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Coronavirus: Was Island, Südkorea, Taiwan und Singapur besser gemacht haben

Isolation: Island schlägt sich hervorragend gegen den Coronavirus. © Luke Stackpoole / Unsplash
Isolation: Island schlägt sich hervorragend gegen den Coronavirus. © Luke Stackpoole / Unsplash

Während sich die Lage in China langsam wieder etwas entspannt, ist Europa mittlerweile das Epizentrum der Covid-19-Pandemie. Die Zahl der Infizierten steigt nach wie vor – und leider auch die der Todesopfer. Fehler wurden allerorts gemacht, in manchen Ländern ist die Strategie gegen die Ausbreitung des Coronavirus noch nicht einmal klar. Diametral dazu entwickeln sich mit Südkorea und Island, Singapur und Taiwan Staaten zu Vorzeigemodellen. Doch was läuft dort so viel besser?

Kaum ein Land dieser Erde, das nicht vom Coronavirus betroffen ist: Wappnen sich Afrika und Teile Südamerikas erst gegen den Kampf gegen Covid-19, spielen sich in anderen Teilen dieser Welt dramatische Szenen ab. Inmitten dieses Chaos, weltweiter Verunsicherung und medialem Dauerfeuer haben sich aber eine wenige Staaten hervorgetan, deren Entwicklung hoffen lässt.

Coronavirus: Vorzeigeschüler Südkorea

Sehr spannend ist die Technologie-Hochburg Südkorea. Mit über 50 Millionen Einwohnern, immensen Ballungsräumen und geografisch in unmittelbarer Nähe zu China gelegen, galt Südkorea von Beginn an als potenziell hochgradig gefährdet. Und tatsächlich: Zu Beginn der Pandemie stiegen die Zahlen in Südkorea enorm. Allerdings: Der Höhepunkt war bereits Ende Februar mit über 900 Neuinfektionen innerhalb von 24 Stunden erreicht. Danach gingen die Neuinfektionen sukzessive zurück. Am gestrigen Sonntag meldete Südkorea lediglich 64 Neuinfektionen. Einzig infizierte Einreisende sorgen derzeit für ein wenig Sorge und statistische Unklarheit. Alles in allem gilt Südkorea aber als Vorzeigeland im Umgang mit dem Coronavirus.

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Das so erfolgreiche System steht auf mehreren Säulen. Zuvorderst: Schnelles Handeln. Innerhalb von lediglich 17 Tagen hat Südkorea einen eigenen Virustest eingeführt und ein Netzwerk aus fast 100 Laboren geschaffen. Auch in einer Art „Drive-In“ kann man sich testen lassen – sogar, ohne dabei das Auto verlassen zu müssen. Das ganze System arbeitet fast rund um die Uhr. 8.961 infizierte Personen gab es mit gestern in Südkorea, bei 111 Toten. Das ist nicht wenig, die Richtung, in die sich die Epidemie entwickelt, ist aber die richtige. Wer in Südkorea erkrankt, bekommt einen Test, der innerhalb von 24 Stunden in einem der Labore ausgewertet wird. Innerhalb von zwei Tagen weiß die Person, ob sie infiziert ist oder nicht. Wer krank ist, muss zwei Wochen in Quarantäne bleiben. 20.ooo dieser Tests schafft Südkorea am Tag. Zum Vergleich: Österreich testete bislang insgesamt rund 23.500 Menschen.

Desinfektionsmittel für alle

Darüber hinaus wird in Südkorea grundsätzlich jeder auf das Virus überprüft, der engen Kontakt zu Infizierten hatte. Damit erreicht man die beeindruckende Zahl von über 270.000 getesteten Personen, schreibt die NZZ. Außerdem habe Südkorea sofort flächendeckend Desinfektionsmittel verteilt, Hotlines und Hilfezentren eingerichtet und in Unternehmen und Behörden laufend Fieber gemessen.

