Start-up-Investor

Berthold Baurek-Karlic von Venionaire: „Es gibt definitiv einen Hype im Bereich Web und Mobile“

Will auch Geld für Wiener Start-ups aufstellen: Berthold Baurek-Karlic. © Fabian Greiler
Will auch Geld für Wiener Start-ups aufstellen: Berthold Baurek-Karlic. © Fabian Greiler

Er war der jüngste Geschäftsführer Österreichs einer Wertpapierfirma, trägt gerne bunte Hosen und will jetzt seine Beziehungen zur Finanzbranche für seinen neuen Start-up-Fonds von Venionaire Capital spielen lassen. Im Interview erklärt Berthold Baurek-Karlic, in welche Firmen er das Geld stecken wird.

Sie haben vor kurzem für Schlagzeilen gesorgt, Österreichs größten Venture Capital Fonds mit 100 Millionen Euro aufstellen zu wollen. Das Closing ist für Frühsommer geplant. Wie nah sind Sie bereits am Ziel?

Berthold Baurek-Karlic: Das Fundraising läuft sehr gut und wir liegen absolut im Plan. Wir sind zuversichtlich, dass wir Anfang Juli das First Closing machen können. Wir sind auf Zug, dass wir die 100 Millionen voll machen. In so ein Projekt geht man ja nicht blind hinein, wir haben eineinhalb Jahre vorbereitet und am Markt vorgefühlt, auf welche Standards vor allem institutionelle Investoren achten. Das Geld kommt aus Europa.

Wo genau sammeln Sie das Geld ein?

Baurek-Karlic: Ein Alternative-Investment-Fonds-Produkt wie unseres, das unter die EU-Richtlinie fällt, ist gedacht für qualifizierte Investoren. Die gesetzliche Mindesinvestmentsumme liegt auch in Österreich bei 100.000 Euro, bei uns bei einer Million Euro. Wir haben Investoren primär aus den Bereichen Pensionskassen, Versicherungen, Privatbanken und Bankenumfeld, dazu einige Family Offices sowie einzelne Industrielle und Unternehmer, die Erfahrung in dem Segment haben. Wir wollen eine gewisse Breite haben, um für die verschiedenen Themen Expertise im Kreise unserer Shareholder haben.

Können Sie Firmen oder Personen nennen, die bereits investiert haben?

Baurek-Karlic: Nein, das wäre bei einem Finanzprodukt wie diesem nur mit einer Freigabe des Investors möglich. Ansonsten gilt die Geheimhaltung. Vor dem First Closing machen wir diesbezüglich ohnehin keine Ankündigungen von Namen.

Sie wollen in die Bereiche Automation, Big Data, Scientific Computing und Robotik investieren. Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Makro-Trends sehen Sie, in denen diese Technologien wichtig sein werden?

Baurek-Karlic: Die Digitalisierung ist in der Industrie, im Haushalt, in der Stadtentwicklung, im Transportwesen, in der Logistik angekommen. Wir sehen, dass Immobilieneigentümer sich damit auseinandersetzen müssen, wie das Smartphone zur Eigenheimsteuerung eingesetzt werden kann, wir sehen im Handel den Trend zur Indoor-Navigation. Das Tanken an der Zapfsäule ist anonym, das Betanken eines Elektroautos nicht mehr. Das alles führt dazu, dass unheimlich viele neue Daten produziert werden, und die müssen alle verarbeitet werden. Auch die innerbetriebliche Kommunikation verändert sich, weswegen wir bereits beim Wiener Start-up Chatgrape (eine Art WhatsApp für Unternehmen, Anm.) investiert haben – da geht es der E-Mail an den Kragen. Wir finden auch das Start-up rublys sehr interessant. Wir sind aktiv auf der Suche nach einem entsprechenden Investor, der mit uns nach Auflage des Fonds hineingehen würde.

Venionaire will also in rublys investieren?

Baurek-Karlic: Ja, wir wollen mindestens eine Million Euro in die nächste Finanzierungsrunde von rublys einbringen, idealerweise gleich nach dem Closing. Voraussetzung ist, das wir einen Lead-Investor dabeihaben, der bei der Internationalisierung, vor allem in die USA, unterstützt. In New York haben wir dazu schon Gespräche geführt, und ein US-Investor hat zu rublys gesagt: “You could be a Rock Star in New York”.

