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Es gab nie eine bessere Zeit, Startup-Gründer in Europa zu sein

Mann im EU-Pullover. © Henri Lajarrige Lombard on Unsplash
Mann im EU-Pullover. © Henri Lajarrige Lombard on Unsplash

„Im Moment läuft es nahezu perfekt, wir hatten noch nie so gute Zahlen.“ Oliver Holle, CEO des von Wien aus tätigen europaweit VCs Speedinvest kennt die Zahlen und Trends im Startup-Business wie kaum ein anderer. Für den österreichischen Risikokapitalgeber läuft das Geschäft derzeit am Schnürchen. Tier Mobility, WeFox oder Bitpanda etwa sind im Portfolio – also gleich drei frisch gebackene Unicorns, die noch lange nicht den Zenith erreicht haben. „Es ist jetzt die beste Zeit ever, ein Founder zu sein“ , sagt Holle.

Für Europas Startups und Scale-ups läuft es tatsächlich ausgezeichnet. Die befürchtete Pleitewelle durch die COVID-Pandemie ist ausgeblieben, das Narrativ der beschleunigten Digitalisierung kommt der Branche zugute, und zwar quer durch die Bank von Mobility über HealthTech bis hin zu Fintech. Im ersten Quartal 2021 gab es neue Rekorde bei Investments in europäische Startups und Scale-ups. Mit 17,6 Milliarden Euro (21,4 Milliarden Dollar) wurde so viel Geld wie noch nie in den Sektor gepumpt. War 2020 bereits ein Rekordjahr, wird 2021 noch viel stärker. „2021 ist sicher stärker als 2020″, sagt Holle. „Es gibt sehr viel freies Kapital, das Rendite sucht.“

Wo aber kommt das Geld nun her, dass europäische Scale-ups derzeit der Reihe nach zu Unicorns macht? Darauf gibt es mehrere Antworten. Insgesamt dürfte sich Europa nun endlich an die Investment-Normalität der nordamerikanischen und asiatischen Märkte anpassen, die bereits in den vergangenen Jahren Tech-Einhörner am Laufband produziert haben. Die Zahl der europäischen Unicorns ist von 60 Ende 2020 auf bereits mehr als 70 mit Anfang Juni gewachsen.

1. US-Investoren

War es vor einigen Jahren noch eine News-Meldung, dass sich ein europäisches Startup in den USA Geld besorgen konnte, so steht das heute an der Tagesordnung. Die ganz großen Namen der US-Westküste und Ostküste pumpen aktuell enorm viel Kapital in den europäischen Tech-Sektor. Das hat mit der erreichten Reife zu tun, aber auch damit, dass VCs und andere Investment-Vehikel in den vergangenen Jahren enorm viel Geld aufgenommen haben und dieses jetzt ausgeben müssen. In Europa finden sich nun wirklich gute Deals. Einige Beispiele:

  • Goldman Sachs investierte etwa bei Northvolt, Tier Mobility, Back Market, Starling Bank oder Scalable Capital
  • Tiger Global hat in Europa in mehr als 15 Startups investiert , u.a. in Checkout.com oder Wolt
  • Peter Thiel ist mit Valar Ventures und Founders Fund emsig dabei, die nächste Fintech-Welle anzufeuern (z.B. Trade Republic, Bitpanda)

2. Asiatische Investoren

Es kommt aber nicht nur Geld aus dem Westen, sondern auch aus dem Osten nach Europa. Sehr auffällig dabei sind zwei Namen: Tencent und Softbank. Tencent (der Online-Riese, der hinter WeChat steckt) ist immer wieder bei großen Runden mit dabei.

  • Tencent etwa investierte bei Scalable Capital oder Gorillas
  • Softbank zeigt neue Ambitionen, in jüngere Startups in Europa mit Diversity-Hintergrund zu investieren. Mit dem Vision Fund gab es bereits eine Reihe von Unicorn-Investments in Europa

3. Update der Old Economy

In Europa, nach wie vor ein sehr reicher Kontinent, scheinen 2020, 2021 die Dämme nun endgültig gebrochen zu sein, was Tech-Investments angeht. Das zeigt sich zum einen an Corporates, die starken Innovationsbedarf haben und bei europäischen Unicorns mit dabei sein wollen, andererseits auch verstärkt bei Pensionsfonds aus Nordamerika und Nordeuropa, die investieren:

  • Volkswagen investiert bei Northvolt
  • Allianz und Axa steigen bei Stripe ein
  • Ontario Teachers‘ Pension Plan (OTPP) investierte bei KRY und GraphCore
  • Ontario Municipal Employees Retirement System (OMERS) investierte bei Northvolt und Wefox
  • der schwedische Pensionsfonds AMF investierte bei Northvolt
  • der dänische Pensionsfonds ATP investierte bei Northvolt

Vom Investoren-Markt zum Gründer-Markt

Insgesamt bedeutet diese Fülle an sehr großen Investoren dazu, dass sich gute Gründer und Unternehmen die Geldgeber mittlerweile aussuchen können. In der Branche erzählt man sich bereits, dass aus einem Investoren-Markt ein Gründer-Markt geworden ist – die Geldgeber pitchen quasi bei den Foundern und nicht umgekehrt. „Die Fülle an Kapital führt jedenfalls dazu, dass jeder Deal kompetitiver wird“, sagt Holle.