Statistik: Entwicklung der täglichen Fallzahl des Coronavirus (COVID-19) in ausgewählten Ländern bis zum 22. März 2020 | Statista
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Mittlerweile gilt der Weg von Südkorea als beispiellos, kein anderes Land der Welt hatte so schnell ein derart gutes Früherkennungssystem implementiert. Auch frühere Erfahrungen beispielsweise mit SARS helfen nun. Dazu kommt, dass in Asien die Bevölkerung einen anderen Zugang zur Regierung hat. Heißt es „Stay Home“, wird das auch umgesetzt. Wurden Cluster entdeckt, folgte die sofortige Isolierung – ohne lange Diskussionen.

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Sämtliche Gesundheitstests sind für die Bevölkerung übrigens kostenlos. Dafür sammelt die Regierung Daten über Mobiltelefone, Kreditkarten und andere Daten von positiv Getesten, um ihre jüngsten Aufenthaltsorte zu rekonstruieren. Diese Informationen, die keine persönlichen Identifikationsmerkmale enthalten sollen, werden in Social Media-Apps weitergegeben, die es anderen Menschen ermöglichen, festzustellen, ob sich ihre Wege möglicherweise mit einer infizierten Person gekreuzt haben.

Coronavirus: Importierte Fälle steigen

Der Erfolg hat sich schon in alle Teile der Welt herumgesprochen. Die Erfahrung Südkoreas zeige, dass „diagnostische Kapazitäten in großem Maßstab der Schlüssel zur Epidemiebekämpfung sind“, erklärte kürzlich Raina MacIntyre, eine Wissenschaftlerin für Infektionskrankheiten an der Universität von New South Wales, Sydney. „Die Ermittlung von Kontaktpersonen ist auch sehr einflussreich bei der Epidemiekontrolle, ebenso wie die Isolierung von Fällen“, sagt sie.

Ganz sicher ist Südkorea allerdings noch nicht: Zuletzt wurden wieder vermehrt Infizierte entdeckt, die allerdings erst jetzt wieder in das Land eingereist sind. Wer ankommt, muss deswegen unverzüglich in Quarantäne.

Vietnam: Songs und Aufklärung

Vietnam und Taiwan wählten ähnliche Wege. Ersteres Land sperrte sofort Städte, als die ersten Fälle bekannt wurden. Grenzen wurden geschlossen, Flugverbindungen gestrichen und ein Musikvideo produziert. Der „Händewasch-Song“ ging einmal um die Welt, gemacht wurde er von der vietnamesischen Gesundheitsbehörde.

Die Aufklärungskampagne trug schnell Früchte: Über 40.000 Menschen sollen in Vietnam zwar unter Quarantäne sein, die Lage scheint aber unter Kontrolle. Auch Vietnam setzt auf eine App zur Informationsverteilung und ein Online-System zum Melden des Gesundheitszustandes. Wer nicht kooperiert, wird gestraft.

Singapur & Taiwan

Taiwan hat ebenfalls Erfahrungen aus der SARS-Epidemie und ging bereits im Jänner auf Nummer sicher. Nach SARS wappnete sich der Staat gegen neue Infektionskrankheiten und schuf ein funktionierendes medizinisches System. Wer aus China einreiste, wurde schon ab Jänner kontrolliert. Später, mit Anfang Februar, wurde das Einreisen aus China gänzlich verboten. Mit Handydaten wurde kontrolliert, dass kranke Personen das Haus nicht verlassen. Auch als Informationstool in der Krise haben sich Apps weltweit etabliert. Heute gelten diese schnellen, harten Schritte als rettend, wurde damit der Virus doch quasi ausgesperrt. Stand heute hat Taiwan nur 195 bestätigte Fälle und zwei Tote.

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Singapur war noch früher dran. Auch dieser Staat hatte ausreichend Vorerfahrungen, ebenfalls durch SARS im Jahr 2003. Singapur hat tatsächlich staatliche Quarantänegebäude und ein „nationales Zentrum für infektiöse Krankheiten“, berichtet die NZZ. Schon Anfang Jänner wurde entsprechende Vorbereitungen gestartet und Ärzte informiert. Temperatur wurde ebenfalls schon gemessen und kurz darauf durfte niemand aus China mehr ins Land. Personen aus Hubei mussten in Singapur in Selbstquarantäne. Behandlungen sind auch dort kostenlos, dafür gibt es saftige Geldstrafen für alle, die die Qurantäne-Regeln brechen. Masken gibt es für jeden Haushalt, Überwachung auch: Singapur fast auf einem Online-Dashboard zusammen, wer krank ist – inklusive Angaben zum Wohnort. Infiziert sind in Singapur 455 Menschen, zwei Personen sind an Covid-19 gestorben. Zuletzt stieg in Singapur und Taiwan aber die Anzahl der „importieren Infizierten“.

