Reportage

Anexia: Warum dieser Kärntner deine Lieblingsserien bei Netflix in seinem Server-Keller bunkert

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Anexia-CEO Alexander Windbichler am Großrechner. © Jakob Steinschaden
Anexia-CEO Alexander Windbichler am Großrechner. © Jakob Steinschaden

Wer im sechsten Wiener Bezirk an der Adresse Hofmühlgasse 3 vorbeischlendert, erahnt nicht, was sich da unten im Keller sprichwörtlich ­abspielt. Denn während im Fitnesscenter oben die schwitzenden Sportfanatiker Gewichte stemmen und sich am Laufband abstrampeln, dröhnen unten übermannshohe Server. Und auf einem dieser blinkenden Großrechner, da liegen die Filme und Serien von Netflix. Jeder Österreicher, der bei dem TV-Streamingdienst aus den USA auf Play drückt, bekommt die Daten nicht etwa aus Kalifornien über das Net geschickt, sondern aus dem Datencenter der heimischen Firma Anexia. Vor ziemlich genau zehn Jahren vom heutigen CEO ­Alexander Windbichler gegründet, gehört Anexia heute zu jenen aufstrebenden Firmen, die dick im Geschäft mit der Internet-Cloud sind. Fast 100 Mitarbeiter arbeiten an mehr als 60 Server-Standorten in etwa 40 Ländern weltweit, der Jahresumsatz liegt im „sehr guten zweistelligen Millionenbereich“.

+++Dieses Bericht ist bereits in der HORIZONT-Ausgabe 7/16 erschienen. Hier geht es zu den Abos.+++

Dass neben Lufthansa, BMW, Forstinger, Libro, Ankerbrot oder derstandard.at eben auch der immer populärere US-Streamingdienst Netflix zur Kundschaft zählt, erwähnt Windbichler fast nebenbei. „In Österreich geht der Großteil der Netflix-Filme über unser Rechenzentrum. Wir haben eine direkte Verbindung. Wenn die neue Staffel von ‚The Walking Dead‘  startet, dann geht es da unten richtig ab“, sagt der Anexia-Chef mit Verweis aufs Untergeschoß. Von außen merkt man es dem Haus in der Hofmühlgasse nicht an – doch tatsächlich handelt es sich um eine Datenhochburg. In dem ­Rechenzentrum sind Hunderte Petabytes an Daten gespeichert (ein Petabyte entspricht einer Million Gigabyte). „Wir verbrauchen hier so viel Strom wie der fünfte und sechste Bezirk zusammen, das ist wie eine Kleinstadt hier“, sagt Windbichler. Sollten die Transformatoren, durch die Starkstrom mit 10.000 Volt zuckt, einmal überlastet sein oder ausfallen, gibt es an dem Standort genug Diesel, um Generatoren drei Tage lang Energie produzieren zu lassen. Immerhin, so Windbichler, laufe das Rechenzentrum zu 100 Prozent mit Grünstrom, Kühlflüssigkeit für die Großrechner wird vom Keller aufs Dach und wieder zurück geleitet, um sie oben vom Wind wieder auf kalte Temperaturen bringen zu lassen.

In diesem Haus ist das Wiener Rechenzentrum von Anexia. © Jakob Steinschaden
In diesem Haus ist das Wiener Rechenzentrum von Anexia. © Jakob Steinschaden

Europäische Cloud im Aufwind

Netflix, das seit etwa eineinhalb Jahren in Österreich verfügbar ist, hat bei Anexia deswegen seine Inhalte zwischengespeichert, um die Daten möglichst nah bei den Kunden zu ­haben und so möglichst ruckelfreie Streams anbieten zu können. Selbst betreibt die US-Firma keine eigenen Rechenzentren, sondern hat zu ­Spezialisten ausgelagert – allen voran Amazon, dem Marktführer im Cloud-Geschäft, aber eben auch kleineren lokalen Firmen wie Anexia. Die in Kärnten gegründete Firma, die heute neben Wien Büros in Klagenfurt, Graz, München, Berlin, New York und Los Angeles hat, zählt wiederum die Amazon-Tochter Twitch zu seinen Kunden. Weil Amazon-Cloud den Qualitätsanforderungen der ­Videoplattform, auf der man live ­Gamern beim Computerspielen zusehen kann, in Südamerika nicht gerecht wird, hat man für den dortigen Markt eben Anexia als Dienstleister gewählt. „Wir sind eine Alternative zu den großen Cloud-Anbietern wie Amazon, Microsoft oder Google“, sagt Windbichler.