Welche Start-ups und Firmen werden kein Geld von Venionaire bekommen?

Baurek-Karlic: Wir haben aus ethisch-moralischen Gesichtspunkten festgelegt, dass wir nicht in die Bereiche Gambling, Defense Industries und Addictives, also etwa Alkohol, Zigaretten und so weiter, investieren. Wir haben auch MedTech und Life Science ausgeschlossen, sofern es da Zulassungsthemen geht. Nahrungsergänzungsmittel, das unter die Arzneimittelverordnung fällt, oder ein Medizinprodukt, das Zulassungsprozesse vor sich hat, können wir nicht machen, weil wir nicht garantieren können, dass wir in der Fonds-Laufzeit von acht Jahren das Produkt so weit bringen, dass wir es wieder veräußern können.

Zum Thema Big Data, in das Sie investieren wollen. Es gibt diesen Spruch, der gerade en vogue ist: „Daten sind das neue Öl“. Passt dieser Vergleich?

Baurek-Karlic: Ich glaube, dass Daten einen sehr hohen Wert haben und dass die Monetarisierung noch nicht annähernd angefangen hat. Aus der Schnittmenge „sichere Datenverarbeitung“ und „hochwertige Analytik“ kann in den nächsten Jahren ein sehr wichtiger Wirtschaftszweig werden.

Da kommt die europäische Sichtweise auf das Thema ins Spiel. Sind die hohen Datenschutz-Standards in Österreich hinderlich?

Baurek-Karlic: Gerade im Bereich Datenschutz haben wir in der EU und insbesondere Österreich einen Wettbewerbsvorteil. Das wird international geschätzt, und es gibt immer mehr internationale Software-As-A-Service-Firmen, die bewusst in europäischen Strukturen arbeiten wollen. Bis jetzt haben wir viele Cloud-Services wie Dropbox im betrieblichen als auch privaten Bereich gesehen, die aber auch gefahren bergen. In einem nächsten Schritt muss das auf ein sicheres Niveau gehoben werden. Datenanalyse und Security spielen sehr stark zusammen, und wenn man das richtig macht, kann man die Nase vorne haben, auch als kleines Österreich.

Sie wollen zwischen ein und fünf Millionen Euro in Start-ups in der ersten und zweiten Wachstumsphase stecken, das wären mindestens 20 Firmen. Gibt es da in Österreich überhaupt genug Firmen, die investierbar sind?

Baurek-Karlic: Absolut, wir sehen mehr als genug Nachfrage nach A- und B-Runden. Wir glauben, dass wir 20 bis 30 Firmen im Portfolio haben werden.

Müssen Firmen, in die Venionaire investiert, schon Gewinn abwerfen?

Baurek-Karlic: Umsätze ja, Gewinn nein. Es muss aber klar sein, dass ein Unternehmen monetarisieren und letztendlich einen Wert im Zuge eines Exits generieren kann. Denkbar sind auch reine Technologie-Investments, etwa in den Bereichen Messtechnik, Sensorik oder Materialtechnik. Da muss aber der Technologietransfer zwischen Old und New Economy möglich sein.

Die Exit-Fähigkeit eines Unternehmens ist also unbedingte Voraussetzung? Oder kann es auch eine Firma sein, die nicht verkauft wird und selbst auf stabilen Beinen stehen kann?

Baurek-Karlic: Das kann ein Thema sein, aber dann wäre der Herauskauf der Gründer von den Investoren der Exit-Weg, der eingeschlagen wird. Grundsätzlich gibt es die Option eines Buy-Back immer. Einen Hidden Champion im deutschsprachigen Raum zu generieren, wäre ja wünschenswert und nachhaltig.

Wenn Venionaire in eine Firma investiert – was bekommt diese neben dem Geld? Helfen Sie mit Business-Kontakten und Know-how aus, oder suchen Sie Firmen, die das schon haben und rein das Geld brauchen?