Statistik: Anzahl durchgeführter Tests für das Coronavirus (COVID-19) in ausgewählten Ländern bis zum 17. März 2020 | Statista
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Island: 568 bestätigte Fälle

Zuletzt: Island. Alleine aufgrund der geographischen Lage darf sich Island über einige Vorteile im Kampf gegen den Coronavirus freuen, aber auch die geringe Bevölkerungsanzahl spielt der Regierung in die Karten. Island will alle Einwohner auf den neuen Coronavirus testen. Bislang gibt es 568 bestätigte Fälle, von denen sich 532 in Isolation befinden. Island führt eine eigene Covid-19-Übersichtsseite.

Island erkannte Ischgl schon früher

Rund 10.000 Menschen wurden bis heute getestet, rund drei Prozent der Bevölkerung. Das hochgerechnet deutlich mehr als in den meisten anderen Ländern. Island ist streng: Sofort nach den ersten Fällen wurde ein hartes Maßnahmenpaket veröffentlicht und auch der Notstand ausgerufen. Das System scheint zu funktionieren: Als in Ischgl noch fröhlich gewedelt und gefeiert wurde, erklärte Island das Skigebiet bereits zum Hochrisikogebiet. Das war Anfang März. Die vielen erhobenen Daten sollen der Weltgemeinschaft auf jeden Fall helfen, neue Ansätze zur Eindämmung der Pandemie zu gewinnen.

Keine flächendeckenden Tests in Österreich

Und hierzulande? Gesundheitsminister Rudolf Anschober gab heute Vormittag bekannt, dass es keine flächendeckende Testung in Österreich geben wird. Das hatte SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner zuvor gefordert. Anschober: „Eine flächendeckende Testung wird von unserem Fachbeirat als nicht sinnvoll bewertet und ist auch aufgrund der Ressourcen nicht umsetzbar“. Die Anzahl der Tests soll aber weiter erhöht werden: „Wir erhöhen schrittweise massiv die Zahl der Tests in Österreich. Es bleibt bei klaren Schwerpunkten: Verdachtsfälle laut Falldefinition, oder Entscheidung des niedergelassenen Arztes, aber vor allem alle Gesundheitsberufe als Zielgruppe“. Nächste Woche wolle man 2.000 bis 4.000 Tests pro Tag schaffen.

Das Problem von Italien

Naheliegend ist zum Abschluss noch ein Blick nach Italien. Das Land hat bekanntlich die höchste Sterberate weltweit, Stand heute sprechen wir von über 7.000 Toten. Doch woran liegt das? Mehrere Punkte dürften zusammengespielt haben. Erstens hat Italien, im Gegensatz zu den oben genannten Ländern hat Italien eine Art „Vorsprung“, ist also in der Verteilung des Virus bereits weiter. Schon im Jänner dürfte sich das Virus ausgebreitet haben, vor allem in der Lombardei.

Dazu kommt, dass die italienischen Infizierten allesamt eine Vorerkrankung hatten. Nur bei drei Personen sind laut FAZ keine Vorerkrankungen festgestellt worden. Und: Letztlich wurden auch die Quarantänen zu spät verhängt. Also die ersten Gebiete unter eine totale Quarantäne setzten, hätten wohl auch weitere Städte – vor allem Bergamo und Umgebung – abgeriegelt werden müssen. Stattdessen kam eine Ausgangssperre, die nur spärlich funktionierte – mit bekannten Folgen.

Statistik: Entwicklung der weltweiten Fallzahl des Coronavirus (COVID-19) seit Januar 2020 (Stand: 23. März 2020) | Statista
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