Analyse

14 Tech-Trends, die das Post-Corona-Zeitalter prägen werden

© Photo by 丁亦然 on Unsplash
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Ja, eh klar, die Corona-Krise wird die Digitalisierung beschleunigen. Haben wir schon zig Mal von den großen Visionären unserer Zeit gehört. Klar ist: Die Ausbreitung von COVID-19 und die staatlichen Maßnahmen dagegen haben das bisherige Leben auf den Kopf gestellt und offen gelegt, wo die Bruchstellen liegen. Handel, Bildungswesen, Verwaltung, der Gesundheitsbereich, aber auch die stinknormale Büroarbeit – das alles war und ist nach wie vor nicht so digitalisiert, wie man es sich eigentlich erwarten würde.

Und damit ist die Corona-Krise, die eine massive Wirtschaftskrise nach sich ziehen wird, ein Brandbeschleuniger für die Digitalisierung. Wenn überhaupt noch Investitionen locker gemacht werden können, dann werden sie vor allem in die Digitalisierung fließen – das zeigt auch eine neue Umfrage von Unternehmensberater EY unter österreichischen Führungskräften. Deren Lehre Nummer 1: das Vorantreiben von Digitalisierungsprojekten.

Wer die Krisenzeit nutzt, um ein neues Unternehmen zu gründen oder sich mit seiner bestehenden Firma umstellen muss, der muss sich auf folgende Trends besinnen.

1. EduTech wird essenziell

Die Corona-Krise ist für den traditionell langsamen Bildungsbereich ein Weckruf. Noch sind Lehrer damit beschäftigt, herauszufinden, wie den nun Zoom und Microsoft Teams funktioniert, um halbwegs mit den Schülern kommunizieren zu können. Dementsprechend positionieren sich derzeit vom kleinen österreichischen Startup (Trending Topics berichtete) bis hin zu den IT-Riesen wie Microsoft, Apple und Google nun als die beste Lösung für digitale Bildung.

Hier ist, wer sich bei den Behörden, Schulen und Eltern durchsetzen kann, viel Geld zu holen. Bis 2024 soll sich der Markt für „Smart Learning“ von 23 Milliarden Dollar im Jahr 2019 auf mehr als 56 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln – und Corona ist der Türöffner überall dort, wo bisher gebremst wurde.

2. HealthTech bekommt seinen großen Auftritt

Eigentlich müsste die Innovationsbranche ja jetzt mit den passenden digitalen Produkten zur Stelle sein, um alles vom Infizierten-Tracking über den telemedizinischen Anruf beim Hausarzt bis hin zum schnellen Testen und Entwickeln von Impfstoffen anbieten zu können. Ist sie aber nicht. Vielmehr wird vieles erst jetzt aus dem Boden gestampft, und zwar aus verschiedensten Gründen. Teuer und langwierig ist die Entwicklung und Zulassung, Datenschutz gerade bei Gesundheitsdaten ein Bremser gewesen. Das wird sich ändern – Investoren nennen den HealthTech-Bereich bereits als einen der wichtigsten Zukunftstrends. Und Konsumenten und Behörden werden künftig viel schneller zu überzeugen sein, die Digitalisierung in dem Sektor voranzutreiben.

3. Remote Work wird zum Standard

Bisher war Home Office ein Goodie für Schlüsselarbeitskräfte, denen Chefs ein besonderes Zuckerl in den Vertrag hineinschreiben wollten. Das wird sich ändern. Überall dort, wo physische Anwesenheit nicht zwingend erforderlich ist, werden Menschen Teile ihre Arbeitszeit am Schreibtisch zu Hause erledigen. Das erfordert auf beiden Seiten, bei Arbeitnehmern wie Arbeitgebern, neue Dinge: Arbeitgeber müssen die entsprechenden digitalen Tools für diese Arbeit bereitstellen und das entsprechende Vertrauen in die selbstständige Arbeit einbringen, und Arbeitnehmer müssen sich intensiv mit der Work-Life-Balance auseinandersetzen.