Zutritt nur nach Handscan

Derzeit wird der Markt noch von den US-Unternehmen ­dominiert: Amazon führt laut Marktforscher Synergy Research mit satten 31 Prozent Marktanteil vor Microsoft (neun Prozent), IBM (sieben Prozent) oder Google (vier Prozent) und scheffelt mit der Cloud-Sparte mittlerweile Milliarden US-Dollar Umsatz pro Quartal. Doch gerade für kleinere europäische Konkurrenten geht jetzt der Markt auf. „Weil die Kunden das hier wirklich physisch sehen und angreifen können”, sagt Windbichler. Europäische Kunden würden es schätzen, dass die Daten in Österreich, einem Land mit einem ­vergleichsweise ­hohen Datenschutzniveau, liegen. Die Snowden-Enthüllungen rund um die NSA-Überwachung, aber auch das Aus für das Datenschutzabkommen „Safe Harbor“ zwischen den USA und der EU, haben dafür gesorgt, dass die Nachfrage nach europäischen Cloud-Lösungen gestiegen ist. Selbst der IT-Riese Microsoft oder der populäre Onlinespeicherdienst Dropbox haben sich mittlerweile darauf verlegt, Daten von EU-Bürgern in europäischen Rechenzentren zu speichern, die dort vor dem Zugriff durch US-Geheimdienste weitest­gehend sicher sind.

„Bei der Cloud ist das Thema Vertrauen sehr wichtig. Man muss dem Kunden belegen, dass die Daten bei uns sicher sind. Gerade die deutschsprachigen Kunden sind da sehr kritisch“, weiß Windbichler. Deswegen hat er sich für seine Firma nicht nur verschiedene TÜV-Zertifizierungen geholt (ins Wiener Datencenter kommt man nur nach einem Scan der Handfläche), sondern strebt auch das EuroCloud-Gütesiegel an, das gerade dabei ist, sich als vertrauenswürdige Auszeichnung zu etablieren. Der österreichische Konkurrent Fabasoft aus Linz hat als erste Firma überhaupt eine Fünfsternbewertung durch EuroCloud erhalten – im Rennen um Kunden mitunter ein Vorteil.

Die Server-Räume sind durch Handvenen-Scanner abgesichert. © Jakob Steinschaden
Die Server-Räume sind durch Handvenen-Scanner abgesichert. © Jakob Steinschaden

Das Internet der Dinge naht

Um mit den US-Größen mithalten zu können, hat man sich bei Anexia mittlerweile sogar darauf verlegt, ­andere Firmen aufzukaufen – zuletzt schnappte sich die übergeordnete ANX Holding den Internet-Provider Telematica und den Web-Hoster Emerion, um Unternehmen ein breiteres Portfolio anbieten zu können. Das nächste große Ding neben der Cloud könnte aber „Internet of Things“ (IoT) heißen. Für den Heizungshersteller Vaillant etwa hat man eine App mitsamt zugehöriger IT-Infrastruktur entwickelt, damit Konsumenten künftig die Zimmertemperatur per App regeln können. Die Marschrichtung beim Internet of Things geben wiederum die US-Riesen wie Google vor, die immer mehr Geräte im Haushalt „smart“ miteinander vernetzen wollen.

Da diese ­Geräte dann ständig Daten senden und empfangen müssen, braucht es als Drehscheibe eben die Cloud, in der sie zusammenfließen und dann an andere Anwendungen weitergeschickt werden. Dafür einen verlässlichen Partner mit hohem Datenschutzniveau zu haben, ist für europäische Firmen, die ins IoT-­Geschäft wollen, wiederum ein wichtiger Faktor. Um mit den bei Software oft überlegenen Amerikanern mithalten zu können, reinvestiert man bei Anexia zehn bis fünfzehn Prozent des Umsatzes in die eigene Forschung und Entwicklung.

Das Gegenteil von Start-up

Ob Windbichlers Firma und andere europäische Cloud-Anbieter von ­ihrem Standortvorteil „Datenschutz“ profitieren werden, werden die nächsten Jahre zeigen. Fix für den Geschäftsführer ist jedenfalls eines: „Wir haben keine Exit-Strategie, wir wollen nicht verkaufen. Es ist ein Vorteil, nicht von einem Investor getrieben zu sein. Ich will als Eigentümer nicht massiv absahnen, sondern das Unternehmen nachhaltig weiter wachsen lassen.“ Hätte er Anexia erst in den vergangenen drei Jahren gegründet, wäre Windbichler wohl als Start-up-Gründer gehandelt worden. „Start-up-Gründen war damals noch kein Begriff, man hat sich halt einen Gewerbeschein geholt. Heute würde ich das wahrscheinlich anders angehen.“

Auch der Weg der Firma, die heuer immerhin ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, unterscheidet sich von der ­typischen Start-up-Karriere – denn Windbichler hat anders als Runtastic, Shpock und Co nie Risikokapital aufgenommen. „Wir haben keine externen Investoren an Bord geholt, weil wir in kein Abhängigkeitsverhältnis geraten wollten wie so viele andere. So sind wir zwar langsamer gewachsen, und wir haben unser Wachstum immer aus dem eigenen Cashflow finanziert.“

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