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Business Angel Markus Ertler: „Der Wunsch nach dem großen Geld verdirbt viele Jungunternehmer“

Business Angel Markus Ertler. © Jakob Steinschaden
Business Angel Markus Ertler. © Jakob Steinschaden

Zuletzt hat er mit seinem Investment in das Wiener Startup hiMoment für Aufsehen in der Szene gesorgt: Markus Ertler ist einer der aktivsten Business Angels Österreichs und hat bis dato etwa auch bei DealMatrix, store.me, Bikemap, rublys, updatemi, Hitbox, Vresh, Ohlala, Parkbob oder Greetzly investiert. Er ist außerdem im Aufsichtsrat des Business-Angel-Netzwerks startup300, hat in den Speedinvest-Fonds eingezahlt und im PrimeCrowd-Netzwerk mit dabei (startup300 und Speedinvest sind Investoren von Trending Topics, Anm.).

Das Geld für seine Investments hat er durch den Verkauf seiner eigenen Firma, Immobilien.net, gemacht. Das Immobilien-Portal, das er 1994 mit seinem Bruder Alexander startete, wurde 2014 an ImmobilienScout24 aus Deutschland verkauft. „Das eigene Baby zu verkaufen ist ein schrecklicher Akt“, sagt Ertler heute.

Im Interview mit Trending Topics spricht Ertler über seine Ausrichtung als Business Angel, über die Eigenschaften, die ein Gründer haben sollte, und warum die Jagd nach dem Einhorn falsch ist.

Trending Topics: Sie sind mittlerweile einer der aktivsten Business Angels in Österreich. Was treibt Sie an, das zu machen?

Markus Ertler: Für mich ist das mittlerweile ein Fulltime-Job. Nach dem Exit 2014, als ich Immobilien.net verkauft habe, kann ich einen Teil des verdienten Geldes in junge Unternehmen zurückinvestieren. Das hat mich schon immer interessiert, Ideen mit guten Leuten zu entwickeln.

Sie sind ein Experte in der Immobilienbranche, mit Store.me haben Sie auch in ein Startup in dem Bereich investiert. Ist PropTech der Fokus für Sie?

Natürlich holt mich da meine Vergangenheit ein. Es kommen oft Leute mit PropTech-Startups auf mich zu. Aber da schaue ich sicherlich mit einem besonders kritischen Blick drauf. Wenn du so lange und so tief in einer Branche drinnen warst, dann muss etwas herausragend gut sein, dass es meine Neugier weckt. Store.me ist so eine Idee. Da geht es um dezentrale Lagerräume bei dir ums Eck im Unterschied zu den großen Lagerhallen am Stadtrand.

Für die Immobilienbranche sind noch viele Innovationen drin. Startups sollten erfüllt sein von dem Ziel, dass der Käufer oder Mieter schneller eine Wohnung bekommt, dass der Makler schneller und besser sein Geschäft machen kann und der Verkäufer oder Vermieter schneller seine Immobilie an die Zielgruppe bringen kann. Leider wird oft aus der falschen Motivation heraus etwas versucht.

Was ist die falsche Motivation?

Der Wunsch nach dem großen Geld, dem Unicorn verdirbt viele Jungunternehmer. Die besten Ideen werden nicht aus dem Drang geboren, viel Geld verdienen zu wollen. Die besten Ideen sind die, die ein echtes Problem  am Markt verändern und lösen wollen, die disruptiv sind, die beweisen wollen, etwas wesentlich besser zu können. Das ist die wahre, sinnvolle Motivation. Das man damit Geld verdienen kann, ist eine logische Konsequenz. Die, die den Gewinn am wenigsten anstreben, die werden ihn am Ende bekommen. jene, die nur auf Gewinnmaximierung aus sind, die werden nicht belohnt, weil die Passion falsch ist.

Investoren sind an dem Drang zum Einhorn mit Schuld. Auf Events wird immer wieder die “Suche nach dem nächsten Einhorn” eingeläutet.

ich würde diese Sprüche, die sich Investoren umhängen, nicht überbewerten. Am Ende des Tages hat jeder Business Angel, der seine zehn Investments gemacht hat, seine Lehren gezogen. Sicher träumt jeder davon, beim nächsten Facebook dabei zu sein, aber das Einhorn ist eine scheue Erscheinung. In der Frühphase dabei zu sein und am nach einpaar Jahren am möglichen Weg zum Unicorn wieder aus zusteigen kann auch sehr attraktiv sein.

Sie haben in so unterschiedliche Startups wie HiMoment, Vresh, Ohlala oder Parkbob investiert. Was haben die trotz allem gemeinsam?

Ich hatte meine Lehrjahre. am Anfang habe ich spannende Ideen gesehen und investiert, heute investiere ich in begabte Menschen mit spannenden Ideen. Jene Startups mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten sind die erfolgreicheren Startups.

Was macht für Sie einen außergewöhnlichen Gründer aus?

