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Die Upload-Filter, gegen die ihr protestiert, sind längst im Einsatz

Demo gegen Artikel 13 in Berlin. © Netzpolitik.org/Markus Beckedahl
Demo gegen Artikel 13 in Berlin. © Netzpolitik.org/Markus Beckedahl

In mehr als 50 Städten im deutschsprachigen Raum haben am Samstag insgesamt mehr als 100.000 Menschen gegen die geplante Urheberrechtsreform der EU demonstriert. Über diese wird am Dienstag um 12 Uhr final im EU-Parlament abgestimmt, insbesondere über den kontroversen Artikel 13. Dieser sagt zwar nicht explizit, dass künftig Upload-Filter auf großen Internet-Plattformen eingesetzt werden müssen. Doch anders könnten Google, Facebook und Co. gar nicht die Menge an kopiergeschützten Filmen, Songs oder Bildern erkennen, die sie vor einer ungerechtfertigten Verbreitung via Social Media schützen sollen.

„Wir sind keine Bots“ – “ Wer das Internet filtert, quält auch süße Katzenbabys“ – „Art. 13 weg“ – „Das wird man doch noch uploaden dürfen“. Mit Sprüchen wie diesen machten sich Demonstranten ihrem Ärger über die befürchteten Upload-Filter Luft. Ihnen wird nachgesagt, sich zu Zensurmaschinen und einer Gefahr für ein freies Internet entwickeln zu können.

Audible Magic, die Firma im Hintergrund

Die Ironie der Geschichte: Upload-Filter sind längst auf den großen Plattformen im Einsatz. Bestens bekannt ist, dass Google bei YouTube das so genannte Content ID einsetzt, um urheberrechtlich geschütztes Material erkennen und löschen zu können. Weit weniger bekannt ist, dass solche Filter-Software auch auf anderen großen Plattformen verwendet wird. Zentral ist hier die Firma Audible Magic mit Sitz in Los Gatos nahe dem Silicon Valley.

Das Unternehmen rund um Mitgründer und CEO und Mitgründer Vance Ikezoye operiert seit 20 Jahren und bietet seinen Kunden eine patentierte Software an, die Video- und Audio-Content erkennen kann. Die Technologie dahinter heißt Automatic Content Recognition (ACR). Auf der Kundenliste stehen nahe zu alle großen (westlichen) Social-Media- und Content-Plattformen neben YouTube und Twitter:

  • Facebook
  • Soundcloud
  • Vimeo
  • DailyMotion
  • Twitch
  • Tumblr
  • musical.ly (mittlerweile in TikTok aufgegangen)

Bereits 2015 hat Facebook die EU-Kommission wissen lassen, dass „jeder von Benutzern hochgeladene Inhalt vor dem eigentlichen Upload durch die Audible Magic-Software gefiltert wird“. Seither hat Audible Magic etwa auch ein System namens AMLive auf den Markt gebracht, dass Inhalte aus Live-TV (z.B. Sportübertragungen) erkennen und löschen kann. „AMLive eignet sich gut für die Live-Sportbranche, in der Piraterie von Live-Streams ein großes Problem darstellt. Der Service spricht auch ein wachsendes Problem an, bei dem aufgezeichnete Musik von Schlafzimmer-DJs live gestreamt wird“, so CEO Vance Ikezoye. 25 Millionen Songs in 200 Ländern könne man erkennen, hieß es im Februar 2019.

Medienunternehmen lassen Content filtern

Damit Audible Magic urheberrechtlich geschützte Inhalte (also Musik, TV-Übertragungen, Filme, Musikvideos usw.) erkennen kann, braucht es eine dicke Datenbank mit dem Originalmaterial. Dieses wird dann mit einem Upload eines Nutzers verglichen – findet die Software eine Übereinstimmung, dann könnte ein Bruch des Urheberrechts vorliegen.

Folgende Unternehmen lassen Audible Magic zufolge ihre Inhalte durch die Software verfolgen und filtern:

  • NBC Universal (gehört Comcast)
  • Universal Music Group
  • Walt Disney
  • 21st Century Fox (gehört Disney)
  • Warner Music Group
  • Sony Music
  • Viacom
  • The Orchard
  • CI
  • FUGA
  • PIAS
  • Beggers
  • Finetunes
  • RTL
  • Canal+

Aber wie gut sind die Filter?

Audible Magic behauptet, dass seine Filter zu 99 Prozent Content korrekt erkennen können – in 10.000 von einer Million Fällen liegt die Software also falsch. „Die Identifizierung der Inhalte basiert auf den Merkmalen des Audios, wodurch der Inhalt über Dateiformate, Codecs, Bitraten und Komprimierungstechniken hinweg genau identifiziert werden kann. Dieser Ansatz ist sehr genau und ist nicht von Metadaten, Wasserzeichen oder Datei-Hashes abhängig“, heißt es seitens Magic Audible. „Er ist auch immun gegen viele typische Transformationen, Kompressionstechniken und Hintergrundgeräusche.“

Fraglich ist da, wie gut diese Filter bei Videos funktionieren, die ohne Tonspur daherkommen bzw. bei denen die Tonspur gegen etwas anderes ausgetauscht wurde. Das wäre etwa bei GIF-Memes wichtig, die aus den Inhalten von TV-Shows etc. gebastelt werden und meistens keine Tonspur haben. Das Gefährliche an Upload-Filtern ist, wenn sie nicht richtig greifen und die falschen Inhalte blockieren. Dann werden Unschuldige von einem Algorithmus ungerechtfertigt bestraft.

Audible Magic lobbyiert für Copyright-Reform

Und so ist es kein Wunder, dass die Firma Audible Magic die Einführung eines neuen Urheberrechts eintritt, das die Haftbarkeit von Plattformbetreibern für Urheberrechtsverletzungen der Nutzer vorsieht. Tech-Anwältin Annemarie Bridy, die sich mit der Copyright-Reform intensiv auseinandersetzt, hat Dokumente gezeigt, die von intensivem Lobbying von Audible Magic in Brüssel zeugen. Die Firma hat sogar ein Video veröffentlicht, das seine Vorteile für die neuen Anforderungen unter Artikel 13 hervor streicht.

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