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„Buy the Rumor, Sell the News“: Schlacht der Schlagzeilen am Krypto-Markt

Coins und Tokens. © Roger Brown von Pexels
Coins und Tokens. © Roger Brown von Pexels

Warum explodieren Krypto-Kurse, warum brechen sie von heute auf morgen wieder ein? Meistens gibt es am Ende eine relativ einfache Antwort: Schlagzeilen. Coinbase geht an die Börse, Tesla erlaubt Bitcoin-Zahlungen, Elon Musk macht Dogecoin im TV zum Thema, China verbietet Krypto-Mining, die Türkei verbietet Bitcoin-Zahlungen, und so weiter und so fort.

Es sind oft nicht faktische Handlungen, die die Preise von Bitcoin und Co beeinflussen (oft sogar massiv), sondern lediglich die News darüber – während sich die Fundamentaldaten der Krypto-Assets gar nicht ändern. Ankündigungen, Tweets, Screenshots und Zitate verbreiten sich in Windeseile über Messaging-Apps und Social Networks und können panikartige Reaktionen am Krypto-Markt auslösen – so heftig, dass die Trading-Apps und Online-Dienste führender Exchanges und Broker regelmäßig unter der Last einknicken.

„Obwohl diese Nachricht nichts Konkretes beinhaltete, erlebte der Bitcoin-Markt den bedeutendsten Ausverkauf in der Geschichte, der 2,56 Milliarden Dollar an Nettoverlusten für die Händler mit sich brachte und damit die bemerkenswertesten Ausverkaufsereignisse wie im März 2020 (1,38 Milliarden Dollar) und im letzten Bärenmarkt im November 2018 (0,95 Milliarden Dollar) übertraf“, schreiben die 21Shares-Analysten Lanre Ige und Eliezer Ndinga über die Verbreitung der Nachrichten, dass China hart gegen Bitcoin-Mining und Handelsaktivitäten vorgehen will.

Einblicke in die Anatomie des jüngsten Krypto-Crashs

News, die der Industrie schaden

Nun will niemand geringerer als Coinbase, das führende US-Unternehmen der Krypto-Industrie, in die Schlacht der Schlagzeilen mit einsteigen. „Krypto ist ein schnell aufstrebender Raum mit wachsender Aufmerksamkeit und Fokus. Leider kommt mit dieser Aufmerksamkeit auch eine Menge an Fehlinformationen, die nicht nur für Unternehmen wie Coinbase, sondern für die Industrie im Allgemeinen schädlich sind“, Coinbase-CEO Brian Armstrong. „Wir wollen sicherzustellen, dass ein Kunde, eine Aufsichtsbehörde oder ein anderer wichtiger Stakeholder bei seinen Recherchen über Kryptowährungen Informationen erhält, die korrekt und objektiv sind.“

Damit steigt Coinbase, an der Börse etwa 50 Milliarden Dollar wert, ins Geschäft mit den Schlagzeilen ein – und folgt damit vielen anderen Unternehmen, die ihre eigenen Newsrooms zur Verbreitung ihrer eigenen Sichtweisen in Stellung gebracht haben. Der Fact Check-Blog von Coinbase ist an sich keine Neuigkeit – so genanntes Corporate Publishing gibt es in Form von Kundenzeitschriften, Supermarkt-Radio, Unternehmens-TV und Co schon viele Jahrzehnte.

Die Besonderheit am Krypto-Markt ist aber, dass der Handel 24/7 in Echtzeit und Mobile erfolgt und somit noch viel direkter auf Schlagzeilen reagiert als andere Branchen (klassische Börsen z.B. haben Handelszeiten und sind am Wochenende geschlossen). Und dass der Krypto-Markt direkten Einfluss auf den klassischen Aktienmarkt haben kann, zeigt das Beispiel Coinbase selbst. Die COIN-Aktie hat seit ihrem Börsendebüt etwa 37 Prozent an Wert verloren, während Bitcoin um 46 Prozent gefallen ist. Wenn BTC leidet, leidet Coinbase also direkt mit:

Dass Coinbase keinen Journalismus betreiben wird, sondern Schlagzeilen im Sinne der eigenen Branche produzieren wird, ist klar. Die Redakteure, die das Unternehmen für den Blog (der zu einem vollumfänglichen Medium ausgebaut werden soll) sucht, sind in der Marketing-Abteilung angesiedelt. Und objektive, neutrale Berichte über Binance Coin und Co. wird sich wohl niemand von Coinbase erwarten.

Coinbase-Aktie hat wie Bitcoin 40 Prozent an Wert verloren – zurecht?

Fakten oder Propaganda?

„Coinbase’s „Wahrheit“ wird wahrscheinlich die Interessen von Coinbase und die von Armstrongs Clique libertärer Silicon-Valley-Milliardäre. So gibt es ein sehr reales Risiko, dass Coinbase’s „Faktenprüfung“ sich früher oder später zur Propaganda entwickeln wird“, schreibt das Online-Medium Decrypt. Armstrong geht es letztlich nicht um Wahrheit, sondern um einen guten Bitcoin- und Coinbase-Kurs. Der Zeitpunkt für den Einstieg ins Medien-Business ist bezeichnend. Als die Kurse noch vor kurzer Zeit steil nach oben gingen, ist Armstrong nicht mit Einem Fact-Check-Blog angetreten, um mal zu überprüfen, ob das Narrativ „Bitcoin ist eine Absicherung gegen die drohende Inflation“ auch so stimmt.

Dass Kurse von Nachrichtenmeldungen getrieben werden, ist im Aktienhandel nichts Neues. „Buy the rumor, sell the news“ lautet eine alte Börsenweisheit. Positive Gerüchte sind gut für den Markt, harte Fakten eher nicht – daran wird auch Coinbase wohl nichts ändern können.

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