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Jeff Bezos

„Ich glaube, Amazon sollte unter die Lupe genommen werden“

Jeff Bezos. © Steve Jurvetson/ Flickr (CC BY 2.0)
Jeff Bezos. © Steve Jurvetson/ Flickr (CC BY 2.0)

Wenn der reichste Mann der Welt sich vor der US-Politik für die Marktmacht seines Unternehmens rechtfertigen muss, dann ist das ein außergewöhnlicher Moment in der Geschichte. Zwar wird dieser Moment nur virtuell via Video-Call stattfinden und auch Mark Zuckerberg von Facebook, Tim Cook von Apple und Sundar Pichai von Google als Stargäste haben, doch wird er dennoch an das Jahr 1994 erinnern. Damals traten die sieben Chefs der US-Tabakindustrie vor den US-Kongress, um dort unter anderem zu behaupten, dass Zigaretten nicht süchtig machen würden.

Jeff Bezos wird sich vor dem Unterausschusses  für Kartellrecht des US-Repräsentantenhauses zur Dominanz von Amazon äußern müssen. Was er den 15 Vertretern des Ausschusses sagen wird, ist schon vorab klar. Bezos hat seine Zeugenaussage bereits veröffentlicht. Darin ist nicht nur viel Patriotismus zu finden und zu lesen, dass er sein erstes Kapital für die Gründung von Amazon von seinen Eltern bekam, sondern auch, warum Amazon gut für die USA ist.

„Prüfung mit Bravour bestehen“

„Ich glaube, Amazon sollte unter die Lupe genommen werden. Wir sollten alle großen Institutionen unter die Lupe nehmen, ob es sich nun um Unternehmen, Regierungsbehörden oder gemeinnützige Organisationen handelt. Unsere Verantwortung besteht darin, sicherzustellen, dass wir eine solche Prüfung mit Bravour bestehen“, schreibt Bezos, der während der Corona-Krise noch reicher als ohnehin wurde.

Das Unternehmen mit Hauptsitz in Seattle ist der zweit größte Arbeitgeber in den USA nach Walmart und beschäftigt direkt mehr als eine Million Menschen – 175.000 davon wurden in der Corona-Krise angestellt. Auch rühmt sich Bezos dafür, dass sein Unternehmen den Mindestlohn Anfang 2019 für alle Mitarbeiter auf 15 Dollar angehoben hat. Über die zunehmende Automatisierung des Geschäfts und die jahrelange Kritik an den Arbeitsbedingungen in den Warenlagern verliert er aber kein Wort – und auch nicht darüber, dass die Mindestlohn-Idee nicht seine, sondern die von Gewerkschaften angeführte Kampagne „Fight for $15“ war. Die startete übrigens 2012.

1,7 Millionen Händler am Marktplatz

Ein großer Kritikpunkt an Amazon ist sein Marktplatz. Bezos zufolge gibt es weltweit mittlerweile 1,7 Millionen Händler, die über Amazon verkaufen. Das soll indirekt 2,2 Millionen Jobs geschaffen haben, und 60 Prozent der Verkäufe physischer Produkte sollen von diesen Drittanbietern kommen und nicht von Amazon selbst. Dass das Unternehmen an diesen Verkäufen natürlich trotzdem mitverdient, lässt Bezos außen vor. Erwähnt wird auch nicht, dass Amazon vielen kleinen Händlern mit eigenen Produkten Konkurrenz macht – das Unternehmen soll mittlerweile 45 Eigenmarken haben und über diese insgesamt 243.000 unterschiedliche Produkte vertreiben (ProPublica berichtete).

Auf die große Datenfrage geht Bezos auch nicht ein. So wird Amazon vorgeworfen, dass es die Daten aus dem Marktplatz (Angebot, Preis, Nachfrage etc.) dazu nutzt, um die eigenen Produkte zu optimieren.

Konkurrenten – welche Konkurrenten?

Interessant zu lesen ist auch, wie Bezos Amazon kleinredet. „Der globale Einzelhandelsmarkt, auf dem wir konkurrieren, ist auffallend groß und außerordentlich wettbewerbsintensiv. Amazon macht weniger als 1 Prozent des weltweiten Einzelhandelsmarktes von 25 Billionen US-Dollar und weniger als 4 Prozent des Einzelhandels in den USA aus“, so Bezos. Target, Costco, Kroger oder Walmart wären die großen Rivalen, dazu würden sich noch Shopify und Instacart gesellen.

Das sind interessante Vergleiche, die auf den zweiten Blick aber nicht so wirklich passen. Mit Target, Costco, Kroger oder Walmart konkurriert Amazon vor allem im Offline-Bereich mit seiner Tochter Whole Foods und einigen Amazon Go-Märkten, online haben sie keine Chance gegen Amazon. Und Shopify aus Kanada und Instacart aus San Francisco sind anders gelagert; Shopify bietet Online-Shop-Systeme für kleine Händler an, Instacart deckt als Lieferdienst für Lebensmittel nur einen Bruchteil des Sortiments von Amazon ab.

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