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Accelerator oder Risikokapital? „Wir dürfen die Startups nicht zu Tode kuscheln“

Christoph Kanneberger (APEX Ventures), Sören Obling (Finabro), Nicole Stroj (Raiffeisen Bank International AG), Martin Bittner (Moderation, acccoi), Peter Lasinger (capital300) und Jörg Flöck (MM Ventures). © Brandl & Talos Rechtsanwälte GmbH/APA-Fotoservice/Tanzer
Christoph Kanneberger (APEX Ventures), Sören Obling (Finabro), Nicole Stroj (Raiffeisen Bank International AG), Martin Bittner (Moderation, acccoi), Peter Lasinger (capital300) und Jörg Flöck (MM Ventures). © Brandl & Talos Rechtsanwälte GmbH/APA-Fotoservice/Tanzer

Bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO fand gestern in Kooperation mit der Anwaltskanzlei Brandl und Talos Rechtsanwälte GmbH eine Diskussion zum Thema „Corporate Acceleration Program vs. Venture Finanzierung“ statt. Eine hochkarätig besetzte Runde näherte sich den Fragen, wie sinnvoll Acceleratoren-Programme großer Unternehmen bei Weiterveräußerung an internationale Venture Capital Fonds sind.

Am Podium waren Nicole Stroj (Head of Innovation, Raiffeisen Bank International), Jörg Flöck (MM Ventures), Peter Lasinger (capital300), Sören Obling (Finabro) und Christoph Kanneberger (APEX Ventures). 

Über die Teilnehmer

Nicole Stroj, RBI: „Die Raiffeisenbank International hat Anfang des Jahres einen Corporate Accelerator entwickelt. Am Pioneers Festival wurde das Elevator Lab präsentiert, das international nach Fintechs aus den Bereichen KMU Banking, Big Data Analytics, RegTech, Payment & Transactions, Branch of the Future, sowie Investing und Trading Tech suchte. 300 Bewerber meldeten sich an. Sechs wurden gewählt und starteten die Zusammenarbeit mit der Bank.“

Sören Obling, Finabro: „Bevor er das Startup finabro gründete, war Obling Anlage- und Vermögensberater und bei TTTech und McKinsey engagiert. Finabro agiert seit drei Monaten in Österreich. Kürzlich wurde die erste Finanzierungsrunde abgeschlossen. Die Uniqa wurde als Hauptinvestor gefunden.“

Christoph Kanneberger, APEX, ist Gründungspartner des tech-orientierten Apex Ventures. Dort sieht man sich als Company Builder. Das Kapital steht nicht im Mittelpunkt. Kanneberger war zuvor Investmentbanker, unter anderem bei JP Morgan. 

Peter Lasinger, capital300, gründete gemeinsam mit Roman Scharf den Wachstumsfonds capital300. Sie wollen die Lücke bei Wachstumsfinanzierungen (Series A + B ab) ab zwei Millionen Euro in Österreich schließen. Capital300 arbeitet mit internationalen Venture Capital Fonds zusammen. In den kommenden Wochen steht das erste Closing bei capital300 an. 

Jörg Flöck, MM Ventures, ist CEO bei Matchmaker Ventures, die junge Unternehmen mit Corporates zusammenbringen. Matchmaker Ventures sind auf Financial Services spezialisiert. Flöck arbeitete zuvor bei Thompson Reuters und wurde ab 2012 Business Angel für Fintechs.

Ist aktuell ein guter Zeitpunkt für Startup-Investments?

Lasinger, capital300: „Österreich ist international unterrepräsentiert. Dabei gibt es hier keine schlechteren Gründer. Der Markt ist sehr klein und ist international kaum sichtbar. Das bietet Financiers und Corporates große Chancen, um die globalen Märkte zu erschließen.“

Kanneberger, APEX: „Wir sind per Zufall Fund Manager geworden. Wir waren fünf Jahre als Business Angels unterwegs. Unser Vergnügen wurde zum Job, weil wir die notwendige Naivität mitgebracht haben. Der technologische Fortschritt bietet einen günstigen Zeitpunkt an, um in junge Unternehmen zu investieren. Viele entwickeln spannende Ideen. Das wollen wir begleiten.“

Finden die Corporates denn auch neue Businessmodelle durch die Acceleratoren? 

