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Reportage

Die Hussy.io-Kontroverse: „Wer Sexarbeiterinnen vermittelt, macht sich der Zuhälterei schuldig“

High Heels - oft Arbeitskleidung von Sexarbeiterinnen. © Thomas Leuthard/Flickr (CC BY 2.0)
High Heels - oft Arbeitskleidung von Sexarbeiterinnen. © Thomas Leuthard/Flickr (CC BY 2.0)

Julia schlägt die Beine übereinander und nimmt sich eine Zigarette aus ihrem Lederetui. Julia ist nicht ihr echter Name, den hat sie sich für das Treffen ausgesucht. „Für uns Escorts ist die Anonymität oft der einzige Schutz“, sagt sie und bläst blauen Rauch in die Luft des Kaffeehauses am Wiener Westbahnhof. Julia nimmt 160 Euro für eine Stunde ihrer Zeit, 1.300 für eine ganze Nacht. Sie wurde nie zur Ausübung gezwungen. Sie arbeitet selbstständig, zahlt Steuern und ihr Profil ist auf mehreren Anbahnungs-Seiten im Internet zu finden.

„Immer, wenn Frauen aus dem Rotlicht sich irgendwo anmelden oder registrieren sollen, stehen Männer dahinter, die an unserer Arbeit mitverdienen wollen“, sagt die 40-jährige Österreicherin. Um ihre zu verbessern, brauche es ganz andere Dinge als die Blockchain oder eine Anbahnungs-Plattform. „Es ist ein weiterer Versuch Abhängigkeit zu schaffen, die immer gefährlich für uns ist.“

Hussy.io: Die Vorgeschichte

Trending Topics hat sich mit Julia und Christian Knappik von sexworker.at, einem Forum für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Österreich, getroffen, um über das Startup Hussy.io zu sprechen. Hussy.io löst vor kurzem eine Welle des Protests aus, nachdem es einen Preis bei einem Pitch gewann. Das Startup des TU-Studenten Peter Tulala ist in Estland angemeldet und entschied am 16. April den Gesamtsieg bei Startup Live für sich. „Disrupting the oldest profession“ lautet der Claim des Projekts. In der Debatte meldeten sich viele zu Wort, doch jene, deren Arbeit angeblich mit dem Blockchain-Dienst verbessert werden solle, fragte niemand: Sexarbeiter.

Knappik und die Sexarbeiterin Julia arbeiten seit vielen Jahren daran, die Lebens- und Arbeitsumstände von Prostituierten in Österreich zu verbessern. Knappik, der als Szene-Kenner wiederholt zum Sprecher des Forums gewählt wurde, ist fast jeden Abend im Wiener Rotlichtmilieu unterwegs, um Mitgliedern von sexworker.at zu helfen. Er kennt ihre Probleme genau.

Hussy.io zeigt Logo des Projekts und halbnackte Frau. © Jakob Steinschaden
Hussy.io zeigt Logo des Projekts und halbnackte Frau. © Jakob Steinschaden

Und Julia und Knappik kennen jetzt auch das Pitchdeck von Hussy.io. Dieses verspricht Folgendes: Durch ein KYC-Verfahren sollen sich Sexarbeiterinnen auf der Plattform mit Personalausweis inklusive Foto und Gesundheitsdaten anmelden, ihre eigenen Dienste bewerben und ihre Announcen mit dem Plattform-eigenen Token bezahlen. Hussy.io will die Daten der Frauen anonym und fälschungssicher auf der Blockchain speichern. Laut Eigenaussagen wollen Tulala und seine Mitarbeiter den Menschenhandel und die Kriminalisierung der Branche bekämpfen. Dem Startup zufolge gebe es keine großen Player im milliardenschweren Markt. Das will er durch die Blockchain ändern.

