturbezogenen Förderungen und besonderen Angeboten wie dem Markt.Start-Darlehen oder dem neuen Programm „Global Incubator Network“, das österreichische Gründer unterstützt, aber auch ausländische Start-ups und Jungunternehmen für den Standort Österreich gewinnen soll. Mit diesem Programm, das wir gemeinsam mit der austria wirtschaftsservice (aws) und weiteren Partnern durchführen, vernetzen wir die wichtigsten Akteure der Gründerszene.

Von den Jungfirmen, die bis dato gefördert wurden – welche drei sind die größten Erfolgsgeschichten aus ihrer Sicht?

Pseiner: Die FFG unterstützt Unternehmen aus allen Branchen und Technologiefeldern, von den Lebenswissenschaften über Informations- und Kommunikationstechnologien, Materialwissenschaften und Produktionstechnologie bis hin zu Energie, Umwelt- und Verkehrsthemen. Da ist es schwierig, aus den erfolgreichen Projekten einzelne auszuwählen. Beispiele sind etwa Runtastic, Smartflower, SunnyBag, Indoors, Bistrobox, EatTheBall, Helioz, Imagotag, Vocier, LineMetrics, Marinomed und viele andere. Aber auch ein Unternehmen wie TTTech, heute weltweiter Technologieführer bei sicherheitskritischer Netzwerkinfrastruktur, hat 1998 als universitäres Spin-off begonnen und wurde bereits von Beginn an von der FFG – beziehungsweise ihrer Vorgängerorganisation – tatkräftig unterstützt.

Das Wort Start-up ist in aller Munde, wird aber sehr unterschiedlich interpretiert und definiert. Wie definieren Sie Start-up bei der FFG?

Egerth: Wir orientieren uns dabei an gängigen Definitionen. Als Start-up verstehen wir Unternehmen, die 1., jünger als fünf Jahre sind, 2., ein KMU entsprechend der EU-Definition sind – also maximal 250 MitarbeiterInnen, maximal 50 Millionen Euro Umsatz, maximal 43 Millionen Euro Bilanzsumme haben -, und 3., deren Geschäftsgegenstand für das Unternehmen neu ist. Mit unserer Aufgabe als Forschungsförderungsagentur des Bundes richtet sich das Programmangebot der FFG natürlich vor allem an innovative, entwicklungsorientierte Unternehmen.

Wenn es künftig Steuererleichterungen für Start-ups und ihre Investoren geben soll – für welche rechtliche Start-up-Definition treten Sie ein? Ist eine möglichst enge Definition sinnvoller, oder eine breitere, in die auch EPUs und KMUs fallen?

Egerth: Wir halten unsere Kriterien für prinzipiell gut geeignet, da sowohl EPUs als auch KMUs darunter fallen, und wir bei einer Förderung neben dem Alter auch auf den Innovationsgrad Rücksicht nehmen. Damit gelingt es uns durchaus, jene Unternehmen zu identifizieren und zu unterstützen, die ein großes Potenzial haben, künftig in ihrer Branche bzw. mit ihrem Produkt am Markt erfolgreich zu sein und die damit auch für den Standort Österreich von hoher Relevanz sind.

FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth. © FFG/Astrid Knie
FFG-Geschäftsführerin Henrietta Egerth. © FFG/Astrid Knie

Von den 100 Start-ups, die pro Jahr von der FFG gefördert werden – wie viele gibt es nach zwei Jahren noch, und welche haben die besten Überlebenschancen?

Pseiner: Wir beobachten generell sehr genau, wie sich die von der FFG geförderten Unternehmen entwickeln und welche Wirkungen unsere Förderungen erzielen. Dazu führt die KMU Forschung Austria jährlich eine Wirkungsanalyse – für alle FFG-Programme und alle Unternehmen – durch. Was die Überlebensrate der Start-ups betrifft, so bestehen fünf Jahre nach Gründung noch immer rund 80 Prozent der von uns geförderten Start-ups.

Wir sehen ganz klar, dass eine hochqualitative Betreuung und Begleitung der Unternehmensgründungen ihre Überlebensrate und ihr Wachstum entscheidend verbessern können. Im Bereich der Hochschulen etwa sind die von uns geförderten AplusB-Zentren tätig, deren Aufgabe es ist, akademische Unternehmensgründungen und Spin-offs zu unterstützen. Hier sehen wir, dass neun von zehn Unternehmensgründungen, die im Rahmen der AplusB-Zentren betreut wurden, nach vier Jahren noch leben und in dieser Zeit rund 3.400 Arbeitsplätze geschaffen haben.

