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Die Post-WeWork-Ära: Wachstum um jeden Preis – die Zeiten sind vorbei.

© Photo by Uygar Kilic on Unsplash
© Photo by Uygar Kilic on Unsplash

Wenn Startup-Investoren sich derzeit auf Konferenzen treffen, dann gibt es derzeit einen ganz großen Elefanten im Raum. Und der heißt WeWork. Nachdem die Bewertung des Coworking-Space-Anbieters von 47 auf weniger als weniger als zehn Milliarden Dollar rasselte, der viel kritisierte CEO Adam Neumann gehen müsste und jetzt im Raum steht, dass bis zu 6.000 Mitarbeiter entlassen werden müssen, ist im Investment-Geschäft eine neue Ära angebrochen: die Post-WeWork-Ära.

Der Fall WeWork ist eine Zäsur. Großinvestor Softbank aus Japan mit seinem 100 Milliarden schweren Vision Fund hat das Engagement den ersten Quartalsverlust in vierzehn Jahren beschwert, und was für einen: satte 6,5 Milliarden Dollar Minus musste der japanische Konzern von Multimilliardär Masayoshi Son, der das letzte Wort bei Investments hat, zuletzt einstecken.

Ein „holpriges“ Jahr

“So großartig Marktplätze auch sind, dieses Jahr war ziemlich holprig”, sagte Roger Lee, General Partner beim US-Investor Battery Ventures (u.a. Coinbae, N26, Omio) im Rahmen der Marketplace Conference, die diese Woche in Berlin stattfand. Noch vor einem Jahr wurden Marketplace-Startups gefeiert, weil sie die Chance bieten, Quasi-Monopole zu schaffen und am Ende viel Geld abzuwerfen. In den letzten zehn Jahren gingen rund dutzende Online-Marktplätze an die Börse und generierten Billionen Dollar an Wert – ein Fest für die Risikokapitalgeber, mit denen sie aufgepumpt wurden.

Doch heute „holprig“ zur Entwicklung 2019 zu sagen, ist ein wenig untertrieben. Galten digitale Marketplaces (WeWork gilt als einer, weil Immobilien auf der einen Seite an Mieter auf der anderen Seite vermittelt werden) bis zum März diesen Jahres noch als populäres Investment-Ziel, so hat sich das Bild mittlerweile deutlich eingetrübt.

Roger Lee, General Partner beim US-Investor Battery Ventures. © Trending Topics
Roger Lee, General Partner beim US-Investor Battery Ventures. © Trending Topics

„Das Kartenhaus ist eingestürzt“

Dem Battery Marketplace Index” zufolge, der 41 börsennotierte Marktplatz-Unternehmen umfasst (von Uber über Booking.com bis Alibaba), sind seit März 2019 rund 120 Milliarden Dollar an Wert verpufft. Die Aktie des gehypten Fahrtenvermittlers Uber etwa hat seit dem Börsengang im Mai rund 30 Prozent an Wert verloren, die seines Konkurrenten Lyft etwa 40 Prozent. Auch Zillow oder Grubhub geht es nicht besser. Was ist bloß passiert?

Die Antworten sind naheliegend. “Investoren haben immer nur Wachstum gefordert. Wenn Geld verbrannt wurde, hat es niemanden wirklich gekümmert”, sagt Lee. Das WeWork-Debakel, das seinen Anfang mit einem Börsenprospekt voller – gelinde gesagt – durchwachsener Zahlen nahm, ist eine Zäsur in der Investorenbranche. “Das Kartenhaus von WeWork ist in eingestürzt. Ich habe noch nie eine Firma gesehen, die so schnell so viel an Wert verloren hat”, sagt der Silicon-Valley-Veteran – und meint damit die 80 Prozent an Wertverlust, die (zumindest auf dem Papier) passierten.

Werden diese Firmen jemals profitabel?

Die Folge: “In einer Post-WeWork-Ära brauchst du ein Geschäftsmodell, dass wirklich funktioniert”, sagt Lee. Auch wenn es verrückt klingt: Investoren, Softbank allen voran, haben bei ihren Investitionen voll auf „Hyper-Growth“ gesetzt. Fragen wie “Wie effizient ist dein Wachstum?” oder “Werden diese Firmen jemals profitabel?” rücken nun wieder in den Vordergrund, anstatt auf eine große Vision zu setzen, die dann aber Quartal für Quartal für Millionen- oder (wie bei Uber) satte Milliardenverluste. WeWork ist nach Uber oder Lyft nur das jüngste Beispiel, das es dann gar nicht an die Börse schaffte.

Beim Investor Softbank gibt man sich kleinlaut – der Fall WeWork wird nur ungern angesprochen. “Der Public Market hat Privatinvestoren gute Lektionen in Sachen Bewertungen gelehrt”, sagt Carolina Brochado von SoftBank Investment Advisers und erkennt eine simple Tatsache an: “Große Mengen von Kapital braucht eine Grundlage. Das Kerngeschäft muss funktionieren.“

“Sie wurden zu aggressiv“

Das Kerngeschäft von WeWork mag funktionieren, nur tut es das heute in seiner Größenordnung nicht. Die New Yorker Firma baute in wenigen Jahren 650 Standorte über 100 Städten auf und wird synonym für Coworking Spaces verwendet. Trotz rund 500.000 Mietern fuhr die Firma wie berichtet im letzten Quartal ein sattes Minus von 1,25 Milliarden Dollar ein. Stattdessen verrannten sich die Gründer in Investments in illustre Startups und Unternehmungen wie Wave Garden (Technologie für künstliche Wellen in Pools) oder kauften 2017 Meetup.com für 200 Millionen Dollar zu.

Robin Daniels, ehemaliger CMO von WoWork. © Trending Topics
Robin Daniels, ehemaliger CMO von WoWork. © Trending Topics

“Sie wurden zu aggressiv in anderen Bereichen und Seitenprojekten. Aber das sollte man erst tun, wenn das Kernmodell funktioniert”, sagt Robin Daniels, der erst vor wenigen Wochen vom Posten als CMO von WeWork zurückgetreten ist. Die Rückbesinnung auf den Kern – die tolle Community – sei nun wichtiger als je zuvor. “Ich glaube schon, dass WeWork noch das Ruder herumreissen kann, aber es wird ein holpriger Ritt.”

Auch wenn Investoren künftig bei Marktplatz-Startups ziemlich genau auf die Zahlen schauen werden – komplett abgeschrieben werden sie nicht. Ein aussichtsreicher Kandidat für einen erfolgreichen IPO ist Airbnb, derzeit von Investoren mit rund 35 Milliarden Dollar bewertet und anders als Uber ohne großen Konkurrenten. Doch hier lauert die zweite Falle: Regulierung. “Es ist nicht mehr der Wilde Westen”, sagt Lee. Im Falle von Airbnb heißt das: Städte – von Wien bis über Toronto bis Paris – erlassen der Reihe nach neue Regeln für den Online-Vermittler von Unterkünften und dämpfen das vormals nahezu grenzenlose Wachstum.

Wachstum um jeden Preis – die Zeiten sind jedenfalls vorbei.

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