Baurek-Karlic: Bei A- und B-Runden geht es glaube ich eher um Coaching, Mentoring und ein starkes Netzwerk zur Internationalisierung. Das liefern wir mit. Im Tagesgeschäft werden und können wir aber nicht mitarbeiten, so sind wir nicht aufgestellt. Das Management-Team muss schon in der Lage sein, eine Skalierung, mit der Hilfe unseres Netzwerkes, zu schaffen.

Sie waren der jüngste Geschäftsführer Österreichs einer Wertpapierfirma. Sind Start-up-Investments die bessere Alternative zu Wertpapieren?

Baurek-Karlic: Ja, allerdings nur in einem Portfolio-Kontext. Ich würde niemandem raten, nur 100 Prozent Immobilien, 100 Prozent Hedge-Fonds oder 100 Prozent Alternative Investments zu halten. Wenn man aber ein Portfolio aus Anleihen, Immobilien und Aktien hat dann sollte man Investments in Betracht ziehen. Ein Risikokapital-Investment ist deutlich transparenter, man viel direkter am Unternehmen arbeiten. Wir merken, dass Privatbanken, Stiftungen und Family Offices diese Chance zur Diversifizierung erkannt haben. In den USA ist das längst normal, eine Beimischung im Private-Equity-Bereich zu machen.

Welchen Return of Investment versprechen sie Investoren des Fonds?

Baurek-Karlic: Laut einer Statistik von Prequin erzielt das obere Viertel der Venture Capital Fonds eine Rendite von mindestens 20 Prozent pro Jahr und das ist auch unsere Messlatte.

Der US-Unternehmer Marc Cuban, der kurz vor dem Platzen der Dotcom-Blase Milliarden gemacht hat, ist sich sicher, dass die Tech-Branche auf die nächste Blase zusteuert. Wie sehen Sie das – jetzt, wo immer mehr Geld zu fließen beginnt und es diesen Start-up-Hype gibt?

Baurek-Karlic: Es gibt definitiv einen Hype im Bereich Web und Mobile, speziell in den USA mit irrwitzigen Bewertungen. In Europa sehe ich das nicht, da sind wir bei einem Zehntel oder Zwanzigstel. Es ist aber kritisch, wenn man sich nur auf den Bereich Web-Mobile konzentriert, deswegen auch unser Ansatz, etwa in Robotik, Mechatronik, Sensorik investieren zu wollen und vor allem auf B2B-Modelle zu setzen. Da ist eine sehr realistische Bewertungslage in Europa gegeben. Außerdem: Das Platzen der Dotcom-Blase hat zu einer Professionalisierung der Venture-Fonds geführt, es gibt heute klare Prozesse und transparente Dokumentationen, die man in den 1990er nur bei wenigen großen Fonds Standard waren.

Welche Kennzahlen schauen Sie sich bei Firmen ganz genau an?

Baurek-Karlic: Es reicht natürlich nicht, eine nette Idee und ein süßes Logo zu haben. Es gibt eine sehr strenge Due-Diligence-Prüfung in den Bereichen Technologie, Finanzen und Recht. Erst, wenn das Investment-Komitee eine Freigabe gibt, können wir das Investment machen. Wir entscheiden nicht aus dem Bauch heraus oder weil wir die Gründer nett finden, das wäre Harakiri.

Was halten Sie als Start-up-Investor von der vorgelegten Steuerreform? Business Angels vermissen da etwa einen Freibetrag für Wagniskapital.

Baurek-Karlic: Ich glaube, dass es in Zeiten, in denen eine Millionärssteuer im Gespräch ist, das Steueraufkommen erhöht und überall gespart werden muss, der falsche Weg ist, Investoren, die in der Regel wohlhabend sind, Steuererleichterungen zu bieten. Was ich besser finde, ist etwa den Weg, den New York eingeschlagen hat: Dort gibt es für hochskalierbare Unternehmen Abgabenbefreiungen, bis hin zu jedem Angestellten, der Einkommenssteuer befreit ist. Mittlerweile sind rund 75 Unternehmen in dem Programm. Das hilft dem Unternehmer, seine Firma selbst hochzuziehen und dem Investor, weil der genau weiß, dass sein Geld zu 100 Prozent beim Produkt ankommt. Diesen Zugang halte ich für deutlich intelligenter, aber ich will Politikern keine Ratschläge geben.

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