Die prominent besetzte Jury begründete ihre Entscheidung für Hussy.io damit, dass das Unternehmen das „einzige unter den Teilnehmern sei, das aufgrund seiner Entwicklungphase für ein mögliches Investment in Frage käme.“ Trotz fragwürdiger Titulierung (Hussy kann mit „Flittchen“ übersetzt werden), Blindtext im Whitepaper und kopiergeschützten Bildern im Pitch Deck. Hussy.io heimste ein Investment über 10.000 Euro und eine Wildcard für einen Auftritt beim 4Gamechangers-Festival ein.

Danach überschlugen sich die Ereignisse. Grafikdesignerin Lisa Weindorfer verabschiedete sich unter Beifall der Twitteria aus den Organisationen Startup Live und Female Founders. Bernhard Lehner, Geschäftsführer von startup300, zog das Investment-Angebot zurück. Während es auf Facebook zum Shitstorm kam, wollten sich einzelne Mentoren und Jury-Mitglieder von Startup Live nicht mehr öffentlich zu dem Fall zu Wort melden.

„Immer dieselbe Masche“

„Viele haben eine Meinung über Prostitution, aber niemand hat eine Ahnung.“ Neben Julia sitzt Szene-Schwergewicht Christian Knappik auf dem ausgewaschenen Sofa und poltert los. Für den sozial engagierten Mann ist das Gebaren von Hussy.io eine „einzige Frechheit“. „Es ist immer dieselbe Masche: Jeder Bordell-Betreiber sagt von sich, dass es der einzige ist, der fair spielt und den Frauen helfen möchte. Egal, ob in der analogen oder der digitalen Welt. Letzten Endes wollen alle an der Arbeit der Frauen mitverdienen.“ Keine Frau würde ihre Personendaten an irgendeine Plattform übermitteln, die mit ihrem Job in Verbindung steht. Das Risiko sei zu groß.

Anonymität wichtigster Schutz

„Erfahrene Sexarbeiterinnen schützen ihre Bilder und ihre Identität akribisch. Sie besitzen mehrere Prepaid-Handys und sind nicht auf sozialen Netzwerken“, erzählt Julia. Viele gehen tagsüber einem anderen Beruf nach, haben Familie, Ehemänner, Freundeskreise, die nichts von der Tätigkeit ahnen. Für diese Gruppe ist Anonymität Pflicht: Die Angst vor der Stigmatisierung, die eine Enttarnung mit sich bringen würde, macht die Frauen vorsichtig. „Keine Illegale würde einem Freier ihren Pass zeigen und ihn schon gar nicht auf eine Anbahnungsplattform hochladen. Die Risiken sind viel zu hoch. Egal, ob sich Behörden, Hacker oder Zuhälter Zugriff auf die Daten verschaffen, das Schicksal der Frauen und ihrer Familien stünde auf dem Spiel. Keine würde dieses Risiko freiwillig eingehen“, sagt Julia.

„Ein absurdes Theater“

Sie bestellt sich ein stilles Wasser. Die Luft in dem Hinterzimmer hängt vor Rauch tief über den Tischen. Immer wieder unterbricht Julia Knappik und erzählt aus ihrem Alltag. Die beiden sind seit vielen Jahren ein Team. Auch sie sitzt im Vorstand von Sexworker.at. Der Verein ist ein loses Netzwerk von Unterstützern, die aktiv helfen wollen. Ärztinnen, Apotheker und Anwälte gehören genauso dazu wie aktive Prostituierte, die ihre Erfahrungen Jüngeren weitergeben wollen.

