Channel

Apps

Analyse

Corona-Apps werden wie Masken Teil der neuen Normalität

Die NOVID20-App für Georgien. © NOVID20
Die NOVID20-App für Georgien. © NOVID20

Die neue Normalität, wie man mittlerweile so schön sagt, hat noch gar nicht begonnen, da ist schon ziemlich klar: Das Coronavirus wird auch nach seiner Bändigung unseren Alltag so stark prägen wie kaum etwas anderes. Die Angst, dass das Virus wieder ausbrechen wird, ist schon jetzt groß, und die Politik wird mit Containment-Strategien alles dafür tun, um Risiken einzudämmen.

Ob freiwillig oder nicht: Corona-Apps werden in dieser neuen Realität eine tragende Rolle spielen. Noch dreht sich die Diskussion stark darum, ob sie nun verpflichtend sein sollten oder nicht, welche Technologie nun die beste ist und wie man das digitale „Contact Tracing“ auch jenen ermöglicht, die gar kein Smartphone haben. Immer schneller kristallisiert sich nun heraus, wie Corona-Apps in Zukunft funktionieren werden.

„Stopp Corona“-App bekommt volle Unterstützung

In Österreich ist mittlerweile klar: die „Stopp Corona“-App des Roten Kreuzes, mit zwei Millionen Euro durch die Uniqa Privatstiftung finanziert und umgesetzt von Accenture Österreich, wird in Österreich die App sein, mit der „Contact Tracing“ – also das Erfassen von Kontakten, um vor möglichen Infizierungen zu warnen – zu machen ist. Eine eigene App, an der ein der Startup-Szene entsprungener Verein namens NOVID20 arbeitet, wird es für Österreich nicht geben.

“Wir haben uns dagegen entschieden, ein Konkurrenzprodukt auf den Markt zu bringen”, sagt Sabine Walch, eine von rund 80 Freiwilligen aus dem NOVID20-Team. Stattdessen wolle man mit dem Roten Kreuz kooperieren und außerdem den eigenen Code anderen Ländern via Open Source zur Verfügung stellen. Georgien ist das erste Land, dass die österreichische Technologie verwendet. “Wir wollen nicht warten, bis wir an die Grenzen unseres Gesundheitssystems stoßen”, sagt die georgische Gesundheitsministerin Ekaterine Tikaradze. “Die österreichische App ist einfach und effizient. Sie unterstützt uns dabei, schnell auf Infektionen reagieren zu können.”

NOVID20-Team beim Gruppen-Call. © NOVID20
NOVID20-Team beim Gruppen-Call. © NOVID20

Die „Stopp Corona“-App des Roten Kreuzes zählt derzeit etwa 200.000 Downloads und soll ab Donnerstag erst so richtig nützlich werden. Denn bisher mussten Nutzer die „digitalen Handshakes“ via Bluetooth selbst händisch initiieren, um festzuhalten, wer wen getroffen hat. Künftig soll das nach einem Update auch automatisch funktionieren. „Ab Donnerstag wird es eine Aktualisierung geben“, sagt Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Roten Kreuzes. „Dann können die Kontakte auf Wunsch auch automatisiert gespeichert werden.“ Auch Verdachtsmeldungen können in der aktualisierten Version dann abgegeben werden.

Ein europäischer Standard etabliert sich

Apps wie jene des Roten Kreuzes gibt es weltweit mittlerweile viele – in mehreren Ländern wird derzeit an ähnlichen Apps gearbeitet, immer mehr Insellösungen entstehen. Doch wie soll in der neuen Normalität das Reisen in andere Länder funktionieren? Sollten die vielen Apps da nicht miteinander kommunizieren können? Werden andere Länder eine App für Einreisende verlangen? Und wird Österreich „Contact Tracing“ von Besuchern verlangen, um mögliche Einschleppungen des Virus erkennen zu können?

Wie auch immer es kommen wird – unter dem sperrigen Projektnamen PEPP-PT (Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing) wird heute im Laufe des Tages eine neue Software veröffentlicht, die wie berichtet als einheitliche, sichere Grundlage für Corona-Apps dienen soll. Via Bluetooth und Algorithmen, die berechnen, wie nah sich Smartphones (und damit ihre Besitzer) gekommen sind, sollen Infektionsketten nachvollzogen werden können – und das alles bei Einhaltung höchster Datenschutzstandards. Aus Österreich wiederum hat sich das  AI Lab des Linz Institute of Technology (LIT) der Johannes Kepler Universität Linz an PEPP-PT beteiligt.

