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Interview

„Bisher existierende Stablecoins fungieren als eine Art unbeaufsichtigtes Schattenbanksystem“

© Roger Brown von Pexels
© Roger Brown von Pexels

Die EU könnte einen elektronischen Euro bekommen, und auf Unternehmen, die selbst Kryptowährungen herausbringen, kommen neue Regeln zu: Mit MiCA (Markets in Crypto-Assets) plant die EU-Kommission ab 2022 neue Gesetze für Stablecoins und Co. Das Signal an den Markt: Man will Crypto-Assets nicht verbieten, aber klare Regeln müssen her. Diese sollen der EU gar dazu verhelfen, die führende Region in Sachen Blockchain weltweit zu werden.

Beat Weber ist Ökonom bei der Österreichischen Nationalbank (OeNB) und dort Experte für Krypto-Assets. Im Interview erläutert er, welche Chancen und Auswirkungen der E-Euro hätte, wie der digitale Yuan in China zu bewerten ist und welche Zukunft auf Stablecoins wie Tether (USDT) zukommt.

Central Bank Digital Currencies (CBDCs) sind dieses Jahr so richtig in der Diskussion rund um die Zukunft des Geldes angekommen. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Beat Weber von der ÖNB. © B. Weber
Beat Weber von der OeNB. © B. Weber

Beat Weber: Im digitalen Zahlungsverkehr tut sich in den letzten Jahren enorm viel. Betrafen zunächst viele Neuerungen nur den Bezahlvorgang und begleitende Dienste für Endverbraucher/innen (Stichwort kontaktlos mit Karte bezahlen, per Handy-App zahlen etc.), während im Hintergrund Bankguthaben zwischen den Beteiligten bewegt wurden, und zwischen den Banken Zentralbankguthaben bewegt wurden, geraten jetzt zunehmend diese Hintergrund-Komponenten in den Fokus der Betrachtung, sowohl bei Projekten im Privatsektor als auch bei Zentralbanken. Die Frage zu untersuchen, ob und was CBDCs hier verbessern könnten, ist ein Teilaspekt davon.

Die EZB, so scheint es, hätte gerne einen digitalen Euro. Warum eigentlich – einmal abgesehen vom Signal, innovativ sein zu wollen?

Das Eurosystem will einfach vorbereitet sein, falls in einer schnelllebigen Zahlungslandschaft über die Zeit ein Bedarf für einen digitalen Zentralbank-Euro für alle entsteht. Falls etwa in Zukunft die Nachfrage nach Bargeld radikal zurückgehen sollte, könnte es sinnvoll sein, den universalen Zugang zu Zentralbankgeld auf digitale Weise anzubieten. Oder falls plötzlich Fremdwährungen durch eine überlegene digitale Darreichungsform dem Euro im Inland Konkurrenz machen, ohne dass der Privatsektor im Euroraum dem Paroli bieten kann.

Mal hypothetisch gefragt: Würde ein E-Euro auf einer Blockchain basieren? Und wären die Nationalbanken der EU-Mitgliedsstaaten dann die Nodes, die die Transaktionen bestätigen und rechnen?

Technische Optionen zur Ausgestaltung gibt es viele, aber welche die beste ist, wird sich vor allem an den Benutzeranforderungen auszurichten haben. Jede Technik hat Vor- und Nachteile, und nichts ist für jeden Anwendungsfall geeignet. Als wichtigster Anwendungsfall für die Blockchain gilt die Abwesenheit eines vertrauenswürdigen Mittlers. Aber wenn das Vertrauen in die Zentralbank hinter einer Währung so gering wäre, dass ich nicht mal sicher sein kann, dass sie richtig bucht, und deshalb erst ein umständliches öffentliches Beweisverfahren für Mehrfach-Checks jeder Einzeltransaktion errichtet werden müsste, dann wäre die Währung längst tot, bevor ich überhaupt mit so einem Projekt starte. Dass Elemente dieser Technik auch aus anderen Überlegungen nützlich sein können, ist natürlich nicht ausgeschlossen.

Geht es nach EZB, würde der E-Euro den analogen Euro nicht abschaffen, sondern ergänzen. Das erscheint auf den ersten Blick logisch – aber würde sich da nicht trotzdem ein Zwei-Klassen-System herausbilden? Etwa im Retail-Bereich, wenn Shops nur mehr E-Euro annehmen?

Elektronische Zahlungsmittel in Euro gibt es neben Bargeld ja längst, und diese sind mit einer Vielzahl von Methoden übertragbar. In der Regel kommen die Händler mit mehr als einer Bezahllösung gut zurecht, und haben ein geschäftliches Interesse, ihrer Kundschaft diesbezüglich entgegenzukommen.

Welche Haltung nimmt Österreich gegenüber CBDCs ein? Ist die Nationalbank Pro oder Contra?