Vor allem die Argumentation, dass die Plattform Menschenhandel bekämpfen wolle und den Frauen Unabhängigkeit verspricht, stößt Knappik sauer auf. „Das ist ein absurdes Theater: Freiern wird die Sicherheit vorgegaukelt, dass die Frauen gesund sind, obwohl die amtlichen Untersuchungen das nicht gewährleisten können. Den Sexarbeiterinnen wird Unabhängigkeit versprochen, obwohl sie es wieder sind, die die Arbeit leisten und ihren Ertrag mit den Betreibern teilen müssen.“

„Keine Polizei“

Seit mehr als zehn Jahren fährt Knappik Nacht für Nacht den Straßenstrich ab. Die Leute von Sexworker.at betreuen ein Notfalltelefon, beraten, leisten Seelsorge, vermitteln Wohnungen und unterstützen beim Ausstiegswunsch. Früher war Knappik Kunde bei den Sexarbeiterinnen, heute ist er ihr Anwalt. Wenn die Politik die Meinung der Straße hören will, fragt sie Knappik. Heute Nacht sind wir auf seiner Tour dabei. Er zeigt uns die Plätze, die die Stadt den Prostituierten in den letzten Jahren zugewiesen hat. Dunkle, verlassene Parkplätze und Straßenabschnitte, weit draussen am Stadtrand. Weit weg von Touristen und Haute Volée.

Hier passierten auch Vergewaltigungen und Gewalt. Die Frauen auf der Straße winken ihm zu, wenn er mit seinem klapprigen Citroën vorbeifährt und nach dem Rechten sieht. Der 120-Kilo-Mann mit dem Kubotan am Schlüsselbund kennt viele der rund 350 Laufhäuser, Bordelle und versteckten Massage-Studios in Wien, und viele der Besitzer beim Vornamen. Er kennt die Sorgen der Frauen und die ungeschriebenen Gesetze.

Beamtenwillkür

Eines der wichtigsten ist: „Keine Polizei“. Selbst nach brutalen Misshandlungen scheuen die Sexarbeiterinnen den Austausch mit den Behörden. Für illegale Prostituierte aus dem Ausland, die auf dem Straßenstrich oder in Wohnungen arbeiten, führt der zweifache Verstoß gegen das Prostitutionsgesetz oft schon zur Abschiebung. Die Enttarnung hat nicht abschätzbare Folgen für die Frauen. Die Entscheidung über einen Verstoß hängt oft von der Willkür der Beamten ab. Autofahrern zuwinken, die zu geringe Entfernung von einem Wohngebiet oder unangebrachtes Verhalten in der Öffentlichkeit reichen für eine Anzeige aus.

Gesundheitschecks bringen keine Sicherheit

Der „Deckel“ unterscheidet Julia maßgeblich von illegalen Prostituierten. Alle sechs Wochen begibt sie sich in die Ordination eines Amtsarztes und lässt sich untersuchen. Österreich und Griechenland sind die beiden einzigen Länder Europas, in denen es noch verpflichtende Untersuchungen gibt. In Deutschland wurde der „Bock“ schon 2001 abgeschafft. Julia erfährt niemals den Befund, noch beginnt nach der Untersuchung eine Therapie. „Es gibt einen Stempel oder eben nicht. Wir wissen nicht einmal, auf was genau wir untersucht werden. HIV, Aids und Tripper werden geprüft, aber wir werden nicht auf die viel weiter verbreiteten Feigwarzen, HPV-Virenstämme oder Hepatitis getestet.“

Dementsprechend wenig Sinn würde eine Plattform machen, die Gesundheitsdaten von Prostitutierten erfassen will. Selbst wenn sie vorliegen, sie wären nicht vollständig oder veraltet. In sechs Wochen kann viel passieren. Und bei weitem nicht jeder würde sich einfach so testen lassen. Illegale Prostituierte würden durch amtliche Untersuchungen sofort den Behörden auffallen und eine Anzeige oder Abschiebung mit der folgenden Stigmatisierung riskieren. Ein weiterer Denkfehler im Hussy.io-System. „Der beste Schutz für die Frauen und ihre Kunden ist ein Kondom“, sagt Julia.

