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AnyList boykottiert App-Anmeldung über Apple und Facebook

AnyList gegen Apple. © Steve Buissinne / Pixabay
AnyList gegen Apple. © Steve Buissinne / Pixabay

Apple will, dass ab sofort zahlreiche Apps im eigenen Store eine Anmeldung über Apple anbieten. Das heißt „Sign in with Apple“ und soll vor allem bei größeren, bekannteren Anwendungen fortan zum Standard gehören. Allerdings: Die App-Entwickler sind mit diesem Schritt nicht sonderlich glücklich. Die Herrschaften hinter AnyList, einem umfangreichen digitalen Einkaufszettel, erklären in einem Blogbeitrag nun, wo die Probleme mit Apple liegen würden.

Pflicht zu „Sign in with Apple“

Apple verlangt mit Stichtag 30. Juni, dass zahlreiche Apps „Sign in with Apple“ unterstützen müssen. Android-Nutzer kennen die Funktion von Google, aber auch Facebook bietet ein ähnliches Feature. Statt eines eigenen Accounts melden sich die Nutzer einfach über die Schnittstelle des Apple-, Google- oder Facebook-Accounts bei neuen Anwendungen an. Bislang war es in der Regel aber möglich, selbst zu entscheiden, welche Möglichkeit man nutzen will – für Entwickler wie für Nutzer. Apple will zumindest die Entwickler nun aber zwingen, den „Sign in with Apple“-Button standardmäßig zu integrieren.

Zahlreiche Gründe für Verzicht

AnyList wehrt sich dagegen – und führt triftige Gründe an, warum dieser Schritt nicht im Interesse der App-Entwickler ist. Erstens: Der Support. AnyList schreibt dazu: „Die Leute wissen nicht mehr, mit welchem Anmeldesystem sie ihren Account erstellt haben. Einfache Fragen wie „Wie kann ich mein Passwort zurücksetzen?“ haben keine einfachen Antworten mehr und hängen davon ab, mit welchem System Sie Ihr Konto erstellt haben, falls Sie sich daran erinnern können. Und wenn Sie von Ihrem Konto ausgesperrt werden und ein Anmeldesystem eines Drittanbieters verwendet haben, können wir Ihnen möglicherweise nicht selbst helfen und müssen Sie stattdessen an ein anderes Unternehmen verweisen, mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten“.

Dazu würden sich Apple-exklusive Probleme gesellen. So seien die meisten Apple-IDs an eine iCloud-E-Mail-Adresse gebunden, was zur Folge hat, dass die meisten Accounts, die über die Anmeldung bei Apple erstellt werden, eine iCloud-E-Mail-Adresse verwenden. Allerdings würden viele Nutzer diese Mailadresse gar nicht verwenden, sondern eher auf Gmail, Yahoo oder Hotmail setzen. Das Problem: AnyList tritt über die angegebenen Mailadressen mit Kunden in Kontakt – und wenn diese nicht verwendet wird, sind die Nutzer oft nicht erreichbar. Das habe schon zu gröberen Problemen mit dem Kundensupport geführt.

„Funktionsumfang leidet“

Apple erlaube es mit „Meine E-Mail ausblenden“ außerdem, eine spezielle Mailadresse zu generieren, die keinerlei Rückschlüsse auf den Nutzer oder die Nutzerin zulässt. Was aus datenschutztechnischen Gründen durchaus Sinn macht, stelle den Kundensupport ebenfalls vor gröbere Probleme. Wendet sich beispielsweise ein Kunde an Anylist und der Support muss in sein Konto, wird normalerweise nach der Mailadresse gefragt. Ist die Mail ausgeblendet, sei es für das Support-Team ungleich schwieriger, in den Account zu gelangen. Auch bei einem Umstieg auf Android gebe es darum Probleme – und auch der Funktionsumfang der App selbst leide darunter. Immerhin setzt AnyList auf ein Konzept, dass auch auf der einfachen Weitergabe von Daten fußt. Das passiert oft, indem einfach der Account mit anderen Mitgliedern geteilt wird – was aber wiederum nur über eine offensichtliche Mailadresse möglich ist.

Zahlreiche Probleme bei Implementierung

„Wir stimmen mit Apple überein, dass der Datenschutz ein grundlegendes Menschenrecht ist, und verstehen, dass die Option „Meine E-Mail verbergen“ gut gemeint ist, aber es hat den Anschein, dass Apple nicht wirklich alle Auswirkungen auf die grundlegende Benutzererfahrung, den Kundensupport und die Zusammenarbeit durchdacht hat“, schließt AnyList die Kritik. Unabhängig von Apple erhöhe die „Unterstützung für Anmeldesysteme von Drittanbietern die Komplexität der Handhabung von Benutzer-Accounts in unseren Systemen erheblich“ und die Implementierung sei zeitaufwändig.

Und: „Sign in with Apple“ sei fehleranfällig und schaffe „nicht gerade Vertrauen“. Kritisiert wird außerdem die Dokumentation seitens Apple: „Da Apple von den Entwicklern erwartet, dass sie diesen Dienst bis zum 30. Juni annehmen, scheint es vernünftig, eine anständige Dokumentation zu erwarten. Leider ist sie, wie die meisten von Apples neuerer Entwicklerdokumentation, sehr mangelhaft“.  Apple gebe beispielsweise nur vage an, dass man „Sign in with Apple on Android“ implementieren kann, aber es gebe keine direkte Dokumentation darüber, wie man das macht.

Auf Apple folgt Facebook

Und, zu guter Letzt, passen auch die Nutzungsrichtlinien nicht. Apple stellt in den Nutzungsrichtlinien ausdrücklich fest: „Apple behält sich das Recht vor, die Anmeldung bei Apple auf einer Website oder einer Anwendung jederzeit und aus jedem Grund zu deaktivieren“. AnyList sieht das kritisch: „Einer Drittpartei eine so starke Kontrolle über einen Kernteil unseres Dienstes zu geben, wenn dies nicht unbedingt erforderlich ist, ist unserer Ansicht nach unnötig riskant“.

Wer sich nun fragt, wo der Unterschied vor allem zu Facebook liegt: Auch der Login über das Social Network soll alsbald fallen. Das Statement von AnyList: „Unsere Unterstützung für die Anmeldung über Facebook wurde vor Jahren widerwillig als Experiment hinzugefügt, um eine andere Anmeldemöglichkeit anzubieten, aber wir waren nie begeistert davon. Das wird mit der Zeit immer wahrer, da Facebook ständig mit unheimlichen Datenschutzpraktiken aufwartet. Wir verwenden das Facebook-SDK, um Anmeldefunktionen bereitzustellen, und jede neue Version des SDK scheint neue Nachverfolgungsoptionen hinzuzufügen, die standardmäßig aktiviert sind und die wir durch entsprechende Maßnahmen deaktivieren müssen. Darüber hinaus hat das Facebook-SDK Qualitätsprobleme und hat kürzlich eine große Anzahl von iOS-Anwendungen aufgrund eines falsch konfigurierten Servers zum Absturz gebracht. Sie können davon ausgehen, dass in Kürze ein AnyList-App-Update erscheinen wird, das die Facebook-Anmeldung entfernt“.

AnyList ermöglicht das Erstellen und Teilen von Einkaufs- und anderen Listen. Die App gibt es für Android und iOS. Statements zur Thematik von anderen App-Entwicklern gibt es noch nicht.

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