4. Coworking Spaces werden viel wichtiger

Aus Punkt 2 ergibt sich auch gleich Punkt 3. Derzeit sind Coworking Spaces leer wie nie zuvor, doch das wird sich wieder ändern. Wenn immer mehr Unternehmen auf einen Mix aus physischer Anwesenheit und Home Office setzen, dann werden viele Chefs bald in Frage stellen, ob es überhaupt noch ein fixes Büro braucht. Flexible Lösungen werden dann noch stärker gefragt sein als vor der Krise – eine Chance für Coworking Spaces aller Art, diese flexiblen Arbeitsumgebungen anzubieten.

5. Schnellerer, simplerer eCommerce

Die Stadt Wien vergibt an kleine Unternehmen bis zu 10.000 Euro, damit sie sich mal einen Online-Auftritt zulegen können. Das zeigt deutlich, wo wir derzeit stehen. Dementsprechend wird die Nachfrage nach Online-Shop-Systemen, die wirklich jeder versteht, bald noch viel stärker zunehmen. Die Plattformen – von Shopify über WooCommerce bis hin zu Instagram-Shops – dafür gibt es schon – doch alles, was ein kleiner Händler drum herum braucht (Logistik, Payment, Lieferung, Warenstand etc.) und einfach zu bedienen ist, wird sehr gefragt sein.

Wie drängend der Bedarf ist, zeigt das Investment von Facebook in Indien: 5,7 Milliarden Dollar für zehn Prozent von Jio Platforms. Dort geht es darum, um 60 Millionen Kleinst-, Klein- und Mittelbetriebe und 30 Millionen kleine Händler ins Netz zu bringen – mit WhatsApp als Verkaufskanal (Trending Topics berichtete).

6. Effiziente Job-Vermittlung

26 Millionen Arbeitslose in fünf Wochen in den USA, Rekordarbeitslosigkeit in Österreich, und so weiter und so fort: Künftig sind Job-Plattformen doppelt gefordert, um Arbeitsplätze vermitteln zu können. Diesmal umgekehrt: Nicht Unternehmen werden die Stellen ausschreiben und händeringend nach Fachkräften suchen, vielmehr werden sich die vielen Arbeitslosen um die noch offenen Stellen reißen. Digitale Tools, die den Menschen dabei helfen, Stellen schneller zu finden als andere und bessere Bewerbungen zu machen als die Mitbewerber, werden gefragt sein. Und Unternehmen brauchen effiziente Tools, um die richtigen Talente im Heer der Bewerber zu finden.

7. Gute Cyber-Security wird Pflicht

Cyber-Attacken sind mit dem massiven Wechsel ins Home Office weltweit angestiegen – Remote Working bietet neue Angriffsflächen, wenn Daten zwischen dem Zuhause der Mitarbeiter und den Firmen-Clouds zu fließen beginnen. Die zusätzliche Verlagerung von vielen anderen Bereichen (Handel, Bildung, Behörden usw.) ins Netz verlangt nach digitalen Sicherheitslösungen, die schnell einsetzbar sind und auch halten, was sie versprechen. Das geht von Frau-Protection in den neuen Online-Shops bis hin zu abhörsicheren Conferencing-Tools – auch heute noch immer keine Selbstverständlichkeit. Die Übernahme des Cyber-Security-Unternehmens Nimubsec durch KSV1870 (Trending Topics berichtete) ist einer von vielen deutlichen Hinweisen, wie dringend Sicherheitslösungen heute und in Zukunft sein werden.

8. Digital Entertainment

Zu den vorläufigen Gewinnern der Krise zählen nicht nur Zoom und Slack, sondern auch Netflix oder Snapchat – weil sie digital und weltweit unterhalten können. Der Rückzug in die eigenen vier Wände ist vielleicht nicht so temporär, wie es nun wirken mag – gut möglich, dass aus dem Social Distancing eine Art digitaler Biedermeier wird. Der Fokus aufs Privatleben in der Kleinfamilie wird viel Zeit zu Hause schaffen, die angefüllt werden will. Streaming von Video, eh klar. Aber die großen Internetkonzerne arbeiten bereits intensiv am Rollout der nächsten Gaming- und eSports-Plattformen.

Wer meint, ja, davon reden wir ja schon seit zehn Jahren. Ja und nein. Man sollte sich etwa einmal ansehen, dass im Shooter Fortnite mittlerweile virtuelle Konzerte von Rapstars stattfinden, die von Millionen Nutzern besucht werden.

