Channel

People

Christoph Räthke

Business Angel: „Eitelkeit wird als Ursache fürs Startup-Gründen sehr unterschätzt“

Christoph Räthke. © C. Räthke
Christoph Räthke. © C. Räthke

Wenn er nicht gerade in die Saiten seiner E-Gitarre haut, dann widmet sich der Berliner Christoph Räthke Startups. Der heutige Business Angel war bereits 1999 in seine erste Gründung involviert, hat für Großunternehmen im Startup-Bereich gearbeitet, das Buch „Das Richtige gründen“ (2016) veröffentlicht und zählt in seinem Portfolio rund 15 Jungfirmen. Außerdem betreibt er seit mehreren Jahren die Berlin Startup Academy und begleitet derzeit den Chemie-Inkubator des großen deutschen Traditionskonzerns BASF.

Räthke ist dabei einer, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Er forscht danach, welche Gründe Founder wirklich antreiben, kritisiert den medialen Hype um Startups genauso wie Rocket Internet oder wacklige Geschäftsmodelle wie Groupon und will angehende Gründer dazu bringen, sich intensiv mit Unternehmertum auseinanderzusetzen. Trending Topics hat Räthke am European Forum Alpbach zum Interview getroffen.

Trending Topics: Wie gründet man richtig, und wie gründet man falsch?

Christoph Räthke: Ich bin den Mustern nachgegangen, die ich im Laufe meiner Tätigkeit entdeckt habe. Sehr wichtig ist, dass man ehrlich gegenüber sich selbst bezüglich der eigenen Motivation ist. Warum macht man das überhaupt? Will man Geld verdienen? Sieht man das Gründen als Alternative zur klassischen Karriere? Will man etwas zum Positiven verändern? Ist es Egozentrik oder persönliches Charisma? Will man als Führungspersönlichkeit eine Organisation leiten? Das ist alles völlig in Ordnung und legitim, wenn man sich das eingesteht. Aus jeder Motivation ergibt sich, wie man das Geschäftsmodell wählt, welche Metriken man setzt und wie man kommuniziert. Beim persönlichen, materiellen Erfolg ist schlicht und ergreifend das Monatsgehalt eine wichtige Metrik.

Die meisten Startup-Gründer behaupten, einen Ist-Zustand mit Hilfe neuer Technologie verbessern zu wollen.

Das stimmt sehr sehr häufig. Aber man kann sich auch fragen, ob ein eCommerce-Shop wie Zalando oder Kochboxen das Leben der Menschen verbessern. Um etwas zu verbessern, kann man auch Sachbearbeiter werden oder Lehrer. Einfach nur zu sagen, das Leben der Menschen verbessern zu wollen, reicht nicht als Begründung, um Unternehmer zu werden. Die Wahl dieses Weges kann aus Gründen des Ehrgeizes, der Eitelkeit und so weiter fallen. Man muss sich nur ehrlich sein.

Welche Motivation ist die beste?

In jedem Segment eine andere. Eitelkeit wird als Ursache fürs Startup-Gründen sehr unterschätzt. Sich rühmen zu können, etwas erreicht zu haben. Das ist in einem großen Unternehmen ganz anders, dort erntet der Chef oder die Firma das Lob. Als Gründer bekommt man das Lob selber. Wenn man etwas Soziales gründet, kann man sich auf die Schulter klopfen und ist offiziell ein Gutmensch, wenn man kommerziell erfolgreich ist, wird man in Wirtschaftsmedien gefeiert.

Was sind Beispiele für Eitelkeits-Gründungen? Elon Musk? Travis Kalanick?

Nein, denke ich nicht. Musk ist so ein Nerd und steckt so tief in der Materie. Wenn er nur aus Eitelkeit gegründet hätte, hätte er schon vor Jahren aufhören können. Travis Kalanick ist eher ein Getriebener, der macht das einer inneren Unruhe wegen, der ist unglaublich ehrgeizig. Jemand mit großem Ehrgeiz ackert auch hinter den Kulissen, seine Belohnung ist Geld und Macht, die man aber nicht unbedingt sieht.

Einer, der viel aus Eitelkeit gemacht hat, ist Kim “Dotcom” Schmitz. Der sieht auf den ersten Blick nicht aus wie der erfolgreiche Geschäftsmann, aber er wollte es mit dem, das er erreicht hat, immer allen zeigen. Der hat es viel schwerer gehabt als viele andere, und hat es sich verdient. Eine Eitelkeitsgründung ist finde ich etwa Einhorn-Kondome in Berlin. Die besteht aus meiner Wahrnehmung heraus nur aus bunten Filmchen, in denen sich die Gründer selber feiern. Da gibt es kein Kundenproblem, das gelöst werden müsste, und nur sehr wenig realen Impact.

Du hast auch im Vorgespräch gesagt, das oft der eigene Lebensentwurf nicht zum Gründen passt. Scheitern Startups auch daran, dass Unternehmertum nicht zum eigenen Lifestyle passt?

