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Porträt

Enspired: Künstliche Intelligenz aus Wien zum Vorantreiben der Energiewende

Jürgen Mayerhofer, CEO von Enspired. © Enspired
Jürgen Mayerhofer, CEO von Enspired. © Enspired

Künstliche Intelligenz, die sich um die Flexibilität von Stromanlagen kümmert – ein Einsatzszenario, das man wohl nicht unbedingt sofort als Beispiel für die KI-Nutzung heranziehen würde. Enspired, ein Startup aus Wien, macht genau das: Das Unternehmen unterstützt Kunden dabei, „Flexibilität aus ihren Stromanlagen am kurzfristigen Strommarkt anzubieten“, um die „Energiewende voranzutreiben und gleichzeitig die Profitabilität der Anlagen zu steigern“.

Enspired nutzt „kurze Abweichungen an Strombörsen“

Wie das funktioniert, wollte Trending Topics von Jürgen Mayerhofer wissen, dem CEO von Enspired. Gegründet hat er das Startup erst dieses Jahr, gemeinsam mit Mario Schmoltzi. „Die Idee ist prinzipiell sehr einfach“, erklärt er. Das Team von Enspired habe „in verschiedenen Unternehmen und Rollen jahrelang federführend an der algorithmischen Vermarktung von fluktuierenden erneuerbaren und großen thermischen Kraftwerken gearbeitet. Der in den letzten Jahren stark gewachsene Anteil an erneuerbaren Energien verursache „Schwankungen im Stromnetz, die durch Flexibilität ausgeglichen werden müssen, um die Netzstabilität zu gewährleisten und Blackouts zu vermeiden“. Vor allem Wind sei schwer prognostizierbar, „so dass Abweichungen aktiv im kurzfristigen Handel an den Strombörsen gemanagt werden müssen“, erklärt Mayerhofer.

KI für kleine Betreiber

Die Bereitstellung von Flexibilität an den Börsen ist somit ein integraler Bestandteil einer erfolgreichen Energiewende. Hier kommt Enspired ins Spiel, fährt Mayerhofer fort: „Um die notwendige Flexibilität dem Stromnetz kurzfristig zur Verfügung zu stellen, müssen jedoch einige organisatorische und technische Hürden überwunden werden – diese Hürden sind vor allem für kleinere Anlagenbetreiber kaum zu bewältigen oder machen ökonomisch im Einzelfall oft keinen Sinn“.

Fokus auf kurzfristigem Großhandelsmarkt für Strom

Die Vermarktung von flexiblen Anlagen könne auf mehreren Märkten erfolgen, die unterschiedlichen Zwecken dienen. Mario Schmoltzi: „Unser Fokus liegt auf dem sehr kurzfristigen Großhandelsmarkt für Strom, in dem Strom bis fünf Minuten vor physischer Lieferung gehandelt wird. Auf diesem sogenannten ‚Intraday-Markt‘ stehen sich alle Marktakteure vom Windvermarkter über thermische Kraftwerksbetreiber bis zum Pumpspeicherbetreiber anonym gegenüber. Wird nun mehr Wind erzeugt als zuvor erwartet wurde, müssen Windvermarkter mit teilweise sehr wenig Vorlaufzeit den überschüssigen Strom verkaufen“.

Das führe in bestimmten Marktsituationen sogar zu negativen Preisen, wodurch Abnehmer für den Verbrauch von Strom bezahlt werden würden: „Für unsere Kunden mit Stromspeichern oder Kraftwerken ergibt sich in diesem Moment die Chance, Strom günstig einzukaufen, um ihn einzuspeichern anstatt ihn selbst zu produzieren. Genau diesen Teil übernehmen wir für unsere Kunden und helfen ihnen dabei, die besten Preise zu erzielen. Sobald zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlicher Strom im Netz benötig wird, kann der eingespeicherte Strom teurer wieder verkauft werden beziehungsweise die Produktion aus dem Kraftwerk eines unserer Kunden wieder erhöht werden“.