9. Nachhaltiger Konsum

Die Corona-Krise und die Lockdowns haben viele Menschen wieder dazu gebracht, lokal zu produzieren. Startups wie markta in Österreich gehen zur Zeit durch die Decke, weil sie Städtern regionale (Bio-)Lebensmittel einfach zugänglich machen. Die steten Meldungen, dass die Natur allerorts durch das Runterfahren ganzer Kontinente endlich wieder mal Aufatmen kann, wird vielen Konsumenten zeigen, dass nachhaltiger Konsum sinnvoll ist. Wer da passende und glaubhafte Angebote hat, wird viel Absatz finden.

Aber Achtung: Die Rede ist hier nicht von Bio-Bobo-Premium-Superfood, sondern von massentauglichen Angeboten. Halten die Vorhersagen, dann wird die Corona-Krise die Kaufkraft von Abermillionen von Menschen ordentlich drücken. Nachhaltigkeit muss deswegen auch leistbar sein. Auch Amazon kann Biokistl versenden.

10. Effizienteres eGovernment

Bürger diesseits wie jenseits des Atlantiks können Spottlieder darüber singen: Die Performance vieler e-Government-Lösungen ist nach wie vor noch lange nicht dort, wo sie sein könnte. Bei der Digitalisierung der Behörden ist noch viel Luft nach oben.

11. Surveillance-Tech

Man kann es böse finden, passieren wird es trotzdem: Vor allem Behörden, aber auch viele andere große Organisationen werden Überwachungstechnologien verstärkt nachfragen. Das geht von Temperaturmessungen auf Flughäfen zur Zutrittskontrolle in Krankenhäusern bis hin zur Kontrolle, ob Menschen Sicherheitsabstände einhalten, Ausgangsbeschränkungen einhalten oder Masken tragen. Mag sein, dass das dystopisch wird – aber Regierungen werden für mögliche kommende Pandemien und andere Bedrohungen Tech bereit haben wollen, um im Ernstfall schnell Maßnahmen zu setzen.

Das Tony Blair Institute for Global Change (TBI) analysiert bereits, dass staatliche Überwachung ein Preis ist, der es in Krisen wie der aktuellen wert sei zu bezahlen (mehr dazu bei BBC).

12. Desktop ist nicht tot

Mobile, Mobile, Mobile wurde uns die letzten Jahre gepredigt. Doch wo konsumiert der quarantänisierte Mensch seine Video-Streams, Zoom-Konferenzen und Online-Games? Richtig: Am Notebook, Desktop-Computer oder gleich am Flat-TV. Zoom mit mittlerweile 300 Millionen Nutzern ist ein Desktop-First-Erlebnis. Dass es nicht immer “Mobile First” heißen wird, hat einer der größten Mobile-Apps überhaupt auch bereits eingestanden: Instagram zieht immer mehr Funktionen in seine Web-Version für Desktop-Computer – zuletzt etwa auch Live-Videos.

13. Digitales Geld

Bargeld wurde schon vor der Krise in vielen Ländern nicht gerne gesehen, in der Krise hat sich bargeldloses Bezahlen in noch viel mehr Geschäften zum Standard durchgesetzt. Parallel dazu sind die Projekte von Banken, mittels Blockchain staatliche Kryptowährungen zu schaffen, nicht eingeschlafen. In Südkorea ist im April nun ein Testprogramm für eine staatliche Digitalwährung angelaufen. Das Beispiel wird Schule machen.

14. Financial Literacy

Viele viele Menschen, die in der Krise viel Geld verlieren, werden sich denken: Wie kann ich künftig zu den Gewinnern zählen? Während man bei Banken für sein Erspartes keine Zinsen mehr bekommt, werden Investments für den kleinen Mann immer interessanter. Neben Kryptowährungen sind das Aktien, ETFs usw. Neben Robinhood rittern in Europa mittlerweile auch Bitpanda aus Österreich oder Trade Republic aus Deutschland um diesen neuen Markt, in dem es darum geht, Finanzprodukte in einfach zu verstehende Apps zu verpacken (Trending Topics berichtete).

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