Grundsätzlich stellt sich jeder Unternehmertum falsch vor, bevor er es nicht selbst gemacht hat. Jeder. Einer meiner erfolgreichsten Gründer hatte zwei Kinder, ein Haus und war Mitte 30, als er gründete. Da waren viele Weichen schon gestellt und er hatte einfach monatliche Kosten, die nur sehr schwer zu senken waren. er hat sich dann eine persönliche Runway mit seinem Ersparten gegeben und gesagt: Ich habe jetzt 4 Monate Zeit, um eine Finanzierung reinzuholen. Wenn ich die nicht bekomme, muss ich wieder normal anfangen zu arbeiten, sonst ziehe ich meine Familie in den Abgrund. Er hat es tatsächlich hinbekommen und ist jetzt ein komplett neuer Mensch.

Man darf den Leuten nicht etwas aufzwingen, das viel zu hart für sie ist. Gründer müssen sich in diesen anderen Lebensentwurf hineinarbeiten wollen. Es ist auch immer ein Weg der kleinen Schritte. Es ist ja nicht so, dass man morgen vor dem Nichts steht. Es liegen viele Schritte des Auslotens dazwischen. Es geht nicht von 0 auf 1, sondern 0 auf 0,1, 0,2, 0,3, und irgendwann bei 0,9 hat man immer noch nicht gegründet. Und dann ist der letzte Schritt von 0,9 auf 1, bei dem man gründet und sich selbstständig macht, viel kleiner als viele denken.

Gründen ist hip und cool geworden. Eine Illusion für viele?

Diese Geschichte von wegen hip ist eine Erfindung der Medien. Ja, von dir und deinesgleichen (lacht)! Dieses Phänomen ist nämlich nach wie vor winzig, das ist so eine kleine Gruppe, dass man nicht von einem gesellschaftlichen Trend sprechen kann. Innerhalb dieser kleinen Gruppe ist es interessanter geworden, aber nach wie vor ein Nischenphänomen. Außerdem: Das Wissen, Fehler zu vermeiden, ist so groß geworden, dass jeder es anzapfen und sich professionalisieren kann. Das machen auch alle. Diese Lifestyle-Gründer sind wirklich eine Erfindung der Medien.

Wieso sollten wir, die Medien, das erfinden?

Ich vermute dahinter Neid. Es gibt ganz viele Leute, die übers Gründen schreiben, sich aber selber nicht trauen. Und die suchen so bisschen nach der Schattenseite, dass die Gründer das nicht ernst meinen und nur Latte Macchiato trinken. E sind viele unzufrieden mit sich, weil sie selber nicht den Schritt gemacht haben.

Diesen Vorwurf muss ich für Trending Topics zurückweisen, wir haben selbst gegründet. Für andere Medien kann ich nicht sprechen. Aber kommen wir zu einem anderen Thema. Wenn dein Business-Angel-Club in Startups investiert, schaut ihr da auch vorrangig aufs Team und weniger auf die Idee, so wie etwa Österreichs Vorzeige-Business-Angel Hansi Hansmann?

Ich weiß, dass ich da in der Minderheit bin, sehe das aber ein wenig anders. Ich kenne euren Hansi Hansmann nicht persönlich, aber ich denke, viele seiner Investments sind philanthropischer Natur. Der hat mit seinen vielen Investments den Markt erstmal gemacht. Er hat den Humus kreiert, aus dem überhaupt die österreichische Startup-Szene rauswachsen kann, und das ist großartig.

Wir investieren nur in B2B-Unternehmen, und das bringt mit sich, dass die Idee sehr wichtig ist. Klar brauchst du das Team, die das bestreiten, aber wenn man eine blöde Idee hat, dann ist es so viel schwieriger, die Unterstützung zu gewinnen, die du brauchst. Die Ausstrahlung einer guten Idee ist sehr wichtig, nach innen wie nach außen. Im B2B-Bereich geht es eigentlich immer los mit einem Problem, das groß genug ist, um gelöst zu werden.

Auf welche Trends setzt ihr als Investoren in der deutschen Startup-Szene?

Der große Trend ist wie gesagt B2B. Darauf weisen alle Umfragen hin, in manchen Regionen Deutschlands gründen drei Viertel aller Startups in dem Bereich, in der Berlin sind es 66 Prozent. Das Bild von Berlin, dass da nur Schuh-Shops gegründet werden, das stimmt schon lange nicht mehr. Das ganze Endkundengeschäft ist nur deswegen so in der Presse, weil die Samwers da so viel Geld reinstecken und weil B2C für die Leser einfacher zu verstehen ist. In Deutschland gibt es aber diese breite Industriebasis, die enormes Digitalisierungspotenzial hat.

Du hast gerade die Samwers und Rocket Internet angesprochen. Aus der Entfernung wirkt es, als würden die Berlin dominieren.

Auch das ist eine Erfindung der Presse. Die Wahrheit, die auch von den Rocket-Internet-Leuten nicht bestritten wird, ist, dass Rocket nicht zur Startup-Szene gehört. Die werden betrieben wie digitale Konzerne. Die haben keine Unternehmer, sondern Angestellte. Die nehmen nicht an der Startup-Szene teil, machen keine Meetups, sind nur selten als Speaker oder Mentoren unterwegs. Es gibt diesen Pakt unter Startup-Unternehmern, dass man sich gegenseitig hilft und sein Wissen weitergibt, aber das machen die Rocket-Internet-Leute alles nicht. Das ist kein Bug, sondern ein Features. Die Einzigen, die so tun, als wäre Rocket Internet Teil der Startup-Szene, ist die Presse.

