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Verbund-Chef: “Wir werden ohne eine CO2-Bepreisung nicht weiterkommen”

Verbund-CEO Wolfgang Anzengruber. © Lagger/VERBUND
Verbund-CEO Wolfgang Anzengruber. © Lagger/VERBUND

“Wir dürfen nicht den Fehler machen, das Phänomen auf freitägliche Schulschwänzer zu beschränken.” Beim Auftakt der Energiekonferenz „energy2050“, die Österreichs größtes Elektrizitätsversorgungsunternehmen Verbund diese Woche in Fuschl bei Salzburg veranstaltet, dreht sich alles um die Klimakrise und ihre Bewältigung. “Wir sind die letzte Generation, die noch etwas gegen den Klimawandel tun kann”, sagte Verbund-CEO Wolfgang Anzengruber. Die „Fridays for Future“-Bewegung sei deutlicher Ausdruck einer gesellschaftlichen Strömung für nachhaltigere Wirtschaft und Politik.

Wie wird man dem Klimawandel nun aber Herr? Bei der Dekarbonisierung des Wirtschafts- und Energiessystems hält Anzengruber die so genannte Sektorkoppelung für zentral. Ein sperriges Wort, beschreibt sie jedenfalls den Weg, dass nicht einzelne Sektoren – wie etwa Stromversorger – alleine eine Wende schaffen können, sondern nur gemeinsam im Zusammenspiel mit anderen Branchen.

Grüner Wasserstoff als Chance für Europa

Grüner Wasserstoff ist dafür ein Beispiel. Gemeinsam mit der voestalpine arbeitet Verbund etwa an einem Elektrolyse-Verfahren, um Wasserstoff aus erneuerbarer Energie zu gewinnen und diesen dann bei der Stahlproduktion anstelle von Koks und Kohle einzusetzen (Trending Topics berichtete). In den nächsten Wochen soll die 6-Megawatt-Anlage bereits den ersten Wasserstoff liefern, sie gilt als eines der größten Projekte dieser Art weltweit.

“Europa hat die Chance, im Bereich der Wasserstofftechnologie an vorderster Front zu stehen. Da haben haben die anderen uns noch nicht überholt”, so Anzengruber. Allerdings: “Wasserstoff ist heute noch nicht wettbewerbsfähig” – ergo sehr teuer. Deswegen bräuchte es sowohl auf österreichischer als auch auf EU-Ebene entsprechende Förderungen, um solche neuen Technologien im großen Maßstab entwickeln und ausbauen zu können.

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Diskutiert wird derzeit intensiv, ob PKWs künftig besser mit Wasserstoff als mit großen Elektro-Akkus angetrieben werden sollen (Trending Topics berichtete). Doch dieses Einsatzgebiet sieht der Verbund-Chef derzeit nicht. “Den Einsatz sehen wir primär im industriellen Bereich und weniger im PKW-Bereich“, so Anzengruber. Es gebe derzeit kaum Infrastruktur, kaum entsprechende Autos, und die Produktion von Wasserstoff sei noch sehr teuer. “Im Schwerlastbereich gibt es schon eher Anwendungsfälle” – etwa bei LKWs oder Bussen. Wasserstoff im PKW-Bereich sieht Anzengruber in 15 bis 20 Jahren.

© Hydrogen Center Austria
© Hydrogen Center Austria

Wasserstoff kein Fall für PKWs

Siemens-Österreich-CEO Wolfgang Hesoun pflichtet Anzengruber bei. “Man sollte den effizienteren Weg vorantreiben, und das ist sicherlich die industrielle Anwendung”, so Hesoun. “Beim Individualverkehr haben wir das Problem, dass die Infrastruktur aufwendiger zu installieren ist als jene für die Elektromobilität.” Eine Wasserstofftankstelle würde etwa eine Million Euro kosten. Grüner Wasserstoff in der Industrie hingegen sei eine große Chance. “In Zeiten, wo sich die Wachstumsraten flach entwickeln oder rückläufig sind, können wir mit Technologien neue Geschäftszweige eröffnen, den Produktionsstandort Europa stärken und Arbeitsplätze schaffen”, so Hesoun.

Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun. © Lagger/VERBUND
Siemens-Österreich-Chef Wolfgang Hesoun. © Lagger/VERBUND

Geredet wird derzeit viel, getan aber relativ wenig. Wie bekommt man Industrie und Gesellschaft nun dazu, nachhaltiger zu produzieren und zu konsumieren? “Wir werden ohne eine CO2-Bepreisung nicht weiterkommen”, sagt Verbund-Chef Anzengruber. “Wir müssen diesem Schadstoff einen Preis geben.” Den Takt beim Co2-Preis würde Deutschland vorgeben, dann würde Österreich nachziehen.

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Bepreisung für CO2

Doch wie könnte eine solche Bepreisung (von einer CO2-Steuer hält Anzengruber nichts) aussehen? Der Verbund-Chef rechnet vor: Österreich verursacht derzeit rund 80 Millionen Tonnen Co2 pro Jahr, das sind pro Kopf zehn Tonnen. Mit den Importen, die jeder konsumiert, sind es eigentlich 15 Tonnen. Im „European Union Emissions Trading System“ (EU ETS) werden CO2-Zertifikate derzeit bei rund 27 Euro pro Tonne gehandelt. 45 Prozent der österreichischen Emissionen sind derzeit im ETS, zusätzlich sollten noch Wärme und Verkehr aufgenommen werden. Denn private Haushalte mit ihrem Heizöl oder Kraftstoffverbrauch sind noch nicht im EU-Emissionshandel. “Da reden wir von 150 Euro pro Kopf und Jahr”, so Anzengruber. Gemeint ist damit etwa ein Aufschlag auf fossile Energien.

Die Mehreinnahmen, die der Staat dadurch macht, könnten dann wieder ausgeschüttet werden – zum einen in Forschung und Entwicklung, zum anderen als Förderung für jene, die in CO2-vermeidende Maßnahmen investieren. So könnte es etwa zusätzliche Fördergelder für Unternehmen oder Haushalte geben, die sich Photovoltaikanlagen mit entsprechenden (nicht unbedingt billigen) Stromspeichern installieren.

Politik ist gefragt

„CO2-Vermeidung muss günstiger werden als der Kauf von CO2-Zertifikaten, sonst macht die Wirtschaft nicht mit“, so Anzengruber weiter. Die Vermeidungskosten pro Tonne CO2 würden in Österreich bei 60 Euro beginnen, je nach Sektor können die Kosten auf mehr als 100 Euro wachsen. Ohne öffentliche Zuschüsse und Förderungen wird es also nicht gehen – und so ist einmal mehr die Politik – von der EU-Kommission bis zur nächsten österreichischen Regierung – gefragt.

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