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Christian Pirkner

Bluecode-CEO: „Wir sind erfolgreich, wenn wir unsere eigene App abdrehen können“

Bluecode-CEO Christian Pirkner. © Blue Code
Bluecode-CEO Christian Pirkner. © Blue Code

Ein „gesamteuropäisches System für Zahlungen per Smartphone“, das Privatsphäre hochhält und eine Alternative zu Google Pay, Apple Pay und PayPal sein kann: Christian Pirkner, der CEO und Gründer von Bluecode hat sich ziemlich große Ziele gesteckt. Gerade erst hat er ein Investment von 11,2 Millionen Euro bekannt gegeben (Trending Topics berichtete), und schon sitzt er wieder im Flugzeug, um die Software Banken schmackhaft zu machen.

Zwischendurch nimmt sich Pirkner am Flughafen Zeit, um mit Trending Topics über den neuen Deal zu sprechen. Und da wird klar: Pirkners Mission ist nicht nur unternehmerisch, sie ist auch politisch. Denn Bluecode soll Europa vor der Dominanz von US-Bezahlsystemen (Kreditkartenanbieter, Tech-Unternehmen) erretten. Der in Wien geborene Schweizer kennt das Silicon Valley gut, hat er dort doch bereits Startup-Erfahrung bei Moodlogic und All Media Guide gesammelt.

Bluecode bezeichnet er heute als DACH-Unternehmen – die Schweizer Holding finanziert die Entwicklung in Österreich, Deutschland und der Schweiz und zählt derzeit rund 35 Mitarbeiter. Mit der anstehenden Integration von Bluecode in die App der deutschen Sparkasse, die größte Retail-Bankengruppe Deutschlands, soll der Durchbruch gelingen, weitere Banken und Händler sollen folgen.

Trending Topics: Bluecode hat ein ordentliches Investment von 11,2 Millionen Euro bekommen. Welche Ziele verfolgen Sie?

Christian Pirkner: Ich war lange im Silicon Valley und konnte dort zwei Startups verkaufen. Das eine war in der Musikindustrie, das andere in der Filmindustrie. Das war spannend zu beobachten, denn da wurden zwei Industrien komplett durcheinander gewirbelt. Und am Ende haben die gewonnen, die die Customer Journey übernommen haben. Bei Musik ist das eindeutig Google, Sie kriegen heute jedes Lied gratis auf YouTube, und bei Video übernimmt jetzt Netflix. Netflix macht jetzt mehr Video-Content als Hollywood und räumt die Preise ab. Wer immer diese Customer Journey besitzt, wer die Eyeballs hat, der besitzt die Wertschöpfungskette.

+++ Alle Details zum Bluecode-Deal +++

Bei Mobile Payment passiert jetzt das Gleiche, nur mal 1.000. Payment ist der wichtigste Geschäftskanal, den wir Menschen haben. Da ist es faszinierend, dass es keinerlei grenzüberschreitende Lösungen aus Europa gibt. Wir merken es gar nicht mal, weil alles mit Karte funktioniert. Und jetzt kommen die üblichen Kandidaten wie Apple Pay oder Google Pay mit Milliardeninvestitionen. Denn wer die Customer Journey in dem Geschäft besitzt, der hat die Präferenzen der Menschen am Silbertablett.

So kam es, dass wir die Bluecode-Lösung gemacht haben. Wir müssen für Europa ein neues Visa hochziehen. Wir können das voll digital machen, wir brauchen die ganze Kartenwelt nicht mehr. Doch mit so einem Pitch bekommen Sie kein Funding, weil das ein Henne-Ei-Problem ist, das seinesgleichen sucht. Das ist wie wenn man sagt, ich mache ein neues Facebook. Die Chance ist nahe dem Gefrierpunkt, aber irgendjemand muss es probieren.

Warum haben Sie dann Geld von den neuen Investoren bekommen?

Wir haben Glück. Diese Idee ist so kapitalintensiv, da ist dieser Weg der einzige, der funktioniert. Wenn man einen VC hinein holen würde, der würde die ganz normale Rechnung machen und sagen: In zwei bis fünf Jahren muss der Exit her. Das Investment jetzt ist aber sehr geduldiges, intelligentes, strategisches, altes, europäisches Geld. Da ist viel Zunder dahinter. In unserem Konstrukt haben wir die Karten der Amerikaner jetzt draußen und mehr als 100 Banken, die unser System nutzen. Da hat es bei unseren Investoren geklickt. Wir hatten auch Interesse aus Asien, aber wir haben dazu Nein gesagt. Denn Geld entscheidet, wie es weitergeht. Jetzt haben wir genau die Investoren, die die Mission weitertreiben.

