Channel

Mobility

Forschungs-Roller

Atmos: E-Scooter aus Oberösterreich misst die Luftqualität

Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger und Tabakfabrik-Mastermind Chris Müller mit dem neuen AtmoScooter © ATMOS/Gerhard Gruber
Der Linzer Bürgermeister Klaus Luger und Tabakfabrik-Mastermind Chris Müller mit dem neuen AtmoScooter © ATMOS/Gerhard Gruber

An einer Meeresküste in Europa soll in den kommenden Jahren ein Dorf entstehen, die das Zeug hat, Lungenkrankheiten zu lindern. Die Zutaten: Messbar saubere Luft und intelligent gelenkte Meeresluft. Initiiert wurde das Projekt, an dem das Star-Architektenbüro Coop Himmelb(l)au und Soravia mitwirken, von dem oberösterreichischen Unternehmer Chris Müller. Er hat schon für die Entwicklung der Linzer Tabakfabrik als Kreativ- und Startup-Zentrum verantwortlich gezeichnet und sein jüngstes Projekt ist ein E-Scooter, der die Luftqualität misst und derzeit in Linz erste Testfahrten absolviert.

Ein Scooter im Dienste der Forschung

Der AtmoScooter hat an der Frontstange einen unübersehbaren Kasten montiert, der mit Sensoren ausgestattet ist. Während der Fahrt werden Daten zur Luftqualität gesammelt und an Atmos übermittelt. In einer App kann sich der Nutzer darüber informieren, wie es um die Luft in seiner Umgebung bestellt ist und diese Daten freiwillig beispielsweise mit seinem Arzt teilen. „Unsere Scooter erfüllen drei Funktionen“, sagt Müller im Gespräch mit Trending Topics. „Sie verringern den CO2-Fußabdruck des Nutzers, unterstützen die Forschung von Atmos Research und verraten dem Nutzer, ob die Luftqualität in der Gegend gut für seine Gesundheit ist“. Für die mit den Rollern absolvierten Kilometer spendet Atmos zudem für die Mukoviszidose-Hilfe.

Die Scooter sollen als Flotte in ganzen Dörfern zum Einsatz kommen, in denen die Luftqualität so gut ist, dass sie Vorerkrankungen zu lindern vermag. Für die Überwachung der Luftqualität werden Informationen aus unterschiedlichen Quellen herangezogen: „Aktuell implementieren wir unsere Technologie als Kombination von Scooter-Daten, Bodenmessstationen und Satelliten“, erklärt Maria Dietrich, Managerin von Atmos Aerosol Research. So könne die Entwicklung der Luftqualität an einem ganz bestimmten Ort auch über Jahre hinweg zurückverfolgt werden.

Wo ist die Luft am saubersten? Satellitendaten helfen Atmos bei der Analyse © ESAATG-medialab
Wo ist die Luft am saubersten? Satellitendaten helfen Atmos bei der Analyse © ESAATG-medialab

Gute Luft gegen Lungenkrankheiten

Dass Müller so leidenschaftlich an dieser Vision arbeitet, hat einen sehr persönlichen Grund. Seine Tochter leidet an Mukoviszidose. Das ist ein seltener Gendefekt, der eine schwere Lungenkrankheit auslöst. Unheilbar. „Der Schleim kann nicht abgehustet werden und bleibt in der Lunge stecken“, sagt Müller. Die Luft, die man einatmet, kann bei solchen Krankheiten allerdings Linderung bringen und so begann sich Müller mit dem Thema auseinanderzusetzen.

„Laut WHO leben 91% der Menschen in gesundheitsschädlicher Luft, eine Stunde Spaziergang an der Oxfordstreet lässt die Entzündungswerte in der Lunge steigen, 4,2 Millionen Tote sind jährlich (!) auf Feinstaub zurückzuführen“, fasst Dietrich zusammen. Zahlen, die gerade aufhorchen lassen, denn sie sind auch für die von dem Coronavirus verursachte Lungenkrankheit interessant. „Und nun zeigen die neuesten Erkenntnisse, dass Covid-19 schlimmere Krankheitsverläufe in Regionen schlechter Luft hervorruft„.

Bauprojekte in Österreich, China und am Mittelmeer

Die Technologie von Atmos ist nicht nur schöne Theorie, sie kommt auch zum Einsatz. Die ersten Projekte betreffen Stadtteile bzw. einzelne Wohnbauprojekte, wie etwa die Triiiple Wohntürme am Wiener Donaukanal von Soravia. Gemeinsam mit Coop Himmelb(l)au arbeitet Atmos auch an einem „fühlenden Stadtteil“ in der Millionenmetropole Xingtai, einer der am meisten verschmutzten Städte Chinas. Das eigentliche Ziel ist aber die Schaffung eines Küstendörfchens, dem „Atmos Selfness Resort„, für das heuer die Grundstücksuche an der Mittelmeerküste in Europa abgeschlossen sein soll. Müller rechnet damit, dass in drei Jahren erstmals die Pforten öffnen.

Ein Resort als „biomechanische Lunge“

Ein Blick auf die Visualisierungen zeigt eine futuristische Vision aus weiß-grauen, stollenartig aufeinander gestapelten Bauteilen, die ein organisch wirkendes Ganzes ergeben. „Die Architektur ist so gestaltet, dass sie die Aerosole der Meeresluft, also die feinen Salzteilchen, die in die Luft geraten, wenn Wellen brechen, geradezu ansaugt“, beschreibt Müller. „Belebende Luft“ soll „durch jede Pore des avantgardistischen Tempels ziehen“, der dem antiken Palast von Knossos nachempfunden ist, heißt es auf der Website des Projektes. Ursprünglich war die Zielgruppe Mukoviszidose-Patienten und deren Angehörige, die Regeneration bei Lungenerkrankungen sei aber längst ein Milliardenmarkt, wie Müller anmerkt. „Die Stadt soll wie eine biomechanische Lunge funktionieren“.

So soll das Atmos Selfness Resort aussehen © ATMOS/Coop Himmelb(l)au
So soll das Atmos Selfness Resort aussehen © ATMOS/Coop Himmelb(l)au

Atmos Aerosol Research arbeitet für die wissenschaftliche Auswertung der Luftqualität unter anderem mit den Raumfahrtagenturen NASA und ESA zusammen. Müller hat das Unternehmen gemeinsam mit den Catalysts-Gründer Christoph Steindl und Christian Federspiel unter Beteiligung von Soravia und Coop-Himmelb(l)au-Mitbegründer Wolf Prix gegründet.

Springe zu:

Ganzen Artikel lesen
Corona-Krise