Dieses Daten decken sich auch mit Studienergebnissen, die zeigen, dass innovative Unternehmen im Allgemeinen deutlich höhere Überlebensraten haben als nicht-innovative Unternehmen.

Das Thema Scheitern wird von vielen als großes Hindernis für das österreichische Ökosystem gesehen. Gibt es bei der FFG die Chance für Jungunternehmer, nach einem in den Sand gesetzten Projekt eine Förderung für ein neues Projekt zu bekommen?

Egerth: Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsprojekte haben grundsätzlich ein zweifaches Risiko des Scheiterns, und zwar sowohl in wirtschaftlicher wie auch in technischer Hinsicht. Als Agentur des Bundes ist es unsere Aufgabe, dieses Risiko mit den Unternehmen zu teilen. Dadurch erleichtern wir die Durchführung innovativer Projekte und schaffen bestmögliche Rahmenbedingungen für eine wirtschaftliche Umsetzung neuer Ideen und wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Für Start-ups bietet die FFG im Rahmen der rechtlichen Vorschriften besondere Fördermöglichkeiten. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, bei Einzelprojektförderungen den Darlehensanteil der Förderung im Falle eines technischen Scheiterns in einen Zuschuss umzuwandeln. Und die FFG verzichtet auch auf persönliche Haftungen der Gründer. Auch das Markt.Start-Darlehen für die Umsetzung von Forschungsergebnissen bis zur Marktreife muss nicht besichert werden.

Darüber hinaus können Gründer, die mit einem Vorhaben gescheitert sind, selbstverständlich auch mit einem neuen Vorhaben und einer neuen Innovation wieder um eine Förderung der FFG ansuchen und auch unterstützt werden. Die FFG wird keinen Antragsteller auf Grund eines ersten Fehlschlags vorverurteilen, da ja die Gründer dadurch auch viel lernen und sich die Fehler hoffentlich nicht wiederholen.

Wie verhindert man seitens der FFG, dass Fördergelder in Projekten versickern, die nie marktreif werden?

Pseiner: Die FFG prüft einlangende Förderanträge sowohl auf die technische Machbarkeit, aber auch in wirtschaftlicher Hinsicht – also im Hinblick auf die Neuheit der Idee, die Verwertbarkeit, das Marktpotenzial und anderes. Damit stellen wir sicher, dass die Förderungen den erfolgversprechenden Projekten zu Gute kommen. Darüber hinaus wird auch die zweckgemäße Verwendung der Gelder kontrolliert. Dass unser System funktioniert, hat sogar der Rechnungshof vor kurzem bestätigt.

Davon abgesehen decken unsere Förderungen in vielen Fällen nur einen Teil der Projektkosten ab – die genaue Förderquote hängt vom Programm, vom Förderwerber und der Art des Projekts ab. Wer ein gefördertes Projekt durchführt, muss daher auch selbst einiges an Sach- und Geldleistungen investieren. In den Basisprogrammen wird auch ein Teil der Förderung als zinsgünstiges Darlehen vergeben. Durch diese Rahmenbedingungen haben die Unternehmen selbst ein großes Interesse, die Projektergebnisse wirtschaftlich zu verwerten.

Und auch die jährliche Wirkungsanalyse gibt uns Recht: Vier Fünftel aller FFG-geförderten Projekte hätten ohne eine Förderung nicht oder nicht in diesem Umfang durchgeführt werden können. Neun von zehn der von uns geförderten Projekte erreichen ihr technisches Ziel. Ein investierter Förder-Euro führt innerhalb von vier Jahren nach Ende des Projekts zu rund zehn Euro an zusätzlichen Umsätzen oder Lizenzerlösen.

Selbst wenn ein Projekt seine wirtschaftlichen Ziele nicht erreicht, so hilft das durch das Projekt gewonnene Know-how dem Unternehmen weiter. Darüber hinaus werden viele FFG-geförderte Projekte in Form von Kooperationsprojekten durchgeführt, dadurch ergeben sich neue Geschäftsbeziehungen und Netzwerke.

FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner. © FFG/Astrid Knie
FFG-Geschäftsführer Klaus Pseiner. © FFG/Astrid Knie

Immer wieder wird die niedrige Frauenquote in der Gründerszene bemängelt. Wie hilft die FFG dabei, diese Quote zu erhöhen?

