Kommentar

Die Apple Watch ist das unnötigste Stück Technologie, das ich mir jemals gekauft habe

Eher keine Bereicherung: die Apple Watch. © Jakob Steinschaden
Eher keine Bereicherung: die Apple Watch. © Jakob Steinschaden

Vor etwa einer Woche bin ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause gekommen und habe festgestellt, dass meine Apple Watch den ganzen Tag im Schlafzimmer gelegen ist. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass ich sie an dem Tag daheim vergessen hatte, keine einzige Sekunde habe ich sie am Handgelenk vermisst. Da ist mir klar geworden: Die Apple Watch ist wohl das unnötigste Hightech-Ding, für das ich jemals Geld ausgegeben habe.

Das fängt schon bei der Uhrzeit an: In einer Welt, in der man von Zeitanzeigern (Auto, Smartphone, Laptop, Kirchturm, Mikrowelle) umgeben ist, braucht man die Apple Watch natürlich nicht, um sie zu fragen, wie spät es ist. Auch die personalisierten Ziffernblätter werden schnell langweilig, es ist Wochen her, dass ich sie bearbeitet habe.

Einfach unnötig

Auch sonst ist die Apple Watch erstaunlich unnötig. Anstatt dabei zu helfen, ständig zum Smartphone greifen zu müssen, macht sie dich de facto noch abhängiger vom Handy. Denn wenn SMS nicht geschickt werden, die man ihr diktiert hat, wenn sie keinen Empfang hat, weil das iPhone nicht in der Nähe ist, wenn man beim Laufen Musik mit dabei haben will – sie braucht das Smartphone immer ganz dringend. Selbst, wenn man sie mal alleine werken und beim Fußballspielen Gesundheitsdaten sammeln lässt – zur Ansicht der Daten muss man nachher erst wieder zum iPhone greifen.

Die Watch ist auch nicht fit fürs Streaming-Zeitalter: Zwar hat sie etwa sechs Gigabyte Speicher frei, doch man kann maximal zwei Gigabyte davon für Musik verwenden. Die Songs muss man entweder via iTunes importieren oder aus dem kostenpflichtigen Apple Music holen, Fremd-Apps wie Spotify haben keine eigene Apple-Watch-App, mit der man sie theoretisch mit Musik befüllen könnte. Um der Musik dann auch lauschen zu können, muss man sich extra Bluetooth-Kopfhörer (hurra, ein neues Ladekabel im Leben) kaufen, weil die Uhr keinen Stecker für Ohrstöpsel hat.

Ein großes Manko ist auch der App Store, der seit vielen Wochen keine relevante neue Apple-Watch-App hervorgebracht hat. Facebook, Messenger oder WhatsApp etwa gibt es noch immer nicht in einer Watch-Version, und andere Apps wie Runtastic, Twitter oder Instagram sind auf der Uhr einfach nicht sinnvoll zu nutzen. Runtastic darf nicht auf den Pulsmesser der Uhr zugreifen, bei Twitter kann man die geteilten Links nicht öffnen (die Watch hat ja keinen Browser), und die Ladezeiten bei Instagram verleiden einem den Spaß, sich Fotos der Freunde anzusehen. Wieder und immer wieder kehrt man zum Smartphone zurück.

Besonders mühsam ist auch, sich die Benachrichtigungen einzustellen, die auf der Watch angezeigt werden dürfen. Dazu muss man (eh klar, am iPhone) nicht nur in der entsprechenden Watch-App definieren, welche Notifications durch dürfen, sondern auch in den Benachrichtigungen-Einstellungen des iPhone selbst. Das ist jedes Mal dann mühsam, wenn man sich eine neue App installiert, und man wieder nachjustieren muss.

Man kann sie einfach nicht empfehlen

Laut Marktforscher IDC hat Apple im 2. Quartal 2015 rund 3,6 Millionen Apple Watches verkauft und rangiert bei Wearables nun hinter Fitbit, das im selben Zeitraum 4,4 Millionen seiner Aktivitäts-Tracker abgesetzt hat. Doch von den 15 bis 20 Millionen verkauften Stück, die Analysten für das erste Jahr vorhersagten, ist Apple weit entfernt (auch wenn man noch das Weihnachtsgeschäft abwarten muss).

Es mag sein, dass alles besser wird, wenn Apple watchOS 2 auf den Markt bringt und damit mehr Funktionen auf der Watch erlaubt. Doch gleichzeitig hat man als Besitzer schon Angst, dass Apple bald auch einmal eine neue Version der Uhr auf den Markt bringt und die alte alt aussehen lässt. Auch deswegen kann man heute niemandem guten Gewissens empfehlen, sich die Watch zu kaufen. Es gibt heutzutage 1000 wichtigere Dinge, für die man 400 oder mehr Euro ausgeben kann.

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