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„Ein nackter Nippel bringt uns nicht aus der Fassung“: Neue Wiener Anonymitäts-App Nanu greift Jodel an

Sind Nutzer ehrlicher, wenn sie anonym bleiben? © Nanubuzz.com
Sind Nutzer ehrlicher, wenn sie anonym bleiben? © Nanubuzz.com

„Keep your secrets with everyone!“ Mit diesem Slogan ist heute die neue Smartphone-App „Nanu“ (kostenlos für iPhone und Android) ins Rennen um die Gunst der heimischen Smartphone-Nutzer gegangen. Sie verspricht den Usern, völlig anonym ihre Meinungen, Witze und Fotos an alle anderen Nanu-User senden zu können, die sich in einem Umkreis von fünf Kilometern aufhalten. Posts wie „Mein Freund kocht so schlecht dass ich es als Freundschaftsbeweis empfinde, wenn er mich nicht zu einem Essen bei sich einlädt“, „Ich höre meinem Mitbewohner gern beim Sex zu“ oder „Ich wünschte, mein Leben wäre so schön wie es online aussieht“ finden sich unter dem Hashtag #confessions – wer sie geschrieben hat, das sieht man aber nicht. Denn bei Nanu gibt es weder Profile, Accounts noch Nutzernamen – es reicht, sich einfach die App zu installieren, und schon kann man Texte und Fotos veröffentlichen.

„Wir sind nicht Facebook, uns bringt ein nackter Nippel nicht aus der Fassung“, sagt Sebastian Schally, dessen Firma Semada GmbH die App ins Leben gerufen hat. Die Idee von Nanu lehnt sich deutlich an Apps wie Jodel aus Berlin (TrendingTopics.at berichtete) oder YikYak aus Atlanta, Georgia, an – auch bei diesen geht es darum, anonym mit anderen Nutzern in der Umgebung chatten zu können. Die Theorie: Wenn Menschen nicht mit ihrem echten Namen auftreten, sind sie ehrlicher, was wiederum für spannendere Diskussionen sorgen soll. Dass Nanu nicht einzigartig ist, weiß Schally: “Bei all diesen anderen Diensten ist die Regionalität der USP. Es geht um Communities, die sich zuerst in ihrer direkten Umgebung bilden. Solange Jodel und Co. nicht wirklich in Österreich aktiv werden, gibt es die Chance für uns. Und unsere App ist visuell ansprechender und hat intuitivere Funktionen.“

„Scharfe, sachbezogene Kritik ist willkommen“

Nanu-Gründer Sebastian Schally. © S. Schally
Nanu-Gründer Sebastian Schally. © S. Schally

Für seine App hat der Software-Entwickler, der früher unter anderem für Stepstone, Krone Multimedia und Wunderman PXP tätig war, bereits zwei Business Angels gefunden, die eine kleine Seed-Runde finanziert haben (und anonym bleiben möchten). “Der Erfolg von Jodel und YikYak ist der Beweis, dass es einen Bedarf gibt, und den wollen wir regional in Österreich bedienen“, sagt Schally. Der weitere Plan: Wenn Nanu in Österreich gut angenommen wird, will er in den Osten Europas expandieren und damit den Konkurrenten YikYak und Jodel aus dem Weg gehen. Dass es nicht einfach werden wird, zeigt das Beispiel Secret: Die Anonymitäts-App erlebte 2014 einen Höhenflug, wurde mit bis zu 100 Millionen US-Dollar bewertet und dann im April 2015 wieder eingestellt.

Einer der Knackpunkte für den Erfolg ist, wie die Nutzer mit der Anonymität umgehen – wird die App zu einem mobilen Forum für Hass-Postings und Flegeleien, wird die Monetarisierung schwer. Bei Nanu werden die Postings der Nutzer deswegen regelmäßig überprüft, außerdem gibt es eine Reporting-Funktion, über die Nutzer bedenkliche Inhalte melden können. „Der Umgangston auf Nanu soll höflich und sachlich sein. Auch scharfe sachbezogene Kritik ist willkommen, nicht jedoch Schmähkritik oder Angriffe auf Personen in herabsetzender Form. Eine anstößige Ausdrucksweise, Fäkalsprache oder sexistische Begriffe sind zu unterlassen“, heißt es in den Nutzungsbedingungen. Wer dagegen verstößt, riskiert nicht nur die Löschung seiner Beiträge, sondern auch, komplett von der Nutzung ausgesperrt zu werden.

Einmal gesperrt, immer gesperrt

Die Anonymität der Nutzer will Nanu folgendermaßen gewährleisten: Wie gesagt braucht man zur Nutzung keinen Account, stattdessen wird jeder installierten App einen fiktive Nanu-ID zugewiesen, die aus der IMEI-Nummer des Smartphones und einer zweiten Zahl errechnet wird. Das hat zwei Vorteile: Wenn der Nutzer die Verbindung zwischen seinem Smartphone und seinen Postings lösen will, dann muss er in der App nur auf „alles entfernen“ klicken und bekommt eine neue Nanu-ID zugewiesen. Anders herum können die Nanu-Betreiber ein Smartphone komplett sperren – auch die Neuinstallation der App hilft nichts. Einmal gesperrt, müsste der Bösewicht ein neues Smartphone kaufen, um wieder posten zu können.

Auch auf die Verschlüsselung der Kommunikation zwischen Smartphone und Server legt Schally wert: Derzeit sei der Datentransfer mit 256bit SSL verschlüsselt, ab dem nächsten Release soll nach dem Crypto-Standard AES-256 chiffriert werden.

Content-Kanal für Studenten

Wie Nanu letztendlich Geld abwerfen wird, ist noch offen – zuerst will Schally, der potenzielle Nutzerschaft vor allem unter Studenten wittert, einmal eine große Community aufbauen. Möglich wäre dann, als Content-Kanal für Medienpartner und Werber zu fungieren, über den Nachrichten und werbliche Inhalte an die Nutzer ausgespielt werden – im Optimalfall passend zu Aufenthaltort und Diskussionsthemen.

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