„Macht sich der Zuhälterei schuldig“

Nur legale Prostituierte haben in Österreich also eine gesundheitliche Kontrollkarte. Sie arbeiten unter Pseudonymen in Laufhäusern und Bordellen. Wohnungsbesuche sind in den meisten Bundesländern illegal. „Wer die Dienste legaler Sexarbeiterinnen an Kunden vermittelt, macht sich der Zuhälterei schuldig“, sagt Knappik. Würde sich eine Prostituierte über Hussy.io zu einem Hausbesuch verabreden, wäre das oft gegen das Gesetz. Die Ausübung ihrer Erwerbstätigkeit ist ihnen nur in konzessionierten Bordellen und Laufhäusern gestattet, nur in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland gibt es – anders als in den anderen Bundesländern – unter bestimmten Bedingungen auch die Erlaubnis für Hausbesuche.

Schutz vor Stalkern wäre wichtig

Neben den Behörden sind die verliebten Freier die nächste Gruppe, die regelmäßig Ärger macht. „Wir spenden Trost und Nähe, hören uns ihre Sorgen an und streicheln ihnen über den Kopf. Dann kommen sie wieder. Und wieder. Und irgendwann wollen die Männer uns dann ganz für sich alleine haben“, erzählt Julia. Aus Liebe wird Eifersucht und manchmal Hass. Sie spionieren, recherchieren und stehen plötzlich vor der Wohnungstür. Wie Hussy.io sie dafür schützen wolle, wenn sie ein Stalker bis vor die Haustüre verfolgt, ist nicht klar.

Anbahnung immer häufiger übers Internet

Die Menschenrechtsanwältin Tatiana Wittek von der Wiener Anwaltskanzlei Lansky, Ganzger und Partner hat sich den Tweet von Hussy.io genauer angesehen, auf dem Frauen aktiv umworben werden, um sich auf Hussy.io zu registrieren. „Es ist ein Anwerben zur Prostitution. Ein Inserat reicht allerdings nicht aus, um ein strafrechtliches Handeln nachzuweisen. Dafür müssen die Betreiber intensiv auf das Opfer einwirken“, so Wittek. Die Anwältin sieht in den letzten Jahren, dass sich die Anwerbung von Prostituierten durch das Internet verändert hat. 12 Prozent aller Sexarbeiterinnen werden europaweit mittlerweile über Dating- oder Kontaktplattformen angeworben.

© Screenshot

Technologie löst die Probleme nicht

Bei der Tour zu den letzten erlaubten Strichen in Wiener Randbezirken merken wir, dass die vielen Probleme nicht einfach durch Technologie gelöst werden können. „Sexarbeiterinnen sind Menschen zweiter Klasse und werden von vielen Gruppierungen missbraucht“, sagt Knappik. In Laufhäusern wird den Frauen zwischen 80 und 160 Euro Miete pro Tag für ein Zimmer abgenommen.

Das schafft täglichen Umsatzdruck, der viele in den Burnout treibt. Wohnungsvermittler im Rotlicht-Milieu verlangen einen kräftigen Zuschuss zum tatsächlichen Mietpreis. Fotografen veranschlagen für Fotoserien meist bis zu 500 Euro und verkaufen die Bilder dann weiter. Die Bilder tauchen auf anderen Kontaktseiten wieder auf. Boulevardmedien nehmen laut Knappik einen vielfach höheren Preis für Inserate aus dem Rotlicht, als aus anderen Branchen.

„Mein größter Wunsch für unsere Szene wäre mehr Geld für speziell geschulte Polizei, mehr Streetworker und mehr Öffentlichkeit für die Frauen“, sagt Knappik, als er sein Auto den Gürtel entlang an rotbeleuchteten Schaufenstern vorbei wieder Richtung Zentrum lenkt. „Jedes Gesetz schadet den Frauen mehr, als es ihnen hilft. Und die wichtigsten sind ohnehin abgedeckt. Du sollst nicht schlagen, nicht morden, nicht vergewaltigen.“ 

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