Können Sie uns verraten, wer die Investoren genau sind?

Die Investoren am Cap Table bevorzugen es, wenn sie im Hintergrund bleiben. Man kennt sie als Privatpersonen gut, aber sie haben gemeint, es soll nicht um die Personen gehen, sondern um die Idee. Es sind Unternehmer, teilweise aus dem Finanzbereich, von Hedge Funds oder aus dem Handel.

Wie kann sich Bluecode gegen Google Pay, Apple Pay oder PayPal behaupten?

Bluecode alleine ganz sicher nicht. Wir haben von Anfang eine Non-Brand gemacht. Die Idee wird nur funktionieren und skalieren, wenn wir Bluecode in die Apps der europäischen Banken und der Händler einbauen. Bei Zahlungen geht es um Vertrauen, und da ist es für eine neue Brand sehr schwer und sehr teuer. Uns war es wichtig, die Technologie und das juristische Grundkonstrukt zu bauen. Wir sind dann erfolgreich, wenn ich meinen Developern sagen kann, dass wir unsere eigene App abdrehen können. Je mehr wir erreichen, desto mehr sollten wir uns zurückziehen auf die Technologie und das Regelwerk. Dann ist es den Europäern überlassen, ob sie die Gefahr begreifen.

Bald kommt die Payment-Service-Direktive 2 (kurz PSD2, Trending Topics berichtete). Ich gehe jede Wette ein: Dann werden genau diese Player in den Wallets den Kontostand anzeigen können, die kennen dann das Gehalt und die Ausgabenstruktur. Da werden dann gute Services angeboten, ohne dass sie eine Banklizenz brauchen. Am Ende bleiben die europäischen Banken auf den schlechten Kunden sitzen, weil die guten werden abgeworben. Da muss es zumindest eine europäische Alternative geben.

Bluecode soll also kein Payment-Anbieter sein, sondern der Technologie-Provider für die europäischen Banken?

Richtig. Wir konzentrieren uns auf das juristische Regelwerk und die Technologie, und beim Rest müssen uns die Stakeholder unter die Arme greifen. Ohne die wird es nicht gehen, ansonsten sind wir ein Wikipedia-Eintrag. Bis Ende nächsten Jahres sollten es schon 400, 500 Banken sein, dann ist das eine relevante Geschichte.

+++ Wie Bluecode mit Alipay kooperiert +++

Wie funktioniert dann das Geschäftsmodell von Bluecode?

Wir haben das Modell europäisiert. Alle anderen Modelle funktionieren auf Basis einer Transaktionsgebühr gegenüber den Banken. Wir haben das umgedreht: der Händler bezahlt für die Transaktion. Dieser Erlös wird aufgeteilt zwischen den vier Parteien, die das zustande bringen: die Kundenbank, die Händlerbank, Bluecode und die App-Provider. Wir sind also im Transaktions-Kuchen mit dabei.

Sie haben sich kürzlich gegen Apple und Google positioniert. Auf der anderen Seite haben Sie eine Partnerschaft mit Alipay geschlossen. Wie passt das denn zusammen?

Super Frage. Bei Google, Apple oder Amazon wird das amerikanische Rechtssystem benutzt, und alle Daten landen in Amerika. Unsere Partnerschaft mit Alipay ist genau umgekehrt. Händler können zu uns sagen: Lasst mich auch den Alipay-Code einscannen, und wir können den Code einsammeln. Wir sind die Autobahn, und die dürfen drauf fahren.

Aber ich verstehe die Reaktion, das muss man natürlich erklären. Da redet der Pirkner von Europa und eine Minute später unterschreibt er mit den Chinesen. Aber rechtlich gesehen ist es so: Die nutzen unsere Infrastruktur und nicht umgekehrt.

Sie hören sich schon an wie ein Politiker.

Ich liebe die USA und kenne das Land gut. Aber die spielen mit Europa gerade Schach, das ist nicht mehr zum Zuschauen. Wir können dem rein technisch nichts entgegensetzen, wir haben keine Alternative. Zahlen ist die Lebensluft jeder Ökonomie, und da wird es schnell politisch. Man muss nur schauen, wie Ländern wie dem Iran das Ganze abgedreht wird. Das hat eine politische Dimension, die jetzt vielleicht noch unterschätzt wird. Man geht jetzt in den Supermarkt und alles funktioniert wunderbar. Aber das Thema hat schon Sprengstoff.

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