Stroj, RBI: „Unsere Bank spürt den Druck am Markt, weil Fintechs massiv und schnell wachsen. Deshalb war eine Entscheidung notwendig. entweder wir kooperieren mit Startups oder kapseln uns von der Innovation ab. Wir Banken sind nicht so flexibel und erfinderisch, wenn es um neue Geschäftsmodelle geht. Prozesse existieren, sind sehr effizient, aber alles ist auf den bekannten Markt ausgerichtet. Wir müssen jetzt etwas auf die Beine stellen, um den Herausforderungen gewachsen zu sein. Der Nutzen für uns und für die Startups soll dabei im Vordergrund stehen.“

Im Banking bleibt in den kommenden Jahren kein Stein auf dem anderen. Was soll passieren?

Stroj, RBI: „Am Ende muss Ergebnis stimmen. Ein Accelerator bringt Startups viel Druck. Unser CEO Johann Strobl hat große Hoffnung in den Accelerator, aber er hat auch gefordert, dass wir schnell Ergebnisse liefern müssen. Am Ende des Tages soll es unserem Business helfen. Deshalb ist der Accelerator stark auf Kooperation und nicht auf Equity ausgelegt.“

Lasinger, capital300: „Ein Investor sollte dem Startup durch sein Kapital und sein Netzwerk weiterhelfen. Ohne den Push des internationalen Investors gibt es keine steilen Wachstumskurven.“

Kanneberger, APEX: „Als Investoren gehen wir eine Verpflichtung ein, die maximale Rendite zu erreichen. Das ist der Interessenausgleich zwischen uns und den Startups. Wir investieren, weil wir später unseren Anteil wieder verkaufen wollen und das möglichst gewinnbringend. Wir investieren auch nur in die Felder, in denen wir einen persönlichen Background haben. Sonst gibt es für beide Seiten keinen Mehrwert.“

Wie blicken die VCs aus der Vogelperspektive auf Acceleratoren-Programme der Corporates?

Flöck, MM Ventures: „Es gibt eine Reihe von Acceleratoren, die wie ein Ritterschlag für die Startups sind. Y Combinator zum Beispiel. Mit so einem Meilenstein im Rucksack fällt meist auch das Fundraisen nicht schwer.“

Kanneberger, APEX: „Es ist wirklich schwer, das zu pauschalisieren. Für uns ist die Teilnahme bei einem Accelerator auf keinen Fall ein Ausschlusskriterium.“

Lasinger, capital300: „Dabei sein zu dürfen ist ein weiterer Proof of Concept. Aber ein Accelerator kann auch hinderlich sein. Es kommt darauf an, ob und in welchem Ausmaß Equity abgegeben wurde.“

Finabro hat mit der Uniqa einen echten Partner an Bord. Weshalb habt ihr euch zu diesem Schritt entschieden? 

Obling, Finabro: „Wir haben auch einen Londoner Hedgefonds im Cap Table und versuchen die beiden Themenfelder möglichst zu trennen. Vertrauen ist hier ein wichtiges Thema. Einerseits hilft uns das Corporate Vertrauen im Markt aufzubauen, andererseits hilft uns der renommierte Hedgefonds Kontakte zu den internationalen Investoren herzustellen. Die richtige Mischung ist also wichtig.“

Wie geht ihr bei Raiffeisen International mit den Startups um? Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Stroj, RBI: „Wir haben Startups ausgewählt, die auch als Produkt-Lieferant bei uns arbeiten wollen. Wir haben 50.000 Mitarbeiter, dort arbeiten minikleine Teams. Wie dürfen die Startups nicht zu Tode kuscheln. Wir müssen aufpassen, dass sie in den großen Moloch nicht umkommen.“

Flöck, MM Ventures: „Acceleratoren können die Optionen im späteren Unternehmensverlauf limitieren. In der klassischen GmbH können Leute zwischen Investor und operativ tätigen Personen entscheiden. Hat ein Corporate Anteile, wird die Zuordnung schon schwieriger.“

Ist Sourcing aus einem Accelerator interessant?