Doch wer kommt am Ende zu Zug? Alleine auf den Gründerfotos, die von den immer neuen Jubelmeldungen über Unicorn-Finanzierungsrunden begleitet werden, ist zu sehen, dass es nach wie vor junge, weiße und gut ausgebildete Männer sind, die die meisten der Scale-ups leiten. Wer gut verdrahtet, in den entsprechenden Netzwerken bekannt und schon einmal erfolgreich ein Startup gemacht hat, der kann heute in Video-Calls mit einem schlichten Pitchdeck in kurzer Zeit Millionen raisen.

Auch deswegen wollen Softbank und Speedinvest wie berichtet mit dem Emerge Accelerator gezielt Diversity in Startups fördern (Trending Topics berichtete). „Als Branche verpassen wir aufgrund mangelnder Repräsentation vielfältige Perspektiven, die echte Innovationen vorantreiben“, sagt Catherine Lenson von SoftBank Investment Advisers. Künftig wird es also nicht nur darum gehen, wie viel Geld fließt, sondern auch darum, wie divers ein Gründerteam ist, das es bekommt.

Die größten Fundings des Jahres 2021 im Überblick:

Company Funding Investors Vertical Founded in
Northvolt 2,26 Mrd. Euro VW, BMW, Goldman Sachs, Baillie Gifford, OMERS, AMF, ATP, Baillie Gifford, Baron Capital Group, Bridford Investments Limited, Compagnia di San Paolo, IMAS Foundation, EIT InnoEnergy, u.a. Batteries 2016 (SWE)
Klarna 820 Mio. Euro Silver Lake, Sequoia Capital, Bestseller Group, Atomico, VISA, Ant Group, Permira Fintech 2005 (SWE)
Celonis 820 Mio. Euro Durable Capital Partners, T. Rowe Price Associates, Franklin Templeton, Splunk Ventures, Arena Holdings SaaS 2011 (DE)
Trade Republic 740 Mio. Euro Sequoia Capital, TCV, Thrive Capital, Accel, Founders Fund, Creandum, Project A Trading 2015 (DE)
Flixmobility 533 Mio. Euro General Atlantic, Permira, TCV, HV Capital, Blackrock, Baillie Gifford, Canyon Partners Mobility 2012 (DE)
Wefox 533 Mio. Euro Target Global, TLV, Ace & Co, LGT, Lightrock, Partners Group, OMERS Ventures, G Squared, Horizons Ventures, Mubadala Capital, Salesforce Ventures, Speedinvest, u.a. Insurance 2015 (DE)
Wolt 435 Mio. Euro Iconiq Growth, Tiger Global, DST, KKR, Prosus, EQT Growth, 83North, Highland Europe, Goldman Sachs Growth Equity, EQT Ventures, Vintage Investment Partners Delivery 2014 (FIN)
Checkout.com 370 Mio Euro Tiger Global, Greenoaks Capital, Insight Partners, DST Global, Coatue Management, Blossom Capital, Endeavor Catalyst, Singapore Sovereign Wealth Fund Fintech 2012 (UK)
Hopin 330 Mio. Euro Andreessen Horowitz, General Catalyst, IVP Online Events 2019 (UK)
Back Market 276 Mio. Euro General Atlantic Generation Investment Management, Goldman Sachs Growth, Aglaé Ventures, Eurazeo,  daphni E-Commerce 2014 (FRA)
Blockchain.com 246 Mio. Euro DST Global, Lightspeed Venture Partners, VY Capital, Google Ventures Crypto 2011 (UK)
KRY 262 Mio. Euro CPP Investments, Fidelity, Ontario Teachers‘ Pension Plan. HealthTech 2015 (SWE)
Gorillas 238 Mio. Euro Tencent, Coatue, DST Global Delivery 2020 (DE)
Volocopter 200 Mio. Euro BlackRock, Avala Capital, Atlantia S.p.A., Continental AG, NTT, Tokyo Century, Geely, Daimler, DB Schenker, Intel Capital, btov Partners, Team Europe, Klocke Holding eVTOL 2011 (DE)
Sennder 197 Mio. Euro Baillie Gifford, Accel, Lakestar, HV Capital, Project A, Next47, Scania Growth Capital, Earlybird, Perpetual Logistics 2015 (DE)
Bitpanda 180 Mio. Euro Valar Ventures, DST Global, Saurabh Sharma, David Chreng-Messembourg, Yoann Turpin Neobroker 2014 (AUT)
Scalable Capital 150 Mio. Euro Tencent, BlackRock, HV Capital, Tengelmann Ventures Neobroker 2014 (DE)
EnergyNest 110 Mio. Euro Infracapital ClimateTech 2011 (NOR)

 

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