Egerth: Die FFG hat ein breites Angebot, um auch im Bereich der Humanressourcen und der Förderung von Chancengleichheit Akzente zu setzen. Das reicht von Förderungen für Dissertantinnen über die Förderung der Laura Bassi Forschungsinstitute bis hin zu den Programmen w-fFORTE und FEMtech. Darüber werden Gender-Aspekte auch in unseren anderen Programmen bei der Projekteinreichung berücksichtigt. Natürlich ist das ein längerfristiger Prozess, aber wir sehen durchaus, dass sich in der Forschungs- und Innovationsszene etwas bewegt. So konnten wir – über alle FFG-geförderten Projekte hinweg – den Frauenanteil in der technischen Projektverantwortung von zehn Prozent im Jahr 2007 auf zumindest 23 Prozent im letzten Jahr steigern.

Wenn Sie die Forschungsförderung in Österreich mit anderen EU-Ländern vergleichen – wo liegen wir da?

Egerth: Die Unterstützung gerade von innovativen Start-Ups ist in Österreich verglichen zur EU und auch global sehr gut und ein wesentlicher Standortvorteil auch gegenüber anderen Start-Up-Hotspots wie Berlin oder London. Diese hohe Qualität im Bereich der sehr frühen Unterstützung von Start-Ups wurde auch im Global Entrepreneurship Report 2015 und in der aktuellen Studie von Roland Berger zusammen mit Pioneers im Auftrag der Stadt Wien bestätigt.

Was die Forschungsförderung generell betrifft, so sind wir ebenfalls sehr gut aufgestellt. In wenigen Ländern gibt es ein derartig dichtes Netz an Unterstützung für alle Phasen des Innovationsprozesses, von der Grundlagenforschung über die Anwendung bis zum Markteintritt. Mit der Forschungsprämie – für die die FFG die Gutachten erstellt – haben wir einen klaren Vorteil als Forschungsstandort. Einzelne FFG-Programme wie COMET oder der Innovationsscheck sind europaweit als Best-Practices bekannt und beim EU-Programm „Horizon 2020“ sind wir netto-Empfänger – das bedeutet, wir haben einen größeren Anteil am Förderbudget als unserem Beitrag entspricht.

Spin-offs von Universitäten sind ein wichtiger Teil eines innovativen Ökosystems. Wie kann man dafür sorgen, dass mehr Wissenschaftler ausgründen?

Pseiner: Die FFG unterstützt bereits seit fast 15 Jahren gemeinsam mit dem Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie im Rahmen des AplusB-Programms österreichweit Universitäten bei der Gründung und Etablierung von Spin-Offs zur Verwertung innovativer wissenschaftlicher Ergebnisse. Im Rahmen des AplusB-Programms konnten bereits über 600 Spin-off-Unternehmen gegründet werden und über 800 geistige Eigentumsrechte – also Patente und Gebrauchsmuster – zum Schutz angemeldet werden.

Davon abgesehen fördern die meisten FFG-Programme aktiv die Zusammenarbeit von wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Partnern. Hier geht es um eine enge Vernetzung und auch um den Austausch von Know-how und Personen, also um Technologietransfer und die möglichst rasche Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in marktfähige Produkte und Dienstleistungen.

Förderungsanträge gelten als kompliziert und aufwendig. Wie kann man das einfacher gestalten?

Egerth: Die FFG muss hier einen Spagat machen. Auf der einen Seite ist es unsere Aufgabe, mit den uns übertragenen Steuergeldern sorgfältig umzugehen. Wir bewegen uns ja in einem rechtlichen Rahmen von nationalen und EU-Richtlinien. Auf der anderen Seite wollen wir unseren Kunden den Zugang zur Förderung so einfach wie möglich machen. Das schaffen wir durch ein Bündel an Maßnahmen. So haben wir beispielsweise mit dem Innovationsscheck ein sehr niederschwelliges Instrument, um insbesondere KMU einen einfachen Einstieg in eine kontinuierliche Forschungs- und Innovationstätigkeit zu ermöglichen.

Wir bieten umfangreiche Services an, von Informationsveranstaltungen, Beratungen und Schulungen, der Vermittlung von Partnern, und vieles mehr. Und wir arbeiten laufend an der Vereinfachung in der Antragstellung und Projektdurchführung. So haben wir letzten Herbst eine neue Version unseres elektronischen Einreichtools online gestellt, das gerade im Bereich der Projektvorbereitung wesentliche Vereinfachungen enthält.

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