Ziel ist, das möglichst viele Apps auf den europäischen Standard setzen. Bei der „Stopp Corona“-App ist noch nicht klar, ob sie die PEPP-PT-Technologie einbauen wird. Derzeit setzt sie auf Schnittstellen wie Google Nearby oder p2pkit, um die drahtlose Kommunikation zwischen zwei Smartphones zu ermöglichen. Virologen wie der mittlerweile berühmte Christian Drosten aus Deutschland jedenfalls meinen, dass mehr als 60 Prozent der Bevölkerung bei einem System mitmachen muss, um wirklich effizientes Tracing zu ermöglichen.

Die Sache mit den Schlüsselanhängern

Wie sollen nun Menschen am „Contact Tracing“ teilnehmen können, die kein Smartphone haben? Gerade die Risikogruppe der Älteren hat oft kein oder kein taugliches Mobiltelefon für Corona-Apps. Darauf gibt es auch schon eine Antwort, die auch bei der Politik Anklang findet: Schlüsselanhänger. Harald Trautsch, der mit seiner Firma Dolphin Technologies stark beim oben erwähnten NOVID20-Verein involviert ist, hat dazu bereits ein Konzept vorgelegt. Er schlägt vor, dass Bluetooth-Beacons in Form eines Schlüsselanhängers  von Personen mitgeführt werden und dabei anonym seine verschlüsselte User-ID aussenden. Smartphones mit einer Corona-App können diese Signale aus nächster Nähe interpretieren und speichern.

Solche Beacon-Anhänger für den Schlüsselbund bringen da nun natürlich logistische Probleme mit sich. Wie bekommt man sie, und wie wird man gegebenenfalls über eine mögliche Infizierung informiert? Trautsch schlägt vor, die Beacons beim Postamt auszugeben, wo die Nutzer dann ihre Telefonnummer hinterlegen können. Sollten sie mit ihrem Beacon Kontakt zu einem Corona-Erkrankten haben, könnten sie so immerhin telefonisch informiert werden. Auch soll es möglich sein, die Kontakte infizierter Beacon-Nutzer zu warnen. Dazu müsste der Arzt, der die Infizierung feststellt, den Beacon scannen und die betroffene ID ins System einspeisen.

© Harald Trautsch, Dolphin Technologies

© Harald Trautsch, Dolphin Technologies
© Harald Trautsch, Dolphin Technologies

Eine Frage der Freiwilligkeit

Technologisch scheint also viel machbar. Bleibt die Frage offen, ob sich die Apps und Schlüsselanhänger in der Bevölkerung durchsetzen. Der erste Belastungstest der öffentlichen Meinung ist nach der (mittlerweile zurückgezogenen) Forderung einer verpflichtenden Corona-App durch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka (ÖVP) ist negativ ausgefallen – der Aufschrei in den (sozialen) Medien am Wochenende war groß.

„Freiwilligkeit ist ein Grundpfeiler der Rotkreuz-Bewegung. Sie ist uns aus demokratiepolitischen Gründen wichtig, aber auch, weil wir überzeugt sind, dass eine auf Freiwilligkeit basierende App, am besten geeignet ist, Corona zu stoppen“, sagt dazu Michael Opriesnig, Generalsekretär des Österreichischen Roten Kreuzes. “Diese Diskussion war ein Schuss ins Knie“, sagt auch Sabine Walch vom NOVID20-Team. Dadurch sei viel Vertrauensarbeit verloren gegangen, denn niemand würde ein „staatliches Zwangsprodukt” unterstützen wollen.

Bis nun 60 oder mehr Prozent der Bevölkerung mit Corona-Apps und Beacons ausgestattet sind, wird es also noch dauern. Virologe Christian Drosten aus Deutschland hat schon diskutiert, wie solche Systeme durch Gesundheitsbehörden dann genutzt werden könnten. So könnte man gezielt Orte oder Zeitperioden unter Quarantäne stellen, wenn dort plötzlich wieder Fälle von Infizierten auftauchen, und man könnte vor allem sehr schnell reagieren. „Dann sind natürlich alle Kontakte der letzten paar Tage dieser Person sofort als echte Kontakte definiert. Da muss nicht zuerst mal der Labortest positiv sein“, so Drosten. Dann würden die betreffenden Personen vom System als positiv gesehen und in Heimquarantäne geschickt werden. „Das würde fast das gleiche bringen wie so ein richtiger Lockdown.“ Eine Kombination aus Masken und App sei eine „echte Perspektive in dieser mit einiger Verzweiflung geführten Diskussion, wie kommen wir da raus aus diesen Maßnahmen.“

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen
Corona-Krise