In Ländern wie Österreich und Deutschland ist Bargeld bislang als Zahlungsmittel beliebter als in anderen Ländern im Euroraum wie etwa Niederlande, wo viel mehr digital gezahlt wird. Aber weder würde der digitale Euro Bargeld ersetzen, noch ist seine Einführung beschlossen. Mehr Wahlfreiheit wäre ja erst mal nicht schlecht, aber letztlich entscheidet der Bedarf. Wir sind jetzt erst mal gespannt, was in der nun gestarteten öffentlichen Konsultation an Meinungen geäußert wird.

CBDCs, so die Meinung einiger Beobachter, könnten die Zentralbanken gegenüber den Privatbanken stärken – stimmt das, und wenn ja: Warum?

Wenn die Bevölkerung in großem Stil beginnen würde, den digitalen Euro der Zentralbank zu nutzen, statt Guthaben bei Banken zu halten und mit Kontoüberweisung zu bezahlen, könnte das die bestehende Arbeitsteilung zwischen Geschäfts- und Zentralbank verändern, das muss besprochen und gegebenenfalls bearbeitet werden.

China gilt in Sachen CBDC als Vorreiter und testet den E-Yuan bereits in mehreren Regionen. Steht China wirklich vor einer Einführung, oder ist das noch als gute PR zu werten?

Soweit wir wissen, ist China derzeit in einer Experimentierphase. Welche Erkenntnisse daraus gewonnen werden und welche Schlussfolgerungen die Verantwortlichen daraus ziehen, wissen wir noch nicht. Klar ist, dass das chinesische Projekt vor dem Hintergrund von Problemen gestartet wurde, die es im Euroraum so nicht gibt: Große Teile der Bevölkerung haben keinen Zugang zur schwachen Bank-Infrastruktur, große heimische Tech-Konzerne dominieren den digitalen Zahlungsverkehr, die Regierung sorgt sich um die Einhaltung von Kapitalverkehrskontrollen.

Bargeld hat den Vorteil der anonymen Nutzung. Kann ein E-Euro überhaupt Anonymität garantieren? Denn am Ende werden vielleicht nicht die Geldströme an sich, aber die Wallets, in denen die E-Euros liegen, einer Kontrolle (KYC, AML) unterzogen?

Ein angemessener Schutz der Privatsphäre für gewöhnliche Alltagszahlungen ist sicher technisch machbar und wünschenswert. Aber es ist klar, dass der digitale Euro kein Ausweichvehikel werden soll für Leute, die unzufrieden darüber sind, dass sie nicht mit undeklarierten Millionen im Handkoffer über die Grenze fahren dürfen.

In der MiCA-Strategie der EU klingt durch, dass sich die Union vor dem externen Einfluss von Stablecoins, die private Firmen wie Facebook herausgeben, schützen will. Muss man sich vor Libra wirklich fürchten?

Wie bei allen Innovationsprojekten muss auch hier sichergestellt werden, dass das nicht zum Unterlaufen von Qualitätsstandards führt. Bequem, schnell und günstig bezahlen ist wunderbar – aber es soll auch so sicher sein, wie wir das gewohnt sind, und es darf kein Eintrittsticket in eine abgeschottete Konzernwelt sein, wo ich erst nach Überschreiten der Schwelle bemerke, dass ich an der Tür alle Umtausch- und Persönlichkeitsrechte abgegeben habe. Das ist auch eine Frage der Wettbewerbsgleichheit: Wenn ein neues Projekt etwas plant, das das Gleiche zu können behauptet wie Geld, dann soll es auch so reguliert sein wie Geld. Die EU rüstet diesbezüglich gerade ihren Regulierungsrahmen nach. Und alle, die hier etwas Neues anbieten wollen, müssen sich daran halten.

Eine große Frage beim Thema Stablecoins ist Tether (USDT). Da bestehen große Zweifel, dass Tether wirklich durch eine entsprechende Menge an US-Dollar gedeckt ist. Hat die Nationalbank da eine Position dazu?

Bisher existierende so genannte Stablecoins fungieren als eine Art unbeaufsichtigtes Schattenbanksystem, das Dienste für den Handel auf Krypto-Börsen anbietet, um Hürden zu umgehen für den Zugang zu offiziellen Währungen – die es aber braucht, um aus dem Handel mit Krypto“währungen“ Gewinne auszuzahlen (und Verluste zu begleichen). Dass es für diese Art von an offiziellen Währungen ausgerichteten „Coins“ trotz ihrer mitunter abenteuerlichen Konstruktionen und Nutzerrisiken überhaupt eine Nachfrage gibt, ist ein Hinweis auf den geringen Realitätsgehalt der Rede von der Beseitigung der angeblich überflüssigen Mittelsmänner, der ständigen Verwechslung von Mengenstabilität mit Wertstabilität, und der angeblichen Ersetzung von Vertrauen durch Technik, die im Krypto-Fan-Sektor üblich ist. Der neue von der EU geplante Regulierungsrahmen ist hoffentlich auch als hilfreicher Realitätscheck dienlich für alle Coin-Projekte, die sich dem Massenmarkt in der EU nähern wollen.

+++ MiCA: Die EU hat das Zeug dazu, zum weltweit führenden Krypto-Block zu werden +++

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