Was sind dann die besten Startups Deutschlands? Wir Österreicher sind stolz und traurig zugleich, dass die beiden Österreicher Valentin Stalf und Maximilian Thayental N26 in Berlin hochgezogen haben.

Nationalitäten sind de facto völlig irrelevant, ich wusste gar nicht, dass N26 von zwei Österreichern gegründet wurde. In Berlin gibt es mit Signavio ein Startup, das extrem schnell wächst, die machen Prozess-Managment-Software. Das kann wirklich das neue SAP werden. Sowas sieht man halt nicht in der Bild-Zeitung. Aus der B2B-Ecke kommen noch einige andere, etwa SumUp. Die haben mittlerweile mehr als 1.000 Leute am Alexanderplatz.

Sitzen Investoren Hypes wie rund um Krypto oder AI auf und versenken dann viel Geld?

Ja. Ich finde das oft bescheuert, aber ich denke nicht, dass das gefährlich ist. Es ist meistens privates Geld, das kann verschwendet werden. Nervig wird es, wenn Steuergeld an blödsinnigen Sachen verschwendet wird. Das betrifft weniger Blockchain als vielmehr eCommerce, wo es Hypes wie Groupon gab. Groupon kam hoch und zwei Wochen später gab es zehn Groupon-Klone, die keinen Wert geschaffen haben. Da hat nicht einmal jemand behauptet, dass da ein Problem gelöst wird, das war ein reines Geldspiel. Da haben viele viel Geld verloren, und dem trauere ich überhaupt nicht nach. Im B2B-Segment gibt es sowas viel weniger. Keine Klon-Company dieser Welt würde sich auf eine spezifische Industrielösung stürzen.

Und die omnipräsente Blockchain?

Blockchain hat viel Veränderungspotenzial als Enabler, das muss man immer extra betonen. Blockchain ist ein Mittel, kein Ziel. Es geht darum, dass Leute mit der Blockchain ein sinnvolles Business aufbauen, dass Wert schafft und mit dem zurecht Geld verdienen kann. Wenn das nicht gelingt, dann war es ein Hype. Beacons waren so ein Ding. Vor ein paar Jahren haben alle davon gesprochen, dass diese Near Field Communication (NFC) voll der Hammer ist, aber das hat sich nicht eingestellt. Man musste es halt herausfinden, aber der Markt hat gesagt, da wird nichts draus. Das ist der natürliche Gang der Wirtschaft.

Wie sieht dein eigenes Business-Modell aus? Woher stammt das Kapital, das du heute in Startups investierst?

Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die schon sehr früh aus einer ihrer Startup-beteiligungen einen Exit gemacht haben. Das ist das Geld, das ich jetzt als Business Angel reinvestiere. Man wird vom Steuersystem dazu gezwungen, dieses Geld zu reinvestieren, weil sonst musst du 35 Prozent Steuern zahlen. Wenn du es reinvestierst, hast du die Chance, es zu behalten und daraus noch mehr Wert schaffen. Das bedeutet aber auch, dass man davon nicht leben kann. Die größte Quelle meines Einkommens sind die Dinge, die ich für Corporates mache. Ich begleite etwa BASF dabei, eine Chemie-Inkubator aufzubauen. Dann betreue ich seit etwa sechs Jahren das Intrapreneur-Programm der Deutschen Telekom, und ich bin Lehrender und Vortragender. Diese ganzen Dinge werden tatsächlich sehr gut bezahlt, und das erlaubt es mir, kostenlose Meetups zu machen und Dinge kostenlos zu publizieren.

Welche wichtigen Learnings hast du aus deinen eigenen Gründungen mitgenommen?

Das wichtigste Learning ist, dass man nicht früh genug über seine eigene Idee mit anderen reden kann, schon allein zum Selbstschutz. Wenn alle Leute dir erzählen, dass sie das nicht kaufen würden oder es schon zehn andere erfolglos versucht haben, dann wäre man wahnsinnig, da sein Kapital reinzustecken. Der erste, wichtigste Tipp ist, diese ganzen Informationsangebote der Startup-Szene in Anspruch zu nehmen. Wer das nicht macht, der scheitert zurecht. Das Zweite ist, wie anfangs gesagt, sich selber über seine eigene Motivation klar zu werden.

Wann sollten die Alarmglocken schrillen, wann sollte man aufhören ein Projekt zu verfolgen?

Wenn man die Kunden zwingen muss, sein Produkt zu kaufen, wenn man unverhältnismäßig viel Marketing machen muss und wenn Kunden, nachdem sie ein Produkt einmal benutzt haben, wieder abspringen. 42 Prozent der Startups scheitern, weil es keinen Need am Markt für sie gab. Nur auf Teufel komm raus etwas zu machen, weil man es selber gut findet, das ist der sichere Genickbruch.

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen