Channel

Ecosystem

Headquarter

Die Schattenseiten von Amazons HQ2

Die Amazon Spheres beim Hauptsitz in Seattle. © Amazon
Die Amazon Spheres beim Hauptsitz in Seattle. © Amazon

In einem Schönheitswettbewerb haben 238 US-Städte 13 Monate darum gerungen, der neue Standort des zweiten Hauptquartiers (aka HQ2) von Amazon neben Seattle zu werden. Das Ergebnis ist für viele kaum überraschend: Die wertvollste Firma der Welt nach Apple hat sich für New York City und Crystal City in Virginia gleich bei der US-Hauptstadt Washington D.C. entschieden und zieht damit in die beiden Macht- und Geldzentren der Ostküste.

Die Governors von New York und Virginia, Andrew Cuomo und Ralph Northam, jubeln. Immerhin haben sie es geschafft, dass Amazon in ihren Städten jeweils 2,5 Milliarden Dollar investiert und jeweils 25.000 hoch bezahlte Jobs (150.000 Dollar/Jahr im schnitt) kreieren wird. Und sie lassen sich die Amazon-Expansion einiges kosten: In New York gibt es für Jeff Bezos‘ Online-Giganten steuerliche Belohnungen von satten 1,2 Milliarden Dollar, in Virginia sind es 573 Millionen Dollar an Incentives, die ausgeschüttet werden, wenn Amazon seine Versprechen einhält. Denn den Städten verspricht Amazon massive Steuereinnahmen – 10 Milliarden Dollar für New York City in den nächsten 20 Jahren, 3,2 Milliarden Dollar für Virginia in der selben Zeit.

Los Angeles ist nicht traurig

Während in zwei US-Bundesstaaten also gejubelt wird und viele Milliarden Dollar zu fließen beginnen, wird anderswo Trübsal geblasen. 236 andere Standorte haben sich ins Zeug gelegt, um Amazon zu sich zu locken. New Jersey und Maryland hätten Berichten zufolge gar 7 Milliarden Dollar springen lassen, um Jeff Bezos zu überzeugen. Doch andere Städte sind sogar froh darüber, doch nicht den Zuschlag bekommen zu haben.

Los Angeles zum Beispiel. „Ich würde nicht sagen, dass wir enttäuscht sind“, sagt Bill Allen gegenüber der Los Angeles Times, dessen Organisation Los Angeles Economic Development Corp. (LAEDC) die Bewerbung für die Stadt bei Amazon geschrieben hat und Amazon-Manager dutzende Male zu möglichen Gebäuden eingeladen hat. Mark Ridley-Thomas, Los Angeles‘ Country Supervisor, ergänzt: „Es gibt genug Jobs in der wachsenden Innovations-Industrie. Los Angeles macht sich sehr gut, vielen Dank.“ Auch ohne ein HQ2.

Andere argumentieren, dass 50.000 neue, hoch bezahlte Amazon-Mitarbeiter schlecht für Los Angeles gewesen wären. Die Metropole an der Westküste hat niedrige Arbeitslosenraten, stark wachsende Wohnkosten, fürchterlichen Verkehr – ein neues Hautquartier des Online-Riesen hätte das alles nur verschlimmert.

Widerstand in New York City

Dass Amazon sich für New York City entschieden hat, bringt derzeit einige Leute auf die Barrikaden. Politiker und Organisationen protestieren dagegen, dass der reichste Mann der Welt (aka Jeff Bezos) Milliarden an Steuerbegünstigungen von der Stadt bekommt. Dieses Geld würde dann für Schulen, Häuser und den öffentlichen Verkehr fehlen, wird argumentiert. So gibt es Befürchtungen, dass die gut bezahlten Amazon-Mitarbeiter die Mietpreise in die Höhe treiben und ärmere Menschen aus den Vierteln vertreiben. Verwiesen wird dabei immer wieder auf San Francisco, wo es solche Probleme durch den Boom bei Tech-Firmen und deren gut verdienenden Mitarbeitern seit Jahren gibt.

„Ein kaputtes Spiel“, das Bezos gewinnt

Kritik an dem Vergabe-Prozedere kommt schließlich Derek Thompson von The Atlantic. Er argumentiert, dass das Anlocken von Unternehmen in US-Bundesstaaten mit Steuervergünstigungen und Förderungen unterm Strich nichts bringe. Jedes Jahr vergeben Städte und Staaten in den USA rund 90 Milliarden Dollar, um Corporates davon zu überzeugen, ihre Firmensitze bei ihnen aufzumachen. Doch Amazon – eine Firma mit großen Abteilungen im Media- und Werbe-Bereich – müsse man gar nicht extra nach New York City locken, immerhin die US-Hauptstadt in diesen Branchen; sie wäre ohnehin von selbst gekommen.

Weiters meint Thompson, dass viele Unternehmen die Versprechungen – zu schaffende Jobs, Steuereinnahmen für den Staat – oft nicht halten könnten. Und unterm Strich brächte es den USA als Ganzes nichts, wenn sich Bundesstaaten und Städte untereinander überbieten, um Corporates anzulocken. „Corporate America erhält alle Hilfe, die es nicht braucht. Sie und ich mögen das vielleicht nicht. Aber Führungskräfte wie Jeff Bezos haben keinen Grund zur Sorge. Sie gewinnen nach den Regeln eines kaputten Spiels“, schreibt Thompson.

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen