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EU wird mit Handy-Daten Ausbreitung des Coronavirus tracken

© Photo by sergio souza on Unsplash
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In einigen Ländern wie Österreich, Singapur, Taiwan oder Israel werden bereits die Ortungsdaten von Smartphones in verschiedener Art und Weise verwendet, um die Ausbreitung des Coronavirus bzw. der Erkrankung COVID-19 zu tracken. Nun kommt offenbar das ganz große Corona-Tracking. Denn die EU hat sich mit 8 großen europäischen Mobilfunknetzbetreibern darauf verständigt, Handy-Daten auswerten zu können.

Wie Reuters berichtet, haben folgende Telekomunternehmen der EU-Kommission zugesagt, dass diese Location-Daten von Smartphones in ihren Netzen auswerten wird dürfen. Dem Branchenverband GSMA zufolge, die das Vorhaben gegenüber Reuters bestätigte, sind es folgende Netzbetreiber:

  • Vodafone (GB)
  • Deutsche Telekom (D)
  • Orange (FR)
  • Telefonica (SPA)
  • Telecom Italia (ITA)
  • Telenor (NOR)
  • Telia (SWE)
  • A1 Telekom Austria (AUT)

Daten nach Ende der Krise löschen

Die Daten sollen von der EU-Kommission in anonymisierter Form ausgewertet werden, und die Daten sollen nach Ende der Krise wieder gelöscht werden. Möglich wäre etwa zu sehen, wie sich die Bevölkerung bewegt. Die oberste Datenschutzstelle der EU (European Data Protection Supervisor, EDPS) sagte gegenüber Reuters, dass dieses Großprojekt keine Datenschutzbestimmungen verletze, solange bestimmte Regeln befolgt werden würden. So müsse das genaue Datenset noch definiert werden, und es müsse gegenüber der Öffentlichkeit transparent gemacht werden, was mit den Daten genau gemacht wird.

Über das Vorhaben der EU-Kommission berichtete auch Politico.eu. Dem Report zufolge sollen die anonymisierten und aggregierten Daten dazu verwendet werden, um herauszufinden, wo am dringendsten medizinische Hilfe gebraucht wird. Pro Land will EU-Kommissar Thierry Breton einen Netzbetreiber als Datenlieferant auswählen. Die Daten sollen nicht dazu verwendet werden, um die Einhaltung der Ausgangssperren zu überprüfen.

Bewegungsströme messen

In Österreich hat A1 Telekom Austria wie berichtet der Regierung bereits anonymisierte Bewegungsprofile aller Handy-Nutzer mit A1-Vertrag zur Verfügung gestellt. A1 bietet gemeinsam mit Invenium, einem Spin-off der TU Graz, Bewegungsanalysen an, die aus anonymisierten Daten berechnet werden. Mit diesen Daten ist es möglich, die Bewegungsströme von Menschengruppen (in 20er-Schritten) zu visualisieren.

In Deutschland hat wollte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Standortdaten von Mobilfunkgeräten dazu verwenden, um Kontaktpersonen von Infizierten zu ermitteln und diese so vor einer möglichen Erkrankung zu warnen. Nach heftiger Kritik der Opposition, des Koalitionspartners SPD und seitens Datenschützern ist man in Deutschland vorerst von dem Plan abgekommen – in einer Gesetzesnovelle, die Anfang der Woche beschlossen wurde, sind Absätze zum Standort-Tracking nicht mehr enthalten. In Deutschland stellt die Deutsche Telekom bereits dem Robert-Koch-Institut anonymisierte Daten zur Verfügung, um Bewegungsströme von 46 Millionen Mobilfunkkunden abzubilden.

Social Media als Anhaltspunkt

Wie genau sind diese Daten aus Mobilfunknetzen? Das hängt davon ab, wie dicht die Mobilfunkmasten stehen, in die sich die Handys von Nutzern einloggen, um online zu gehen. Manchmal können Standorte nur auf einige hundert Meter genau bestimmt werden. Das reicht allerdings nicht aus, um festzustellen, ob Infizierte wirklich Kontakt mit anderen Personen hatten. Das ginge erst, wenn Smartphone-Nutzer entsprechende Apps installieren und Sensoren und Schnittstellen wie GPS oder Bluetooth freigeben, um Positionen genauer bestimmen zu können.

Wie etwa The Economist gezeigt hat, lassen sich auch Social-Media-Profile dazu nutzen, um die Bewegungen von Personen zu tracken. So konnte das britische Magazin mit Hilfe der öffentlichen Fotos von 20.000 Instagram-Nutzern deren Bewegungen nachzeichnen und feststellen, ob sie sich an Orten aufgehalten haben, die zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr als 50 Infizierte hatten. Wie verlässlich diese Daten sind, liegt in der Hand der Nutzer. Sie können sicher ihre echten Positionen zu Fotos hinzufügen, aber die Location auch selbst einstellen.

Slowakei erlässt eigenes Gesetz

In der Slowakei wiederum hat das Parlament ein neues Gesetz beschlossen, das dem Staat den Zugriff auf vorher geschützten Handy-Daten von Bürgern erlaubt. So darf die staatliche Gesundheitsbehörde nun mit Hilfe von Lokalisierungsdaten tracken, wo sich Coronavirus-Infizierte bewegen und mit wem sie sich treffen. So soll einerseits überprüft werden, ob sich Infizierte an Quarantäne-Vorschriften halten und andererseits sollen Menschen gewarnt werden können, die Kontakt zu Infizierten hatten.

Nach Protesten der Opposition wurde das Gesetz im Vorfeld noch abgeschwächt. Telefongespräche und SMS-Nachrichten dürfen nicht mitverfolgt werden, sondern nur Lokalisierungsdaten.

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