„Reduzieren Eintrittsbarrieren“

Für Kunden wird ein Komplettpaket angeboten, welches den Zugang zum kurzfristigen Börsenhandel, die Abwicklung der physischen Stromflüsse sowie den wirtschaftlich optimierten Einsatz der jeweiligen Stromanalage beinhaltet – und zwar alles über vollautomatisierte Prozesse. „Damit reduzieren wir die Eintrittsbarrieren für Marktteilnehmer, um am kurzfristigen Intraday-Handel
teilnehmen zu können, auf ein Minimum“, erklärt Jürgen Mayerhofer. Die KI-Modelle würden unter Berücksichtigung der technischen und kommerziellen Vorgaben der Kunden trainiert. „Dieser hochtechnologische Ansatz ermöglicht uns eine einfache Skalierung über verschieden Arten von Stromanlagen sowie über Märkte. Durch die vollständige  Automatisierung können wir unseren Kunden höhere Profitabilität zu geringeren Kosten bieten. Damit werden auch ganz neue Anwendungsfelder für die Energiesysteme der Zukunft möglich, wie beispielsweise das preislich optimierte Lademanagement für Elektroautos“.

Enspired: Expansion bereits geplant

Die Technologie sei auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz und einfache Skalierung ausgelegt. „Wir verwenden diese aktuell für den kurzfristigen Stromhandel in Zentraleuropa – die Architektur ist jedoch so konzipiert, dass Erweiterungen auf andere Handelsplätze, globale Märkte und Commodities wie etwa Gas oder Emissionen mit überschaubarem Aufwand möglich sind“, blickt der CEO schon in die Zukunft. „Zum aktuellen Zeitpunkt handeln wir bereits flexible Anlagen in Deutschland, da dies der aktivste kurzfristige Strommarkt in Europa ist. Wir werden in den nächsten Monaten in zwei weitere europäische Märkte expandieren und auch dort unsere Dienstleistung anbieten“.

Und weiter: „In Zusammenarbeit mit unserem Partner ‚has·to·be‘ verwenden wir unsere Plattform zur preislichen Optimierung von aggregierten Ladevorgängen von Elektroautos. Die E-Autos werden jeweils zu Zeiten mit den günstigsten Preisen geladen – so können Kunden bis zu 40 % der Energiekosten einsparen“, erklärt Mario Schmoltzi. Zusätzlich habe man die Dienstleistung so aufgesetzt, dass diese vom Kunden ohne Risiko getestet werden kann – „wir verdienen ausschließlich am zusätzlich erwirtschafteten Wertbeitrag“.

Starten in der Krise

Wie ist es dem jungen Startup in der Corona-Krise ergangen? Jürgen Mayerhofer: „Wir haben im Januar 2020 gegründet und sind direkt in die erste Welle gestartet. Da sich das gesamte Team damals bereits seit Jahren persönlich gekannt hat, hat der Aufbau des Unternehmens auch remote sehr gut funktioniert. Wir haben die Zeit genutzt, um unsere Plattform zu entwickeln, die Infrastruktur aufzubauen und im Bereich KI zu forschen. Auch unsere Zielgruppe hat sich sehr rasch auf die neuen Umstände eingestellt. Unser physisches Office haben wir dann im Mai bezogen, um ganz aktuell aufgrund der zweiten Welle wieder vermehrt remote zu arbeiten – vollständig digital, genau wie unser Geschäftsmodell“.

Mittlerweile blickt man in die Zukunft. Was wünschen sich die Gründer? „In fünf Jahren besitzen wir ein globales Portfolio aus Flexibilitäten und Erneuerbaren und treiben dadurch das Gelingen der Energiewende aktiv voran. Wir sind ein führender Anbieter im Bereich Kommerzialisierung von Speichertechnologien, E-Mobilität und innovativen Stromerzeugungslösungen. Unsere Dienstleistung haben wir auf weitere Commodities ausgedehnt und besitzen eine globale Präsenz“.

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