Lasinger, capital300: „Natürlich sind Acceleratoren auch ein Kanal, den man screenen kann. Es kommt aber immer auf den Einzelfall an. Es kann aber durchaus funktionieren es. Wichtig ist, dass das Corporate keine Sonder- oder Vetorechte hat.“

Obring, Finabro: „Wenn das Corporate kein Equity nimmt, dann hat das viele Vorteile. Ein gutes Beispiel ist die Beteiligung von Audi an TTTech. Über die Zeit wurde das Unternehmen der wichtigste Partner für das Projekt „selbstfahrende Autos“. Dann beteiligte sich General Electric, später butterte Samsung über eine Milliarde in TTTech. Wenn der eigene Plan groß genug angelegt ist, dass kann etwas sehr gutes aus den Acceleratoren entstehen. Es ist ein Community-Thema.“

Ihr investiert in viele verschiedene Projekte. Worauf schaut ihr im Detail?

Flöck, MM Ventures: „Wir wollen in 12 Monaten einen Impact generieren. Wir wollen schnell Revenue haben. Produkt und Kunden sollten also schon da sein. Die Skalierung und das Geschäftsmodell müssen passen. Im B2B-Bereich muss die technische Integrierung einfach sein, sonst kommt es zum Stau in der Workflow-Pipeline beim Corporate und Projekte können schnell versanden.“

Kanneberger, APEX: „Fintechs sind sehr kapitalintensiv. Es kann schnell sieben oder acht  Finanzierungsrunden geben. Dann ist sehr früh, schon sehr viel Equity verbrannt. Dann kann die Motivation der Eigentümer auch verloren gehen. Wir streben bis zu 20 Prozent in den ersten Runden an, weil wir durch die Early-Stage-Investments später definitiv verwässert werden. Wir können dann zwei oder drei Runden mitziehen. Am Ende wollen wir zehn Prozent halten, dann ergibt sich für uns ein rundes Bild.“

Lasinger, capital300: „Nach der Series A-Runde sollten das Management-Team und die Gründer über 50 Prozent der Anteile halten. Das ist eine Silicon Valley-Bauernregel. Natürlich braucht die Entwicklung eines fliegenden Autos mehr Finanzierung. Aber wir versuchen uns immer an diese Faustregel zu halten.“

Obling, Finabro: „Das Puzzle muss einfach passen. Gibt man zu Beginn mehr ab, dann können wir bis zur Series A eine höhere Traktion haben. Viele Anteile bringen nicht mehr Motivation. Die grundlegende Motivation sollte sein, die Firma aufzubauen.“

Welche Tipps würdet ihr Startups mit auf den Weg geben, die beim Fundrasing nach dem richtigen Weg suchen?  

Kanneberger, APEX: „Get a funding. Vor allem, solange man es noch nicht wirklich braucht und auf das Timing achten. Der Partner sollte gute Referenzen haben. Das Startup sollte genau überlegen, ob der künftige Partner auch die richtige Hilfestellung anbieten kann. Die potenziellen Kunden, die ein Partner einbringen kann, können das Startup auf eine andere Stufe heben. Viele größere Funds investieren in Europa leider ja erst, wenn die ersten Umsätze da sind. „

Obling, Finabro: „Keep on going. Der Funding-Prozess ist das Härteste überhaupt. Vor allem wenn man nur einen Prototypen und ein paar Powerpointfolien zur Verfügung hat, holt man sich oft eine blutige Nase. Das ist schon hart für das Selbstvertrauen.“

Stroj, RBI: „Klare Anwendungsfälle entwickeln. Wenn das Corporate zu eng eingebunden ist, dann produziert ein Accelerator sehr schnell Waisen. Das Startup muss in der Organisation ankommen. Corporates haben den Vorteil, dass sie auch spät investieren können. Wir müssen das Gefühl haben, dass sich auch liefern können.“

Lasinger, capital300: „Das Timing ist ganz wichtig. Startups dürfen sich um keinen Fall zu spät um dieses Thema kümmern. Wir bei Capital300 verbringen viel Zeit mit den jungen Unternehmern und schauen, ob es passt. Venture bedeutet, Selbstkontrolle aufzugeben. Das Mindset muss so strukturiert sein, dass dadurch der Kuchen vergrößert und nicht verkleinert wird. Wenn diese Einstellung nicht gegeben ist, dann wird es schwierig Kapital aufzunehmen.“

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