Natürlich müssen sie vorne stehen und ihr Produkt verkaufen können. Aber das ist kein Muss, diese Techniken kann man lernen. Gute Gründer sind entscheidungsstark, reflektiert, neugierig und uneitel. Diese Leute rufen den Investor an und sagen: Schau bitte mal über den Marketing-Plan drüber, fragen bei einer Personal- oder Strategieentscheidung um Rat. Das heißt nicht, dass sie die Entscheidung dem Investor abgeben, aber sie holen sich alle notwendigen Informationen ein, um darauf basierend ihre eigene Entscheidung zu treffen. Wer eitel ist, der fragt andere nicht gern um Rat, weil er den Druck hat, eh schon alles wissen zu müssen.

Als Business Angel braucht man demnach eine gute Menschenkenntnis.

Ja. Und: Man muss mit dem Gründer auf einer Wellenlänge schwimmen. Investoren haben unterschiedliche Charakterzüge, und deswegen muss man sich seine Investoren und Startups, gerade in der Frühphase, schon gut aussuchen. Wenn sich der Business Angel inhaltlich einbringt, dann sollte die Chemie stimmen. Später verlagert es sich, da versachlicht sich die Angelegenheit.

Sie sind im Vorstand von startup300 und auch bei Speedinvest an Bord. Sehen Sie eine Konkurrenzsituation zwischen den Hubs in Linz und in Wien?

Auf den ersten Blick könnte man das so sehen, aber das wäre zu klein gedacht. Wir alle, die wir uns da tummeln in verschiedenen Gruppierungen, wir sind dasselbe Pixel im weltweiten Investment-Bild. Der Feind, wenn man überhaupt von Feinden sprechen will, das sind andere Dinge. Etwa die nicht geglückte Anschlussfinanzierung. Oder die Unfähigkeit, ein wirklich geiles Startup internationalen Investoren sichtbar machen zu können. Am Ende des Tages müssen wir in Österreich unsere Kräfte bündeln, wenn wir international aufzeigen wollen. Da sind kleinkarierte Eifersüchteleien wenig hilfreich. Jeder der redlich bemüht ist in der Szene was beizutragen ist ein wertvoller Baustein.

Die kommende Regierung steht noch nicht, aber man kann sie bereits erahnen. Was erwarten Sie von dieser in Hinblick auf Startups?

Wir bewegen uns auf eine Zeit der galoppierenden Innovation zu. Der internationale Wettbewerb um die Besten Köpfe und Ideen wird noch viel härter. Wenn die Regierung nicht substantielle positive Maßnahmen setzt wird sich das furchtbar rächen. Es geht um nichts weniger als um die Arbeitsplätze von morgen. Jede einzelne Branche wird sich verändern. Wenn heute wer glaubt, dass er den gleichen Job in 30 Jahren noch genauso machen wird wie heute, dann hat er wirklich nicht verstanden. Nichts bleibt gleich, alles ändert sich.

Bei Förderungen von öffentlicher Seite gilt Österreich ja bereits als Vorzeigeland.

Ja, aber das ist so typisch alte österreichische Denke. Der Staat nimmt das Geld zuerst weg, um es dann wieder gönnerhaft zu verteilen. Stattdessen sollte der Staat jeden sofort unterstützen, der mit einem Startup-Investment ins Risiko geht. Derzeit hält der Staat bei Gewinnen bspw als Privatinvestor die Hand auf, aber geht nicht mit ins Risiko, wenn es Verluste gibt. Das ist nicht fair. Der enorme administrative Aufwand der Umverteilung könnte viel schlanker sein. Oft gibt es Förderzusagen, und die Auszahlung erfolgt dann sechs Monate später – wenn das Startup vielleicht schon wieder schließen musste. Wenn ich eine junge Pflanze nicht gieße wird sie sich nie selbst versorgen können.

Sie haben Mitte der 1990er-Jahre Immobilien.net mit ihrem Bruder Alexander gestartet. Gab es damals Unterstützung in irgendeiner Form?

Nein gar nicht. Da war vollkommen klar, du machst dein Ding und musst es beweisen. Das erste Investment von 35.000 Schilling kam aus der Familie, es gab niemand anderen, der einem Geld für eine wahnwitzige Idee gab. Wir mussten schauen, dass wir uns aus dem eigenen Cash-flow entwickeln. Unser Vorteil war, dass damals alles langsamer war. Heute muss die Entwicklung viel schneller passieren, da funktioniert es nur selten, sich aus dem eigenen Cash-flow schnell zu entwickeln. Man braucht heute am Anfang viel mehr Treibstoff.

Sie haben Immobilien.net dann 2014 nach zwanzig Jahren an ImmobilienScout24 verkauft. Wie geht es einem Gründer nach so einem Exit?

Das eigene „Baby“ zu verkaufen ist ein schrecklicher Akt. Wir haben nicht gegründet, weil wir superreich werden wollten, sondern weil wir überzeugt waren den Markt verändern und modernisieren zu können. Da ist jegliche Entbehrung und Herzblut hineingeflossen, sämtliche Entscheidungen, ob privater oder beruflicher Natur, sind mit dieser Firma verbunden gewesen. Und dann kommt nach langer Verhandlung der Moment wo jemand, dein Konto befüllt, und am Tag danach gehört dein Lebenswerk nicht mehr dir. In der Sekunde der Unterschrift waren wir in der eigenen Firma Persona non grata. Das war schon ein emotional harter Moment damals und eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Offenlegung: startup300 und Speedinvest sind Investoren von Trending Topics.

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